Januar 6, 2026

Miri und Tino

Miri und Tino

Kapitel 1 (Miri)

Yes! Auf den Zentimeter genau passt der schöne, alte Sekretär, den ich auf dem Flohmarkt gefunden habe, in die Ecke neben dem Fenster in meinem neuen WG-Zimmer. Ich liebe alte Möbel und Sekretäre haben es mir schon länger angetan. Natürlich wäre es bei meinen Eltern nie in Frage gekommen, so ein „nutzloses altes Ding“ anzuschleppen. Nun, nutzlos ist er sicher nicht, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass mein neues Möbel nicht gerade besonders handlich ist. Gut, dass Sven mir beim Tragen geholfen hat. Allein hätte ich den Sekretär nie in unsere Altbauwohnung im dritten Stock (natürlich ohne Aufzug) bekommen. Überhaupt habe ich viel Glück, diese tolle WG gefunden zu haben und so ein günstiges Zimmer ist auch eine Seltenheit. Die meisten ausgeschriebenen Zimmer waren in langweiligen Neubauten, oder für mich unerschwinglich. Zufrieden begutachte ich mein neues Zuhause. Mein erstes eigenes Zuhause. Unglaublich. Vor ein paar Monaten habe ich mich noch durchs Abi gekämpft, vor einem Jahr dachte ich, dass ich es vergeigt hätte, vor zwei Jahren habe ich mit dem Schwänzen angefangen und vor drei Jahren habe ich meine Eltern damit geärgert, dass ich mich für die Oberstufe angemeldet habe. Zu der Zeit bin ich auch mit Manu zusammengekommen…

Heute Abend werde ich, wie ich schon bei der Besichtigung versprochen habe, für alle kochen. Dafür muss ich noch zum Markt. Liebenswerterweise hat Lisa mir erlaubt, dafür ihr Fahrrad zu nehmen, das auch so einen praktischen Korb am Lenker hat. Bevor ich mit Manu zusammengekommen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es beim Kochen auch eine Welt gibt, die über Nudeln mit Sugo oder Kartoffeln mit Würstchen und Spiegelei hinausgeht. Aber dank Manu und seiner Mutter weiß ich jetzt unter anderem, dass man Gemüse am besten frisch auf dem Markt kauft und nicht in Konserven. Die wichtigste Lektion war aber, dass Kochen mehr als eine notwendige Arbeit ist, sondern richtig Spaß machen kann. Heute Abend soll es Ofengemüse mit Sauerrahmdipp und eine Linsensuppe geben. Ich bin mir sicher, meine „Mitbewohnis“ werden begeistert sein. Vor allem Sven hat es sich mit seiner heutigen Hilfe auch wirklich verdient. Ich freue mich schon auf das Leben in der WG und bin gespannt, wie das Zusammenleben mit diesen netten Leuten wird. Ich habe schon gehört, dass meistens jede und jeder für sich selbst kocht, manchmal aber auch gemeinsame Kochsessions stattfinden. Abends sitzt die WG gerne bei einem Bier oder Wein zusammen oder organisiert Spieleabende. Merle und Stefan gehen außerdem gerne in den Irish Pub, den ich unbedingt auch einmal besuchen soll.

Es ist ein richtig schöner, heißer Hochsommertag, so wie ich es liebe. Gemütlich radle ich am Kanal entlang Richtung Innenstadt und genieße es, mir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Allerdings wird meine Freude abrupt unterbrochen, denn plötzlich steht ein Polizist vor mir, der mich auffordert, anzuhalten. Mist! Natürlich bin ich freihändig gefahren und das scheint den Ordnungshütern nicht gefallen zu haben. Auch dass ich meine Kopfhörer aufhatte, macht sicher keinen guten Eindruck. Während mich der Polizist, der mich angehalten hat, unfreundlich dazu auffordert, meinen Ausweis vorzuzeigen und mich über mein Fehlverhalten belehrt, begutachtet sein Kollege das Fahrrad, an dem er zum Glück keine relevanten Mängel feststellen kann. Er knurrt mich nur an, dass ich gefälligst mal den Luftdruck prüfen sollte. Sein Kollege geht mit meinem Ausweis zum Streifenwagen und gibt wahrscheinlich meine Personalien durch, um sicherzugehen, dass er nicht zufällig eine Schwerverbrecherin, gegen die ein internationaler Haftbefehl vorliegt, beim freihändigen Fahrradfahren erwischt hat. Allerdings scheint sich heute keine Miriam Bauer unter den gesuchten Bösewichten zu befinden. Scheinbar hat mir meine alte Schule das regelmäßige Quatschen im Unterricht und die geschwänzten Tage in der Oberstufe mittlerweile ebenso verziehen, wie meine Eltern das nächtliche Herausschleichen trotz Hausarrest. Oder zumindest hielt es niemand für nötig, mir die Polizei hinterherzujagen. Schade eigentlich. Damit hätte ich jedenfalls mal wieder viel zu erzählen gehabt. Letzten Endes tausche ich einen Geldschein gegen einen Strafzettel und setze meinen Weg fort.

Die Auswahl auf dem Markt ist überraschend groß. Überall riecht es nach frischem Gemüse, nach Käse und nach gebackenen Champignons, die an einem der Stände angeboten werden. Der Markt befindet sich in der Altstadt und die Gebäude, die den Marktplatz umgeben, spenden dringend benötigten Schatten. Mir fällt ein, dass ich in den nächsten Tagen noch unbedingt die Innenstadt mit all ihren kleinen Geschäften und Fachwerkhäusern erkunden muss. Aber heute bin ich ja auf einer Mission. Bei Ofengemüse dürfen niemals Süßkartoffeln fehlen, von denen ich mir gleich zwei Kilo geben lasse. Dazu kommen noch rote Zwiebeln, Karotten, Fenchel, Champignons (die ich noch mit Schafskäse füllen werde), Paprika und zwei Auberginen. Außerdem besorge ich noch frischen Thymian, Rosmarin, Petersilie und Knoblauch. In der WG gibt es Olivenöl, das Sven von seinem Bruder bekommen hat, der in Griechenland im Urlaub war. Ich freue mich schon sehr auf das Schnippeln. Die Zutaten für die Linsensuppe habe ich Gestern schon besorgt. Zufrieden fahre ich nach Hause und lasse diesmal die Hände brav am Lenker.

Kapitel 2 (Tino)

