Kapitel 2
„Na was haben wir denn da? War da jemand ein böses Mädchen? Und wo sind überhaupt deine Schuhe?“
Irritiert blicke ich auf und muss lachen. Vor mir steht Leonie, ein Mädchen aus der Realschule, das auch öfter in den Trainingsraum muss. Ich finde sie einfach nur cool. Jetzt steht sie vor mir, sieht mich streng an und wackelt mit dem Zeigefinger, wie es Eltern bei unartigen Kindern machen und dabei „Du! Du! Du!“ sagen. Das sieht so lustig aus, weil sie eine Kappe verkehrtherum auf dem Kopf trägt, ihr schwarzes Shirt mit einem grellen Graffiti Aufdruck auf der rechten Seite zusammengeknotet hat, sodass ihr Bauch auf der linken Seite frei ist und ihre zerfransten Jeans Shorts mit einem Gürtel mit einem Teufel Smiley auf der Schnalle gehalten werden. An den Füßen trägt sie ausgelatschte Converse, mit denen sie mir jetzt gegen meine bloßen Fußsohlen tippt. Tatsächlich war ich so neben der Spur als Herr Zimmermann mich in den Trainingsraum geworfen hat, dass ich ganz vergessen habe, meine Sandaletten wieder anzuziehen und einfach barfuß losmarschiert bin. Aber ich bin sowieso gerne barfuß. Das habe ich von meinen Eltern, die machen das auch und sagen, das wäre gesund. Leonie setzt sich neben mich und legt mir den Arm über die Schulter, wie es die Jungs manchmal bei ihren besten Kumpels machen. „Also meine Kleine, was hast du mal wieder angestellt?“. Wieder muss ich lachen, schließlich bin ich zwei Jahre älter und mindestens zwanzig Zentimeter größer als Leonie. „Eigentlich nichts. Ich wurde beim Kaugummikauen erwischt und als sich danach ein Junge über mich lustig gemacht hat, habe ich ihm den Mittelfinger gezeigt und der hat mich halt gleich verpetzt“. Leonie schüttelt den Kopf. „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass Kaugummis nicht gut für deine Zähne sind, kleine Schwester? Und das mit dem Mittelfinger gefällt mir gar nicht. Du willst doch nicht so enden wie ich, oder?“ Wieder muss ich lachen. „Wieso denn nicht, du bist doch mein Vorbild, große Schwester“. In dem Moment kommt Herr Jürgens um die Ecke. „Tut mir leid, wartet ihr schon lange?“ fragt er freundlich, während er den Trainingsraum aufsperrt. Er trägt ein schwarzes Hemd und auf dem Kopf ein Piratentuch. Er sagt, dass er das braucht, um keinen Sonnenbrand auf der Glatze zu bekommen. Ich finde, dass es ziemlich lustig aussieht. „Nur kein Stress. Ich habe schon ein ernstes Wort mit meiner kleinen Schwester gesprochen. Sehen Sie sich das an. Erst kaut sie Kaugummi, dann zeigt sie einem Jungen den Mittelfinger und jetzt läuft sie hier einfach barfuß rum. Das gehört sich doch nicht. Das junge Fräulein kann sich warm anziehen, wenn wir zuhause sind“. Leonie sieht mich streng an und ich senke meinen rot angelaufenen Kopf. Der arme Herr Jürgens steht er irritiert da und sieht uns fragend an. „Na gut, wenn du versprichst, dass du ab jetzt brav bist, drücke ich nochmal ein Auge zu“, bietet mir Leonie großzügig an. „Natürlich. Du bist die Chefin“, antworte ich und versuche, dabei halbwegs ernst zu klingen. „Gut so. Und jetzt setz dich und schreib deinen Text“. Während Leonie lässig auf einen der Tische zusteuert und sich auf den Tisch setzt, deutet sie mit ihrem Zeigefinger abwechselnd auf Herrn Jürgens und mich. „Im Trainingsraum wird nicht gequatscht. Ich erwarte absolute Stille“. Haha, das sagt Herr Peters jedes Mal, wenn er einem im Trainingsraum das Arbeitsblatt in die Hand drückt. Es ist so cool, wie Leonie die ganze Zeit vollkommen ernst bleiben kann, während sie die Show abzieht. Herr Jürgens gibt uns die Arbeitsblätter. Am Anfang muss man immer die Felder mit Namen, Klasse, Datum, Stunde und dem Lehrer, der einen in den Trainingsraum geschickt hat, ausfüllen. Das geht schnell. Danach muss man mindestens eine halbe Seite darüber schreiben, warum man in den Trainingsraum geworfen wurde. Dabei steht das eh auf dem Trainingsraumzettel und ich muss mir immer alles aus den Fingern saugen, weil ich heute zum Beispiel einfach schreiben würde „Ich habe Kaugummi gekaut und danach Steffen den Mittelfinger gezeigt, weil er sich über mich lustig gemacht hat“. Aber das füllt natürlich keine halbe Seite. Darum schreibe ich einfach alles auf, was ich in der Stunde gemacht habe:
Ich hatte heute in den ersten beiden Stunden Mathe. Ich war sehr müde und wollte nicht einschlafen. Darum habe ich Kaugummi gekaut. Das hilft mir dabei, nicht einzuschlafen. Herr Zimmermann hat mich erwischt und ich habe das Kaugummi rausgenommen und weggeworfen. Dafür habe ich die erste Verwarnung bekommen. Danach bin ich wieder fast eingeschlafen. Aber dann hat Herr Zimmermann mich an die Tafel gerufen, um die Aufgabe zu lösen. Das konnte ich nicht, weil ich nicht aufgepasst habe. Herr Zimmermann hat mit mir geschimpft und ich musste wieder an meinen Platz gehen. Steffen hat mir das Loser Zeichen gezeigt und mich ausgelacht, weil ich die Aufgabe nicht lösen konnte. Das hat mich wütend gemacht. Darum habe ich ihm den Mittelfinger gezeigt. Steffen hat das Herrn Zimmermann gesagt und ich musste in den Trainingsraum.
Gut. Der erste Teil wäre geschafft. Die nächste Frage ist, gegen welche Regeln ich verstoßen habe. Das ist wieder leicht:
Ich habe gegen die Regel verstoßen, dass Kaugummis im Unterricht verboten sind und gegen die Regel, dass man niemanden beleidigen darf.
Jetzt soll ich erklären, wofür die Regeln gut sind, gegen die ich verstoßen habe.
Man darf im Unterricht kein Kaugummi kauen, weil das unhöflich ist und Andere stört. Man darf Andere nicht beleidigen, weil die sich dadurch verletzt fühlen.
Welche Folgen hatte mein Fehlverhalten für meine Mitschülerinnen und Mitschüler und meine Lehrerin/meinen Lehrer?
So eine doofe Frage. Was ist denn mit mir? Schließlich hat Herr Zimmermann mich vor der ganzen Klasse gedemütigt und Steffen hat mir das Loser Zeichen gezeigt. Warum interessiert sich keiner dafür, wie ich mich gefühlt habe? Na gut, ich habe ja keine Wahl:
Herr Zimmermann hat sich geärgert, weil ich weiß, dass Kaugummikauen verboten ist und ich es trotzdem gemacht habe. Wenn das noch jemand gesehen hat, hat ihn das bestimmt auch gestört, weil Viele Kaugummikauen eklig finden. Steffen hat sich verletzt gefühlt, weil ich ihm den Mittelfinger gezeigt habe.
Das ist natürlich Blödsinn. Das war schließlich genau das, was Steffen wollte, und er hat sich darüber gefreut, dass ich in den Trainingsraum musste. Aber das darf man nicht schreiben. So viel habe ich mittlerweile gelernt. Der Lehrer, bei dem man in den Trainingsraum geflogen ist, liest sich das Arbeitsblatt durch und wenn er nicht zufrieden ist, muss man wieder in den Trainingsraum. Die Lehrerinnen und Lehrer wollen immer nur lesen, dass man einsieht, dass man selbst an allem Schuld war, dass es einem Leid tut, dass man sich entschuldigen möchte und sich bessern will. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer lesen sich nicht den ganzen Text durch, aber Herr Zimmermann ist da sehr streng. Besonders bei Mädchen und ganz besonders bei mir.
Warum habe ich gegen die Regeln verstoßen?
Ich habe Kaugummi gekaut, weil es mir hilft, wach zu bleiben. Ich weiß aber, dass das falsch war.
Ich habe Steffen den Mittelfinger gezeigt, weil ich wütend auf ihn war. Das war gemein von mir und ich sollte so etwas nicht machen.