Noch ein letztes Mal überprüfe ich mein Literaturverzeichnis und da ich keinen Fehler finden kann, schicke ich die Seminararbeit ab. Es ist ein schöner Sommertag und da ich zu Mittag fertig geworden bin, habe ich jetzt noch fast einen ganzen Tag, den ich draußen verbringen kann. Zufrieden, da ich mit der Seminararbeit heute ein wochenlanges Projekt abgeschlossen habe, bringe ich die Bücher zu den Rückgabefächern in den entsprechenden Regalen. Die Bibliothek an der Uni ist einer der wenigen geschlossenen Räume, in denen ich mich auch im Hochsommer gerne aufhalte. Es ist angenehm kühl und natürlich gibt es Unmengen an Büchern. Dank des 24-Stunden Zugangs habe ich hier auch schon die ein oder andere Nacht verbracht und die Schriften von Platon und Aristoteles studiert, oder mich in religionswissenschaftliche Themen eingelesen. Aber jetzt ist es an der Zeit, die Natur zu genießen. Ich verlasse die Bibliothek und schlendere über das Unigelände. Der Steinboden ist angenehm warm und nicht so heiß, wie die geteerte Brücke, die über den Kanal führt. Ich denke daran, dass die meisten Leute durch ihre Schuhe überhaupt nicht mitbekommen, über welche Untergründe sie laufen. Ich dagegen kann mich genau an alle Böden erinnern, die ich heute gespürt habe. Mein Schlafzimmerboden besteht aus Laminat, das, wenn man genau hin spürt, ein wenig rau ist. Der Gemeinschaftsraum meiner WG ist mit Steinfliesen ausgekleidet, die jetzt im Sommer immer schön kühl sind. In der Küche haben wir einen Linoleumboden, der, wohl auch weil zu selten geputzt wird, oft ein bisschen klebt. Vor dem Haus haben wir Asphalt. Bis zur Uni sitze ich auf dem Fahrrad und fahre über einen gepflasterten Weg und eine asphaltierte Straße bis zur Uni. Im Foyer sind Steinfliesen verlegt und der Boden in der Bibliothek besteht aus Vinyl, das immer ein wenig nachgibt und lustige Geräusche macht, wenn man einen (nackten) Fuß vom Boden löst. Erst vor ein paar Jahren habe ich die Vorteile des Barfußgehens für mich entdeckt. Bei meinen Eltern war daran gar nicht zu denken. Meine Mutter und meine Schwestern durften im Sommer zumindest Sandalen tragen, aber uns Jungs wurde beigebracht, gleich beim Aufstehen in die Hausschuhe zu schlüpfen und auch bei über 30°C immer „anständige“ Schuhe zu tragen. Aber natürlich beneide ich meine Schwestern nicht im Geringsten und es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass Angelina noch immer beigebracht wird, dass es eine Sünde ist, wenn Frauen Hosen tragen und unsere Eltern ihr weiterhin eintrichtern, dass sie sich ihrem künftigen Mann unterordnen muss. Ich hoffe, dass Angelina es irgendwann auch schafft, aus der Familie zu fliehen, so wie ich es gemacht habe. Vielleicht trifft auch sie einen Menschen wie Elena, durch die ich so viel über die Freiheit lernen durfte und die mir beigebracht hat, wie schön es ist, den Boden unter den nackten Füßen zu spüren. Sie meinte immer, es wäre wie eine kostenlose Fußmassage, allerdings weiß ich bis heute nicht, wie sich eine Fußmassage anfühlt.

Wenn ich schwimmen gehe, frage ich meistens Lisa, Merle oder Sven, ob sie mitkommen möchten. Aber heute möchte ich zu dem Baggersee im Wald außerhalb der Stadt. Eigentlich darf man dort gar nicht baden, aber ich habe einen Bereich gefunden, der so schön abgelegen ist, dass man nie gestört wird. Und weil eh niemand in der Nähe ist, nutze ich die Gelegenheit zum Nacktbaden. Ja, ich war auch schon mit Freundinnen und Freunden aus der Uni Nacktbaden und bin in der Hinsicht nicht gehemmt, aber ganz frei fühle ich mich nur, wenn ich allein bin. Mit dem Rad bin ich ungefähr eine halbe Stunde unterwegs. Eigentlich ein ziemlich weiter Weg, wenn man bedenkt, dass es von der Uni mit dem Rad nur zehn Minuten zum See sind, in dem man sogar offiziell baden darf. Aber die Strecke lohnt sich. Nachdem ich an meinem Lieblingsplatz angekommen bin, lausche ich. Das Einzige, was zu hören ist, sind Vögel, raschelnde Blätter und irgendwo, weit entfernt, leider noch immer die Autos. Aber die Straßengeräusche klingen so weit weg, dass sie eher beruhigend wirken als nerven. Ich lege meine Kleidung ab und gehe langsam in das kühle Wasser. Der Boden ist schlammig und es gibt viele Baumwurzeln. Das Wasser hat eine erfrischende Wirkung, aber ich muss trotzdem etwas warten, um mich an die Kälte zu gewöhnen. Endlich lasse ich mich hineingleiten und spüre, wie mich das Wasser umspült. Zunächst lasse ich mich ein wenig treiben, dann schwimme ich weiter raus und beobachte die Umgebung. In einiger Entfernung geht gerade ein Pärchen ins Wasser und noch ein Stück weiter hält eine Gruppe Mädels oder junger Frauen die Füße ins Wasser. Wieder lasse ich mich treiben und genieße den Moment. Ich denke an nichts, außer dieses schöne Gefühl, nackt im Wasser zu treiben. Irgendwann beschließe ich, aus dem Wasser zu steigen und mich in der Sonne trocknen zu lassen. Natürlich habe ich auch ein Buch dabei und so vertiefe ich mich in die „Geschichten aus Tel Ilan“ von Amos Oz, während die Sonne meinen Körper trocknet und ein sanfter Wind über meinen hüllenlosen Körper streift.

Kapitel 3 (Miri)

Mittlerweile habe ich die Einkäufe heile in die WG-Küche verfrachtet, den Ofen zum Vorheizen eingeschaltet und beginne nun, meine Beute zu waschen, bzw. zu schälen. Ich liebe es ja, für eine große Runde aufzukochen. Grinsend stelle ich mir vor, was meine Mama wohl sagen würde, wenn sie mich jetzt sehen könnte. Ich stelle mir bildlich vor, wie sie die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und mich anfährt: „Ach Mädel, was tust du dir da an? Was für eine Arbeit! Und saubermachen musst du dann auch noch. Wenn du schon für so Viele kochst, warum machst du dann nicht einfach einen großen Topf Kartoffeln und dazu Würstchen und Spiegeleier? Dann hättest du viel weniger Arbeit!“ Natürlich verstehe ich sie. Meine Mama ist in einer sehr altmodischen Familie aufgewachsen, in der die Erziehung der Mädchen auf eine Zukunft als Hausfrau ausgerichtet war. Das Zeitsparen beim Kochen und generell im Haushalt hat es ihr überhaupt ermöglicht, mit Ende 30 noch eine Ausbildung zu machen, ohne die sie ihren Bürojob nicht hätte, den sie so sehr liebt. Dass Kochen auch Spaß machen und man sich dabei sogar kreativ ausleben kann, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Leider hatte sie in ihrem Leben sehr wenig, worüber sie sich freuen und was sie genießen durfte. So streng sie auch bei meiner Erziehung war, freue ich mich, dass sie jetzt zumindest ihre Arbeit hat, in der sie aufgeht. Wieder einmal denke ich an Manu und seine Familie, an unsere gemeinsamen Kochabende mit Wein und Musik. An selbstgemachte Pizza, an Tsatsiki, an Kürbissuppen und natürlich an Ofengemüse. Lachend erinnere ich mich an den Abend, als Manu seine Mama ins Bett geschickt hat, damit wir das Wohnzimmer für uns hatten…

Mittlerweile sieht die Küche so aus, wie eine Küche meiner Meinung nach aussehen muss: Auf der Arbeitsplatte häufen sich zwei Stapel: Ein Stapel mit Gemüse und einer mit Abfällen. Auf dem Herd köchelt mittlerweile die Linsensuppe und ich verrühre gerade den Sauerrahmdip. Von der WG habe ich die Erlaubnis bekommen, so viel zu kochen, wie ich möchte. Morgen feiern wir Svens Geburtstag und Lisa hatte die Idee, dass wir das, was heute übrigbleibt, in den Kühlschrank geben und bei der Party als Snacks servieren könnten. Tja, nun wird die WG lernen, dass es immer Essen für eine ganze Woche gibt, wenn man mir in der Küche freie Hand lässt. Zwei Bleche habe ich bereits mit Gemüse belegt und dieses mit Olivenöl beträufelt und in den Ofen geschoben. Auch meinen Wecker habe ich gestellt, damit ich es später noch einmal herausnehmen und mit den Kräutern bestreuen kann, die nur ein paar Minuten im Ofen bleiben dürfen. Während das Gemüse im Ofen schmort, kümmere ich mich um das Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen noch ein paar Teller und Gläser, die ich in die Kühe bringe und abwasche. Nachdem ich den Tisch abgeputzt habe, decke ich auf und kündige vorher noch in der WG-Gruppe an, dass es gleich Essen gibt. Dabei sehe ich, dass Sven gefragt hat, ob er einen Freund mitbringen darf, was ich irgendwie süß finde, denn bei der Menge, die ich gekocht habe, könnte jeder und jede noch drei Freundinnen oder Freunde mitbringen. Tatsächlich sind Sven und sein Freund Tino auch die ersten, die in der Küche eintreffen. Die beiden sehen nebeneinander wirklich lustig aus. Sven ist ein enorm großer und äußerst kräftiger Kerl mit kurzen dunklen Haaren, einem rundlichen Gesicht und einer Brille, der übrigens trotz seiner Figur äußerst freundlich, ruhig und zuvorkommend wirkt. Tino hingegen ist höchstens so groß wie ich, also vielleicht 1,70m, sehr, sehr schlank und hat lange, blonde Haare und einen Bart. Sein Gesicht erinnert mich irgendwie an Jesus. Oder an John Lennon. Ich entscheide mich für die zweite Variante. Während Sven wie immer kurze Hosen und ein schwarzes, ärmelfreies T-Shirt anhat, trägt sein Freund ein weites, langärmliges Hemd und eine lange Leinenhose (was ihn wiederum eher wie Jesus aussehen lässt). Sven fragt mich, ob sie mir helfen könnten und ich sage lachend: „Klar Jungs, schnappt euch ein Bier und macht es euch bequem“. Natürlich gehorchen sie mir aufs Wort. Zum Glück ist die erste Portion Ofengemüse fertig und als ich diese serviere, sitzt Sven auf der Sitzbank auf dem Platz unter dem Fenster, während sich sein Freund daneben auf die lange Fläche gelegt und die Füße auf der Rückenlehne abgelegt hat, wodurch er aussieht, als würde er gerade Siesta halten. Da er schon so lustig seine bloßen (und übrigens auch etwas schmutzigen) Füße präsentiert, kitzle ich, frech wie ich bin, mit meinem Zeigefingernagel seine nackte Fußsohle und frage ihn grinsend, ob er es eh bequem hat, aber zu meiner Enttäuschung zuckt er nicht einmal ein kleines bisschen zusammen. Offenbar hat er es sehr bequem, was mich natürlich auch freut und wie ich die beiden beinahe aneinander gekuschelt auf der Sitzbank sehe, frage ich mich, ob sie „nur“ Freunde sind.

Kapitel 4 (Tino)

Ich war so in mein Buch vertieft, dass ich die Mädels, die jetzt kichernd an mir vorbeigehen, gar nicht habe kommen hören. „Pass auf, dass du dir keinen Sonnenbrand auf deinem weißen Po holst. Du bist ja blass wie ein Schneemann!“ wird mir zugerufen und das Kichern der anderen Mädels wird zu einem Lachen. „Lieben Dank für den Hinweis. Da muss ich wirklich aufpassen“ antworte ich freundlich und die Gruppe zieht weiter. Ich setze mich auf und schaue auf mein Handy. Mein bester Freund Sven hat mir geschrieben, dass seine neue Mitbewohnerin heute für die WG kocht und fragt, ob ich zum Essen kommen möchte. Wir könnten uns in einer Dreiviertelstunde an der Uni treffen und gemeinsam zu ihm fahren. Das trifft sich gut. Ich müsste sonst noch einkaufen, weil ich fast nichts mehr zum Kochen zuhause habe und da ich sowieso jeden zweiten Tag in der WG bin, interessiert mich natürlich auch, wer die neue Mitbewohnerin ist. Sven meinte, sie wäre ein sehr, sehr nettes und sympathisches Mädel mit viel Energie, das auch nicht auf den Mund gefallen wäre. Außerdem fängt sie im Herbst auch mit Philo an. Da unser Institut recht klein ist, werden wir wahrscheinlich auch gemeinsame Kurse haben. Vielleicht kommt sie ja sogar in mein Tutorium. Jedenfalls nehme ich mir vor, ihr ein paar Tipps für das erste Semester zu geben.

Als ich auf dem Rad die Mädels von vorhin überhole, beginnen sie wieder zu kichern und rufen mir zu: „Schönen Abend noch, Nackedei!“ Lachend rufe ich zurück: „Ebenfalls noch einen schönen Abend, die Damen!“ und winke ihnen im Vorbeifahren zu. Als ich an der Uni ankomme, erkenne ich Sven schon aus der Entfernung. Er steht mit ein paar seiner Kommilitonen zusammen, die er um mindestens einen Kopf überragt. Kurz überlege ich, ob ich dazukommen, oder hier an der Straße warten soll, da ich ein paar seiner Informatik-Mitstudenten ziemlich unsympathisch finde, weil sie mich sehr an meinen Vater und meinen großen Bruder Martin erinnern. Aber Sven hat mich schon gesehen, verabschiedet sich von seinen Freunden und kommt mir entgegen. Wie immer begrüßen wir uns mit einer herzlichen Umarmung und beschließen, gleich in die WG zu fahren und die Neue zu fragen, ob sie Hilfe beim Kochen braucht. Als wir eintreffen, ist diese gerade dabei, den Tisch zu decken und auf Svens Frage, ob wir ihr helfen können, meint sie lachend, dass wir uns ein Bier nehmen und es uns bequem machen sollen. Da ich keinen Alkohol trinke, lasse ich mich ohne Getränk auf die Bank neben Sven sinken und lege die Füße auf die Rückenlehne. Diese Bank ist für kleine Leute wie mich ideal, da wir uns hier gemütlich ausstrecken können, wobei meine Füße noch ein Stück über das Ende hinausragen würden, weshalb ich sie gerne auf der Rückenlehne ablege. Trotzdem habe ich hier auf der Bank sogar schon zweimal übernachtet, was zwar nicht besonders bequem, aber definitiv noch okay war. Neugierig beobachte ich Miri, die neue Mitbewohnerin, wie sie zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her eilt. Sie ist ein klein wenig größer als ich, also vielleicht 1,70 oder 1,71, hat dunkelblonde Haare und ein wunderschönes Lächeln. Sie trägt einen bunten Rock mit Blumenmuster, ein bauch- und ärmelfreies Top und Sandalen mit bunten Fransen. Ich muss Sven recht geben. Sie scheint wirklich sehr viel Energie zu haben. Als sie wieder ins Wohnzimmer kommt, versucht sie sogar, meinen Fuß zu kitzeln und fragt mich grinsend, ob ich es eh bequem hätte. Ich finde es lustig, dass alle Mädels aus Svens WG erst einmal testen müssen, ob ich an den Füßen kitzlig bin und dann enttäuscht feststellen, dass das nicht der Fall ist. Ich finde es aber sehr sympathisch, dass Miri das gleich am ersten Tag versucht. Das zeigt, dass sie sehr selbstbewusst und wahrscheinlich für so ziemlich jeden Spaß zu haben ist. Da die anderen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner noch nicht da sind, schließe ich die Augen und lasse mich innerlich fallen. In Gedanken bin ich wieder im See und genieße das kühle Wasser und die warme Sonne auf meiner Haut. Auch die wunderbare Ruhe kann ich noch ganz genau fühlen, obwohl Miri neben uns voll am Arbeiten ist. Wieder spüre ich eine Berührung- ein versuchtes Kitzeln an meinen Füßen und öffne die Augen. Diesmal sind es Lisa und Merle, die jetzt bestimmt zum zehnten oder zwanzigsten Mal testen, ob sie mich kitzeln können. Allerdings wird jetzt auch der Platz etwas knapp, sodass ich meine Beine herunternehmen und mich hinsetzen muss. Mittlerweile hat auch Stefan neben Sven auf der Bank platzgenommen und außer mir hat jede und jeder ein Bier in der Hand. Netterweise bringt Lisa mir ein Glas von ihrer selbstgemachten Limonade und wir stoßen auf Miri und ihren Einzug an.