Wenn ich an dieser Stelle schreiben würde, dass ich Steffen den Mittelfinger nur deshalb gezeigt habe, weil er mir vorher das Loser Zeichen gezeigt hat, würde Herr Zimmermann mich direkt in den Trainingsraum zurückschicken, weil ich versuchen würde, Steffen die Schuld zu geben. Also lasse ich das weg und schreibe brav, dass ich böses Mädchen alles falsch gemacht habe und niemand sonst.
Was werde ich in Zukunft anders machen?
Ich werde in Zukunft früher ins Bett gehen, damit ich im Unterricht nicht so müde bin. Ich werde im Unterricht kein Kaugummi mehr kauen. Wenn ich auf jemanden wütend bin, werde ich niemandem mehr den Mittelfinger zeigen, sondern nach der Stunde mit ihm darüber sprechen.
Was werde ich tun, damit ich wieder am Unterricht teilnehmen darf?
Ich werde mich bei Herrn Zimmermann entschuldigen und versprechen, mich an die Regeln zu halten.
Das ist der Standardsatz, den man so oder so ähnlich unbedingt schreiben muss, und zwar bei jedem Lehrer und jeder Lehrerin. Die meisten lesen vom ganzen Arbeitsblatt auch nur diesen Satz und wenn man dann noch brav „Entschuldigung“ sagt, darf man wieder mitmachen. Bei Herrn Zimmermann muss man sich aber vor der ganzen Klasse entschuldigen, sodass es alle mitbekommen. Das ist voll peinlich.
Welche Hilfe/Unterstützung brauche ich, um mich künftig an die Regeln halten zu können?
Ganz ehrlich: Was soll diese Frage? Was für eine Unterstützung sollte das bitte sein? Ein laminierter Zettel mit den Unterrichtsregeln, der einem auf den Tisch geklebt wird? Ein Klebeband, mit dem ich mir den Mund zuklebe, damit kein Kaugummi mehr reingeht? Oh, und vielleicht noch Fäustlinge, damit ich niemandem mehr den Mittelfinger zeigen kann. Das mit dem Klebeband würde Herrn Zimmermann bestimmt gefallen. So ein Schwachsinn!
Ich brauche keine Hilfe oder Unterstützung.
Damit wäre ich fertig und schaue auf die Uhr. Leider ist gerade einmal die erste Stunde vorbei. Zum Glück darf man bei Herrn Jürgens noch länger bleiben. Am besten wäre es, wenn ich kurz vor Ende der zweiten Stunde zurückgehe. Dann bekomme ich noch die Hausaufgaben mit und muss nicht nachfragen. Ich weiß aber nicht, ob Herr Jürgens mich noch so lange dableiben lässt. Das wäre schon ziemlich lang. Mittlerweile ist auch Leonie fertig und grinst mich an. „Herr Jürgens, wie oft war ich jetzt im Trainingsraum?“ Herr Jürgens nimmt Leonies Ordner aus dem Regal hinter dem Lehrerpult. Jede Schülerin und jeder Schüler, der oder die zum ersten Mal in den Trainingsraum muss, bekommt einen Ordner. Die Trainingsraumaufsicht kopiert den Trainingsraumzettel (der, den einem der Lehrer mitgibt) und heftet es zusammen mit dem Durchschlag des Arbeitsblatts in den Ordner. Außerdem gibt es in dem Ordner eine Liste, in die jeder Besuch eingetragen wird. Bei jedem dritten Besuch bekommt man einen Elternbrief, den man unterschreiben lassen muss. Auch davon kommt eine Kopie in den Ordner. Das Regal ist in drei Bereiche unterteilt. Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Im Bereich Hauptschule stehen die meisten Ordner, im Bereich Gymnasium sind es gerade mal zehn und von denen ist meiner mit Abstand der dickste. „Meinst du dieses Schuljahr, oder insgesamt?“ „Beides“. Herr Jürgens blättert in Leonies Ordner herum und zählt. „Dieses Schuljahr zweimal, letztes Schuljahr fünfzehn Mal. Also insgesamt 17“. „Cool. Darf ich meinen Ordner mal sehen?“ Das interessiert mich natürlich auch. „Und ich?“ Herr Jürgens seufzt. Da dieses mein viertes Jahr an dieser Schule ist, hat sich bei mir natürlich einiges angesammelt. „WOW!