Das Ofengemüse schmeckt großartig und der Sauerrahmdip ist ein Traum. Auch die Linsensuppe kann sich durchaus sehen- oder besser gesagt schmecken lassen. Nachdem jeder und jede einen Nachschlag bekommen hat, fordert Stefan von Merle die Nackenmassage ein, die sie ihm dafür versprochen hat, dass er diese Woche ihren Küchendienst übernimmt. Gespielt entrüstet versucht diese, sich vor ihrer Aufgabe zu „drücken“, indem sie darauf hinweist, dass die Woche noch nicht vorbei wäre und verweist auch auf ihren Zeigefinger, auf dem sie gerade ein Pflaster trägt, weil sie sich Gestern geschnitten hat. Nachdem Stefan sie daran erinnert hat, dass sie ihm eigentlich auch noch eine Massage vom letzten Monat schuldet und Sven sie darauf aufmerksam macht, dass sie ihm auch noch eine schulde, gibt sie sich geschlagen und nimmt auf der Fensterbank hinter Stefan Platz, um ihm die Schultern zu massieren.

Kapitel 5 (Miri)

Das Kochen war ein voller Erfolg. Wie beabsichtigt, sind meine Mitbewohnerinnen, Mitbewohner und auch Tino von meinen Kochkünsten sehr angetan. Neugierig beobachte ich, wie die Jungs und Mädels miteinander umgehen. Stefan und Merle necken sich bspw. die ganze Zeit freundschaftlich. Wenn ich nicht wüsste, dass Merle einen Freund hat, wäre ich jetzt wahrscheinlich davon überzeugt, dass die beiden zusammen wären, vor allem nachdem er sie dazu überredet hat, ihn zu massieren. Allerdings scheint sie auch Sven eine Massage zu schulden, der ein wenig enttäuscht zu sein scheint, dass er jetzt leer ausgeht. Tino strahlt jetzt eine unglaubliche Präsenz aus, obwohl er sehr ruhig und zurückhaltend ist. Aber immer, wenn er etwas sagt, hören ihm alle aufmerksam zu. Außerdem hat er einen äußerst trockenen Humor und schafft es mit wenigen Worten, die ganze Truppe zum Lachen zu bringen. Nachdem Merle begonnen hat, Stefan zu massieren, fragt Sven in die Runde, ob jemand Lust hätte, ihn zu massieren. Nachdem erst einmal niemand reagiert, melde ich mich freiwillig. Erstens kann ich mich so gut in die Gruppe integrieren und zweitens kann ich mich so für seine Mithilfe beim Transport meines Sekretärs revanchieren. Um die Bank nicht schmutzig zu machen, ziehe ich meine Sandalen aus und klettere über die Sitzbank und setze mich neben Merle auf die Fensterbank, die wie dafür gemacht ist, auf ihr Platz zu nehmen und die Person vor einem zu massieren. Von Manus Schwester habe ich ein paar Massagegriffe gelernt, die ich jetzt versuche, bei Sven anzuwenden. Allerdings ist er so kräftig und muskulös, dass ich ordentlich zupacken muss. Zu meiner freudigen Überraschung ist er von meinen Massagekünsten aber dennoch hellauf begeistert, was mich stolz macht. Vielleicht von meinem Beispiel inspiriert, bietet sich Lisa an, Tino zu massieren, obwohl dieser ohnehin tiefenentspannt wirkt.

Während wir Mädels die Jungs durchkneten, werde ich von der WG gründlich ausgefragt und so erzähle ich von meinem spießigen Elternhaus, meiner langweiligen Kindheit und Jugend, aber auch von der aufregenden Zeit mit Manu, meiner Rebellion in der Oberstufe, meinen Streichen und den damit verbundenen Besuchen im Trainingsraum, von den Tagen, die ich gemeinsam mit Manu geschwänzt habe, sowie dem daraus folgenden Nachsitzen und wochenlangem Hausarrest, der mich nicht davon abgehalten hat, mich heimlich mit Manu zu treffen. Natürlich möchten die anderen auch wissen, ob wir noch zusammen sind, oder wie wir uns getrennt haben, was für mich ein schwieriges Thema ist, weshalb ich um eine klare Antwort herumrede. Andersherum erfahre ich allerhand Interessantes über die WG und über Tino. Unsere „Chefchaotin“ Merle stammt aus einem kleinen Dorf im Niemandsland. Sie hat starkes ADHS, darf aber dagegen keine Medikamente nehmen. Wenn irgendwo in der WG ein Paar Socken herumliegt, oder, was sogar noch häufiger vorkommt, eine einzelne, kann man davon ausgehen, dass diese Merle gehört. Ordnung zu halten und sich zu organisieren, fällt ihr extrem schwer. Ihr Lebensmotto lautet „always late but worth the wait“. Sie musste in der Schule sogar ein Jahr wiederholen, weil sie zu oft verschlafen hatte oder zu spät gekommen ist. Andererseits ist sie eine große Abenteurerin, und klettert liebend gerne in den Bergen herum, übernachtet im Wald, oder geht im Winter Ski fahren. Sie besitzt als einzige in der WG ein eigenes Auto, bei dem man allerdings immer damit rechnen muss, dass es jeden Moment auseinanderfällt. Sie studiert seit über fünf Jahren Kulturwissenschaft und müsste eigentlich nur noch zwei Seminare abschließen und ihre Bachelorarbeit schreiben, was sie aber nicht auf die Reihe bekommt. Nebenbei arbeitet sie zwanzig Stunden pro Woche in einem Schuhgeschäft und ist ehrenamtlich in der Behindertenbetreuung tätig. Hausarbeiten mag sie weniger und tauscht ihre Aufgaben gerne gegen Nackenmassagen, worauf besonders die Jungs gerne zurückkommen. Der Wechselkurs lautet eine halbe Stunde Massage für eine Woche Putzdienst. Ich denke mir, dass das auch eine faire Entschädigung für Svens Hilfe beim Tragen meines Sekretärs ist, sodass ich jetzt nicht mehr das Gefühl habe, ihm etwas zu schulden.

Lisa ist in gewisser Weise das genaue Gegenteil von Merle. Sie ist sehr ordentlich und liebt es, Veranstaltungen zu organisieren. Sie schreibt unter Anderem den Putzplan und führt sogar eine Liste, wem Merle noch wie viele Massagen schuldet (nach der laufenden schuldet sie Stefan und Lisa noch jeweils eine und Sven zwei Massagen). Lisa studiert die seltsame Kombination aus Pädagogik und BWL. Ihre Eltern leiten in ihrer Heimat einen Verein, der mehrere Kindergärten betreibt und Lisa soll später zunächst einen der Kindergärten leiten und irgendwann von ihren Eltern die Geschäftsführung des Vereins übernehmen. Entgegen dem Vorurteil, das ich gegenüber BWL-Studierenden habe, ist Lisa eine sehr warme und herzliche Person, die sich gerne um Andere kümmert und der es wichtig ist, dass es allen gut geht.

Stefan ist der Sunnyboy der WG. Er studiert Pädagogik und Anglistik, allerdings sind ihm Partys und hübsche Mädels wichtiger als ein schneller Studienerfolg. Er liebt das gute Leben, verbringt die Tage gerne am See und die Nächte im Irish Pub oder in der beliebten Cocktailbar neben der Uni. Nebenbei jobbt er als Kellner in einem Club und ist dementsprechend meistens erst ab 12:00 oder 13:00 Uhr ansprechbar. Ich muss zugeben, dass er wirklich extrem gut aussieht und eine sehr charmante Art hat, bei der es mich nicht wundert, dass ihm die Mädels zu Füßen liegen. Stefan ist aber auch sehr freundlich und hilfsbereit, auch wenn ihn Lisa gelegentlich an seinen Putzdienst erinnern muss.

Sven studiert auch Psychologie. Er ist ein echter Riese und hat einen enormen Körperumfang, der allerdings auch zu einem großen Teil aus Muskeln besteht. Er fällt in jeder Gruppe auf, da er meistens noch einen Kopf größer ist als die anderen Jungs. Auch er ist sehr freundlich und, wie ich ja schon bemerkt habe, sehr hilfsbereit. Svens Eltern hatten früher einen Bauernhof, den sie aber aufgegeben haben, als er noch ein Kind war. Vor dem Studium hat er in einem Restaurant Koch gelernt, was natürlich in der WG und in seinem Freundeskreis auf große Begeisterung stößt. Ich bin auch ein wenig stolz, dass ein richtiger Koch von meinem Ofengemüse so begeistert ist. Wenn Sven nicht ohnehin schon diesen auffälligen Körperbau hätte, würde man ihn noch daran erkennen, dass er im Sommer fast immer barfuß unterwegs ist und selbst im Winter meistens kurze Hosen trägt.

Sein bester Freund Tino hält von Schuhen und Socken offenbar genauso wenig wie er. Allerdings ist Tino zwei Köpfe kleiner und sehr dünn. Obwohl man nicht sagen kann, dass er übermäßig hübsch wäre, hat er sehr interessante Gesichtszüge und durch seine selbstbewusste Gelassenheit eine beeindruckende Ausstrahlung. Offensichtlich sind auch seine Reflektiertheit und seine besondere Menschenkenntnis. Ich finde es spannend, dass er mit 18 den Kontakt zu seiner streng religiösen Familie abgebrochen hat, die in einer Freikirche aktiv ist und sehr konservative Werte vertritt. Genau genommen wurde Tino aus seiner Familie verstoßen. Er musste zusagen, von sich aus nie wieder Kontakt zu der Familie aufzunehmen und auf sein künftiges Erbe vollständig zu verzichten. Dafür wurde ihm das Haus seines Opas überschrieben, das er verkauft und sich von einem Teil des Geldes viele Reisen finanziert hat. Als Anhalter ist er quer durch Europa gereist, später mit dem Bus durch Südamerika und zu Fuß für ein paar Wochen durch Indien. Jahrelang hat er sich mit Religion und Philosophie beschäftigt und ist letztlich hier in unserer Stadt gelandet, wo er Philosophie studiert. Er interessiert sich besonders für die alten griechischen Philosophen und die Stoiker. Wir verabreden uns auch gleich für Morgen, damit er mir die Uni zeigen kann, worauf ich mich schon sehr freue.

Ich bitte Sven darum, seinen Arm auf den Rücken zu legen, ungefähr so, wie das Polizisten bei einem Verbrecher machen, den sie festnehmen. Mit der einen Hand greife ich sein Schultergelenk und mit den Fingern der anderen Hand fahre ich unter sein Schulterblatt. Das ist eine spezielle Massagetechnik von Manus Schwester Luisa, die sie mir vor einem Jahr beigebracht hat. Wieder bin ich ein bisschen stolz auf mich, da ich es geschafft habe, mich erfolgreich durch seine Muskelberge hindurchzuarbeiten. Seine Schultern sind jetzt schon viel lockerer als vorhin. Die gleiche Technik wende ich noch auf der anderen Seite an und streiche zum Abschluss seinen Nacken aus. Sven verkündet, dass ich magische Hände hätte und Stefan bettelt mich an, ihm auch noch eine Kostprobe meiner Massagekünste zu geben, worauf ich mich am Ende sogar einlasse, obwohl meine Finger mittlerweile schmerzen.

Nachdem die Jungs gründlich massiert wurden, verabschiedet sich Tino, da er immer früh schlafen geht und Stefan zieht sich in sein Zimmer zurück, da er sich vor seiner Schicht noch einmal hinlegen möchte. Sven bleibt noch etwa eine halbe Stunde bei uns, bis er sich auch schlafen legt. Nun haben wir Mädels das Wohnzimmer für uns und Lisa holt eine Flasche Sekt aus ihrem Zimmer, von der sie nicht wollte, dass die Jungs, also Sven und Stefan sie uns wegtrinken. Bis drei Uhr sitzen wir zusammen, lachen und erzählen uns lustige und peinliche Geschichten. Bevor wir schlafen gehen, kümmern Lisa und ich uns um den Abwasch und bringen die Küche und das Wohnzimmer wieder zum Glänzen. Erschöpft lasse ich mich in mein Bett fallen und schlafe sofort ein.

Kapitel 6 (Tino)

Obwohl ich nichts getrunken habe, entscheide ich mich dafür, das Fahrrad auf dem Heimweg zu schieben und den Tag mit einem achtsamen Abendspaziergang zu beenden. So bin ich eine gute halbe Stunde unterwegs, in der ich den warmen Asphaltboden unter meinen Füßen spüre, während die Luft schon abgekühlt ist und am Himmel bereits die ersten Sterne auftauchen. Ein weiteres Erlebnis, das den meisten Menschen ihr Leben lang versagt bleibt, da sie nie auf die Idee kommen würden, an einem schönen, lauen Sommerabend mit bloßen Füßen durch die Straßen zu gehen. Viele Menschen spüren ihr Leben lang kaum einen anderen Untergrund unter den Füßen als den Teppich in ihrem Schlafzimmer und den Boden ihrer Dusche. Während ich gehe, verarbeite ich die Eindrücke des Tages. Der gelungene Abschluss meiner Seminararbeit, das Nacktbaden, die verunsicherten Mädels, die mir hinterhergerufen haben (bei der Erinnerung muss ich grinsen) und natürlich das Zusammensitzen in der WG mit Miri, der neuen Mitbewohnerin. Ich fühle, dass zwischen uns eine tiefe Verbindung entstehen kann. Sie ist ein großes Energiebündel, das offensichtlich einen Ruhepol im Leben benötigt und ich freue mich, wenn ich diese Rolle einnehmen darf, auch wenn es wahrscheinlich etwas dauern wird, bis sie sich selbst darüber klar wird, was sie eigentlich möchte. Sie war sehr neugierig auf alles, was das Philosophiestudium betrifft und hat mir gespannt zugehört, als ich ihr Empfehlungen zu den ersten Veranstaltungen gegeben habe. Wir haben uns für Morgen verabredet, damit ich ihr die Uni zeigen kann.