“ bemerkt Leonie, als Herr Jürgens meinen prallgefüllten Ordner hervorholt. Natürlich braucht er auch länger, um meine Besuche zusammenzuzählen. „vierunddreißigmal in der fünften, neunzehnmal in der sechsten, einundzwanzigmal in der siebten und bis jetzt dreimal in der achten Klasse. Das macht insgesamt 77-mal“. „Wie krass bist du denn?“ Leonie sieht mich beeindruckt an, während ich rot anlaufe. Bis jetzt war es mir immer nur peinlich, dass ich so oft im Trainingsraum war, vor allem als Mädchen. Aber gegenüber Leonie bin ich plötzlich sogar ein bisschen stolz. „Darf ich mal deinen Ordner sehen?“ „Nur wenn ich auch deinen sehen darf“. „Klar“. Herr Jürgens ist zuerst skeptisch, weil es natürlich verboten ist, dass Schülerinnen die Ordner von anderen Schülerinnen lesen. Aber Leonie und ich (vor allem aber Leonie) spielen all unsere Überredungskünste aus, bis er nachgibt. Ich habe tatsächlich noch nie so etwas Lustiges wie Leonies Trainingsraumakte gelesen. Ich wurde meistens nur wegen Quatschen, Reinrufen und so weiter in den Trainingsraum geschickt. Ich habe nämlich ADHS und bin immer total aufgedreht. Es fällt mir schwer, längere Zeit still zu sein. Bei Leonie stehen dagegen Gründe wie: „Leonie nahm am Beginn der Stunde am Lehrerpult Platz und legt die Füße auf den Tisch. Dort blieb sie auch nach der zweiten Verwarnung“, „Leonie sang im Englischunterricht deutsche Schlager“, „Leonie kletterte mitten in der Stunde aus dem Fenster“, „Leonie tanzte während der Stunde auf dem Tisch“, „Leonie malte ein riesiges männliches Geschlechtsorgan an die Tafel“, „Leonie und ihre Nachbarin bemalten sich gegenseitig und hörten trotz ausdrücklicher Verwarnung nicht auf“. „Leonie spielte während der fünf Minuten Pause im Klassenraum Fußball und zerstörte dabei eine Deckenlampe“. Ich sagte ja schon: Leonie ist einfach unglaublich cool und im Gegensatz zu mir auch richtig selbstbewusst. Sie hätte sich von Herrn Zimmermann und Steffen bestimmt nicht derart demütigen lassen. Leider hatten wir bis jetzt fast nur im Trainingsraum Kontakt und quatschen manchmal ein bisschen, wenn wir uns mal zufällig auf dem Schulhof sehen. Ich will, dass sich das ab sofort ändert. Herr Jürgens findet, dass wir jetzt genug herumgealbert haben und schickt uns zurück in die Klassen. Weil es mein dritter Besuch in diesem Schuljahr war (und es ist gerade Ende August, das heißt, das Schuljahr ist erst einen Monat alt), bekomme ich von Herrn Jürgens noch einen Elternbrief mit. Früher hat er sogar öfters einen Besuch aus der Liste herausradiert, wenn ich sonst einen Brief bekommen hätte, aber wenn er das jedes Mal machen würde, wäre das zu auffällig. Leonie und ich gehen zusammen über den Schulhof, bis wir vor dem Realschulgebäude sind, wo sich unsere Wege trennen. „Hättest du eigentlich Lust, mich mal zu besuchen?“ frage ich sie. „Klar, oder du mich. Willst du heute nach der Schule zu mir kommen? Ich wohne eh in der Nähe“. Ich freue mich riesig und würde am liebsten gleich zusagen, aber dann fällt mir der Zettel in meiner Hand ein. „Voll gerne, aber das geht leider nicht. Wenn ich meiner Mum den Brief hier zeige, kriege ich Hausarrest“. Leonie sieht mich mitleidig an. „Echt? Ich hatte noch nie Hausarrest, obwohl ich dauernd Scheiße baue. Weißt du, wie lange?“ „Eh nur einen Tag. Beim zweiten Brief dann zwei Tage und so weiter. Morgen können wir uns also gerne treffen“. Leonie grinst. „Also gut. Dann kommst du Morgen nach der Schule mit zu mir. Hast du eh nach der Sechsten Schluss? Dann treffen wir uns hier“. Ich nicke und freue mich, dass ich vielleicht eine neue Freundin gefunden habe.