Zuhause führt mich mein Weg als erstes unter die Dusche, wo ich meine Füße gründlich wasche. Trotz des Duschpeelings bleibt meistens noch eine leichte dunkle Färbung an den Fußsohlen, die mich aber nicht weiter stört. Vor dem Schlafengehen creme ich mir die Füße noch mit meiner Pflegecreme ein, sodass sie nicht rissig werden. Im Laufe der letzten Jahre habe ich bemerkt, dass ich nicht gut einschlafen kann, wenn ich den Tag über Schuhe getragen habe. Was mir dann fehlt, nennen manche Erdung, für mich sind es die körperlichen Eindrücke. Was ich sehe, höre und rieche, nehme ich vor allem im Kopf wahr, aber am Ertasten ist der ganze Körper beteiligt und der möchte genauso stimuliert werden wie das Gehirn. Heute kann ich jedenfalls zufrieden einschlafen und wache tatsächlich erst um neun Uhr auf, was bei mir selten vorkommt und ein Zeichen dafür ist, dass ich tief geschlafen und dabei viel verarbeitet habe.

Ich habe mir angewöhnt, vor dem Frühstück spazieren oder baden zu gehen. Da ich schon um elf Uhr mit Miri an der Uni verabredet bin, ziehe ich heute einen Spaziergang am Kanal in Betracht und entscheide mich dann dafür, mein Frühstück einfach mitzunehmen und später auf der Wiese vor der Uni zu picknicken. Ich koche mir einen Tee für die Thermosflasche und packe etwas Brot, Humus, Tomaten und Gurken ein, dann mache ich mich auf den Weg. Heute sind ein paar Wolken am Himmel zu sehen, im Ganzen ist es aber weiterhin angenehm warm und sonnig, während sich der Boden unter meinen Füßen noch frisch und kühl anfühlt. So kann ich sogar die geteerte Brücke über den Kanal, die nachmittags glühend heiß wird, problemlos mit meinen bloßen Füßen überqueren.  Nach meinem Spaziergang mache ich es mir auf der Wiese hinter dem Westgebäude der Uni, auf der in ein paar Wochen das neue Semester mit einer Grillparty eröffnet werden wird, bequem und genieße mein Frühstück. In den Semesterferien herrscht um diese Zeit an der Uni nur sehr wenig Betrieb und so bleibe ich während des Frühstücks ungestört. Anschließend setze ich mich mit meinem Tee vor den Haupteingang, wo ich mit Miri verabredet bin, und lese nebenbei weiter in den „Geschichten aus Tel Ilan“.

Kapitel 7 (Miri)

Beim Aufwachen spüre ich noch die Nachwirkungen von Gestern Abend. Am Ende war der Sekt wohl doch etwas zu viel. So schlurfe ich in die Küche, die Lisa und ich Gestern noch auf Vorderfrau gebracht haben und mache mir einen Kaffee, mit dem ich mich an meinen Schreibtisch unter dem Fenster setze und mich von der Morgensonne anscheinen lasse. Von hier habe ich eine wunderschöne Aussicht auf den See und ich beschließe, den Tag mit einem Bad in selbigem zu beginnen. Ich ziehe mir meinen Bikini an und mein Lieblingskleid darüber, schlüpfe in meine Sandalen und spaziere verkatert zu der inoffiziellen Badestelle in der Nähe unseres Hauses. Das kühle Wasser wirkt äußerst erfrischend und als ich herauskomme, um mich in der Sonne trocknen zu lassen, fühle ich mich wieder fast normal. Allerdings fällt mir jetzt ein, dass ich um elf Uhr mit Tino an der Uni verabredet bin. Da mir keine Zeit mehr bleibt, mich wieder umzuziehen, ziehe ich mir wieder das Kleid über und mache mich auf den Weg. Vor dem Haupteingang sitzt Tino mit seinem weißen Leinenhemd, der Leinenhose und natürlich barfuß. Offenbar ist er in sein Buch vertieft, doch als er mich sieht, kommt er mir entgegen und wir begrüßen uns mit einer Umarmung. Er erzählt mir von dem schönen Spaziergang, den er Gestern Abend noch hatte und von seinem Frühstückspicknick auf der Wiese nebenan. Zunächst zeigt er mir das Gelände. Der Campus hat mehrere Gebäude, wobei sich die meisten Hörsäle im Hauptgebäude befinden. Dort gibt es auch die Cafeteria, die Bibliothek, die Information, an der sich immer ein Portier befindet, sowie einzelne Seminarräume. Über einen Gang kommt man in das Westgebäude, neben dem sich auch die Wiese befindet, auf der Tino gefrühstückt hat. Hier gibt es zwei weitere Hörsäle, mehrere Seminarräume und die Büros von einigen Lehrbeauftragten. In diesem Gebäude sind in erster Linie die Institute für Informatik und BWL angesiedelt. Wir verlassen das Gebäude auf der Nordseite und gehen um das Hauptgebäude herum zum Osttrakt, in welchem sich die Institute für Sprachwissenschaften, Pädagogik und Psychologie befinden. Das Philosophieinstitut teilt sich ein kleineres Vorgebäude mit dem Institut für Geschichte und dem für Sozialwissenschaften. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Philosophie gelten als besonders freundlich und die Lehrenden laden Studierende bei Besprechungen gerne auf einen Kaffee ein. Es gibt noch ein weiteres Gebäude, in dem sich das Servicecenter, sowie die Studierendenvertretungen befinden. Hier kann man sich über alle organisatorischen Fragen des Studiums beraten lassen, die nicht die konkreten Inhalte betreffen. Am interessantesten finde ich aber die Bibliothek, zu der man mit seinem elektronischen Studienausweis 24 Stunden am Tag Zugang hat. Nach der Führung bedanke ich mich und frage Tino, ob ich ihn auf einen Kaffee einladen darf. Er mag zwar keinen Tee, fragt mich aber, ob ich noch etwas vorhätte, was nicht der Fall ist. Also bietet er mir an, dass er mir noch die Innenstadt zeigen kann, die ich ohnehin gerne erkundet hätte. Während wir am Kanal entlang spazieren, frage ich ihn, ob es einen bestimmten Grund gibt, weshalb er praktisch immer und überall barfuß unterwegs ist.

So erzählt er mir von seiner ersten Freundin, Elena, die er auf seinen Reisen kennengelernt hat. Sie ist jahrelang durch Europa (vor allem Südeuropa) gereist, hat auf verschiedenen Bauernhöfen gegen Kost und Logis gearbeitet und irgendwann begonnen, dauerhaft auf jede Art von Fußbekleidung zu verzichten. Sie haben sich in Südfrankreich getroffen und sind gemeinsam zu Fuß und per Anhalter quer durch Spanien bis nach Portugal gereist. In dieser Zeit hat sie ihn davon überzeugt, sich gelegentlich auch einmal die verschwitzten Schuhe und Socken auszuziehen und seinen Füßen ein wenig Freiheit und wohltuenden Kontakt mit der Erde zu gönnen. Auf seine Frage, wie es sich für mich anfühlt, barfuß zu gehen, muss ich erst einmal überlegen. Gut, in der Schule habe ich beim Sportunterricht öfter barfuß mitgemacht, wenn ich meine Sportsachen vergessen hatte, um keine sechs zu bekommen. Das war mir aber eher unangenehm. Da meine Eltern keinen Garten hatten, war ich ansonsten fast nur in der Wohnung barfuß. Nur mit 14 war ich einige Tage mit Jenny auf dem Campingplatz und hatte nur ein Paar Flipflops dabei, das mir am zweiten Tag kaputt gegangen ist. Anschließend war ich drei Tage lang barfuß, aber eben nur auf dem Campingplatz und dort meistens auf Wiesen, gepflasterten Fußwegen und ein paar Mal im Supermarkt, was ich anfangs ziemlich eklig fand. Damals habe ich mich eher darüber geärgert, dass ich abends meine Füße nie richtig sauber bekommen habe, wobei das eigentlich egal war. Wenn ich später an diese Tage zurückgedacht habe, ging es meistens um die Hitze und wenn schon die Kleidung eine Rolle gespielt hat, war das eher die Tatsache, dass wir damals fast die ganze Zeit im Bikini waren. Über die bloßen Füße habe ich mir keine Gedanken mehr gemacht. Die nächste Erinnerung, bei der ich barfuß war, war der Abiball diesen Sommer. Wie bei den meisten Mädels aus meinem Jahrgang, waren auch meine Schuhe nicht gerade zum Tanzen geeignet, weshalb wir sie ausgezogen und einfach barfuß getanzt haben. Ich erinnere mich noch dunkel an die Diskussion mit Luisa, ob wir uns die Schuhe wieder anziehen sollten, wenn wir aufs Klo gehen. Ich fand die Vorstellung, mit nackten Füßen das WC des Vereinshauses aufzusuchen ziemlich eklig, aber am Ende hat Luisa mich praktisch gezwungen, weil ihre Blase schon so gedrückt hatte und meine Schuhe recht umständlich anzuziehen waren. Dann war da noch der eine Abend, als ich letztes Jahr nach einer Party barfuß nach Hause gegangen bin, weil meine Füße in den zu engen Schuhen (übrigens dieselben, die ich auch beim Abiball getragen habe) geschmerzt hatten. Tatsächlich habe ich diesen „Spaziergang“ eigentlich als ganz angenehm in Erinnerung. Allerdings wurde diese kurz darauf davon überschattet, dass meine Eltern sich furchtbar darüber aufgeregt hatten, dass ich unter der Woche so lange draußen war und mir gleich zwei Wochen Hausarrest gegeben haben, obwohl ich schon 17 war. Vielleicht wird es Zeit, neue Erinnerungen mit bloßen Füßen zu sammeln…

Kapitel 8 (Tino)

Während unseres Spaziergangs interessiert sich Miri sehr für das Barfußgehen und die Gründe, aus denen ich das mache. Ich erzähle ihr von meinen Reisen und von Elena, wobei ich mir Mühe gebe, nicht zu sehr von ihr zu schwärmen und lasse erst einmal ein paar Details aus, bspw. dass sie das erste Mädchen war, das ich geküsst habe, oder besser gesagt, sie mich und von unserer romantischen Nacht am Strand… Sie selbst ist bisher offenbar noch nicht viel barfuß unterwegs gewesen, obwohl ich finde, dass es sehr gut zu ihr passen würde und ich frage mich, ob sie es wohl einmal ausprobieren wird. Die Uni ist eigentlich ideal, um sich an das Gehen auf nackten Sohlen zu gewöhnen. Die Böden sind abwechslungsreich und größtenteils auch für Anfängerinnen und Anfänger unproblematisch. Nur bei der geteerten Brücke über den Kanal muss man aufpassen. Dort habe sogar ich als trainierter Barfußläufer mir in meinem ersten Jahr an der Uni eine Brandblase am Fuß geholt. Mir fällt auf, dass Mirii sehr schöne und gepflegte Füße mit geraden Zehen hat, wenn auch etwas größer als meine Eigenen. Aber das ist nichts Besonders. Ich bin klein und habe sogar für meine 1.68 ziemlich kleine Füße. Eines meiner „dunklen Geheimnisse“ ist, dass ich, wenn ich überhaupt Schuhe trage, oft auf Kinder- oder Frauenschuhe in den Größen 38 oder 39 zurückgreifen muss. Gemeinsam gehen wir durch die Altstadt, deren Boden aus Kopfsteinpflaster besteht. Dieses ist einerseits sehr hart, fühlt sich aber gerade im sommerlichen Schatten unter den Füßen erfrischend kühl an. Allerdings werden die Fußsohlen hier auch besonders schnell kohlrabenschwarz, was mir immer etwas unangenehm ist, wenn ich ein Geschäft betrete, obwohl die Menschen mit Schuhen natürlich mindestens genauso viel Schmutz hereintragen. Ich zeige Miri die zwei kleinen Buchhandlungen, das Teegeschäft, meinen Lieblingsbäcker, ein kleines Käsegeschäft und am Ende durchstöbern wir noch den Second Hand Laden und das Antiquariat, von dem Miri besonders begeistert ist. Wir beide teilen unsere Vorliebe für alte Möbel. Scheinbar hat Miri auf dem Flohmarkt bereits einen alten Sekretär ergattert und ich freue mich, dass sie mir diesen heute Abend zeigen möchte, wenn ich zu Svens Geburtstag komme. In einer kleinen Nebengasse gibt es einen Spielplatz mit einem angrenzenden, winzig kleinen Park, der eigentlich aus drei Baumgruppen und ein paar schattigen Bänken besteht. Hier sitze ich gerne an heißen Sommertagen, um zu lesen und Tee zu trinken. Gemeinsam setzen wir uns auf eine der Bänke. Miri stellt mir Fragen zu meinen Reisen und betrachtet, während ich erzähle, nachdenklich meine nackten Füße. Gerne würde ich wissen, was gerade in ihrem Kopf vorgeht. Vielleicht überlegt sie ja, sich auch die Sandalen auszuziehen und mit mir gemeinsam barfuß die Stadt zu erkunden. Natürlich bin ich in meinem Freundeskreis und an der Uni nicht der einzige Barfußfan. Sven ist mindestens genauso oft auf nackten Sohlen unterwegs wie ich und auch Merle verzichtet nur zu gerne auf Fußbekleidung und ist ein bisschen traurig, dass sie im Schuhgeschäft nicht barfuß arbeiten darf, was natürlich irgendwie paradox wirken würde. Ich selbst arbeite ein paar Stunden pro Woche an einem Obst- und Gemüsestand, wo ich problemlos barfuß sein kann, da die Kundinnen und Kunden meine Füße nicht sehen. Alibihalber habe ich ein Paar Latschen dabei, in das ich schlüpfen kann, wenn doch einmal meine Chefin vorbeikommen sollte, was dieses Jahr zum Glück noch nicht vorgekommen ist. Vorsichtig versuche ich in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem Manu auf sich hat, von dem Miri Gestern so viel erzählt hat. Offenbar waren die beiden zusammen und er hatte auf ihr Leben einen ähnlichen Einfluss wie Elena auf meines. Nur hat sie nicht erzählt, ob sie noch zusammen sind. Ich hatte das Gefühl, dass ihr diese Frage unangenehm war und sie versucht hat, auszuweichen. Auch jetzt gibt sie keine klaren Antworten und ich vermute, dass sie auseinandergegangen sind, ohne sich „offiziell“ zu trennen. Sie verrät nur, dass Manu sich verändert habe, nachdem er das Abi abgebrochen und eine Ausbildung als Tischler begonnen hatte. Zuletzt habe er mehr Zeit mit oberflächlichen und groben Freunden verbracht und immer wieder Anzeichen von Minderwertigkeitskomplexen gezeigt. Vor zwei Monaten haben sie sich zuletzt gesehen und seit einigen Wochen ignoriert er all ihre Nachrichten. Während Miri dies erzählt, wirkt sie ein wenig traurig, aber vor allem abwesend und starrt weiterhin auf meine Füße. Ich lege vorsichtig meine Hand auf ihre Schulter und als sie sich entspannt vorlehnt, beginne ich, ihren Rücken zu streicheln.

Kapitel 9 (Miri)

Nachdem Tino mich schon Gestern mit seiner sympathischen Ruhe und Gelassenheit beeindruckt hat, spüre ich bei unserem Spaziergang immer deutlicher, wie sehr ich ihn mag. Er führt mich durch die Uni und durch die Stadt, fragt mich nach meinen Wünschen und Bedürfnissen, sagt aber auch klar, was er selbst möchte und steht zu sich selbst. Zum ersten Mal öffne ich mich einem Menschen so weit, dass ich offen über meine Probleme und die ungelöste Situation mit Manu spreche. Ohne mich unter Druck zu setzen, stellt Tino genau die richtigen Fragen, die mich zum Nachdenken bringen und so werde ich mir mehr und mehr darüber klar, was sich in den letzten Wochen und Monaten verändert hat. Einerseits bemitleide ich Manu dafür, dass er sich gerade so verhärtet und so stark an sich selbst zweifelt. Andererseits ist er auch äußerst grob zu mir gewesen und hat mich mehrfach verletzt. Als wir uns zuletzt gesehen haben, sagte ich ihm, dass ich ihn liebhabe und wollte ihn umarmen. Er hat mich aber zurückgewiesen und meinte nur „Ja, ja“ bevor er ging. Schon bevor die Situation zwischen uns so schwierig wurde, hat er begonnen, immer wieder von einem „hübschen Mädel“ aus der Berufsschulklasse zu erzählen. Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht und erst im Nachhinein hat es mich verletzt, dass er beinahe bei jedem unserer Treffen erwähnt hat, wie gut sie aussieht. Ich denke, dass er sich schon damals innerlich von mir getrennt hat, aber nie den Mut hatte, das auszusprechen, vielleicht sogar wollte, dass ich das übernehme. Während ich erzähle, denke ich darüber nach, wie empathisch und verständnisvoll Tino ist. Ja, auch Manu hat mich damals sehr beeindruckt, mit seinem Wissen über Geschichte und Politik, mit seiner Art, Dinge kritisch zu hinterfragen und natürlich mit seinem alternativen Lebensstil. Aber in Wirklichkeit war er doch ein unerfahrener, blauäugiger Junge, der noch keine Ahnung vom Leben hatte. Genauso wie ich ein naives, verliebtes Mädchen aus einem spießigen und beklemmenden Elternhaus war, das in Manu so etwas wie einen Helden gesehen hat, der sie aus ihrem Gefängnis befreit und ihr eine neue Welt eröffnet hat. Ich schaue auf Tinos Füße und denke daran, wohin ihn diese schon getragen haben. Er ist tatsächlich viel gereist, hat fremde Länder gesehen, musste sich oft unter schwierigen Umständen eine Unterkunft für die Nacht und etwas zu Essen organisieren. Er hat Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt, ihren Geschichten zugehört und von ihnen gelernt. Dabei haben ihn seine meistens nackten Füße von einem Ort zum Nächsten getragen, durch Wälder und Felder, durch Großstädte und über unbefestigte Straßen. Auch heute war er den ganzen Tag über barfuß, während er mir die Uni gezeigt hat und während wir durch die Stadt spaziert sind. Ich überlege, wie sich all das für ihn anfühlt und mit welchen Problemen er schon konfrontiert gewesen ist, bloß weil er keine Schuhe getragen hat. Da seine Füße den ganzen Tag an der frischen Luft waren, sind sie einerseits wahrscheinlich ziemlich schmutzig, andererseits dürften sie nicht ansatzweise so stinken wie die Füße von Manu, der jeden Tag dieselben Chucks und bei der Arbeit Sicherheitsschuhe getragen hat. Ich frage mich auch, wie sich Tinos Fußsohlen anfühlen. Eigentlich stelle ich sie mir sie hart und rau vor, da sie so viel aushalten müssen, andererseits würde das überhaupt nicht zu Tino passen, der überhaupt nichts Hartes und Raues an sich hat. Aber können seine Fußsohlen so weich sein, wie ich sie mir vorstelle? Genau in dem Moment, in dem ich mir vorstelle, seine Füße zu streicheln, legt er seine Hand auf meinen Rücken und beobachtet, wie ich reagiere. Ja, ich wünsche mir diese Berührung und gebe mich ihr hin. Während er meinen Rücken krault, beruhigt sich mein Geist und meine Gedanken werden klar und ich bemerke, dass ich mich verliebt habe.

Nachdem Tino im Park eine ganze Zeit lang meinen Rücken gestreichelt hat, gehen wir in sein Lieblingscafé, wo ich ihn auf einen Tee einladen möchte. Es ist ein sehr gemütlicher Ort mit alten, aber noch äußerst bequemen Sesseln und einer antiken Ledercouch. Auch die restliche Einrichtung scheint teilweise aus den 50er Jahren zu stammen und es gibt sogar einen Kamin, der allerdings nicht mehr genutzt wird, vermutlich aus Brandschutzgründen. Dabei stelle ich es mir sehr gemütlich vor, im Winter hier in diesem Café vor einem prasselnden Feuer zu sitzen und eine heiße Schokolade zu genießen. Die freundliche Kellnerin ist auch eine Philosophiestudentin und Tino war letztes Semester ihr Tutor und so gehen unsere Getränke sogar aufs Haus.

Langsam begeben wir uns auf den Weg in meine WG. Während wir am Kanal entlanggehen, überlege ich mir, ob ich nicht auch meine Sandalen ausziehen und wie Tino barfuß gehen sollte. Aber noch traue ich mich nicht. So spazieren wir nebeneinanderher, ich mit und Tino ohne Fußbekleidung. In der WG herrscht bereits Hochbetrieb. Die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner haben all ihre Sessel, Stühle und sogar zwei weitere Sofas ins Wohnzimmer gestellt, damit es genügend Sitzplätze gibt. Tino und ich nehmen auf der kleinen Couch aus Lisas Zimmer Platz und ich organisiere uns etwas zu Essen und zu trinken. Von meinem Ofengemüse wurden bereits erste Portionen aufgewärmt und ich schnappe mir gleich zwei Teller. Außerdem bringe ich für mich ein Bier und für Tino ein Glas von Lisas „Hauslimonade“ mit. Nach und nach treffen weitere Gäste ein, aber meine ganze Aufmerksamkeit gilt Tino. Als wir wieder auf das Thema Barfußlaufen kommen, frage ich ihn, ob ich einmal seine Füße anfassen dürfte, da es mich interessiert, wie sie sich anfühlen. Lachend lehnt Tino sich zurück und legt seine Füße auf meinem Schoß ab. Ich ziehe meine Sandalen aus, setze mich im Schneidersitz auf die Couch und lehne mich mit dem Rücken an die Armlehne. Neugierig betrachte ich Tinos Füße, die noch ein Stück kleiner sind als meine eigenen. Seine Sohlen sind zwar etwas gefärbt, aber bei weitem nicht so schmutzig, wie ich es nach einem ganzen Tag Barfußlaufen erwartet hätte. Vorsichtig streichle ich mit meinen Fingerspitzen über seine Sohlen. Tatsächlich sind diese kein bisschen rau, aber an manchen Stellen fühlt sich die Haut deutlich dicker und fester an, vor allem an den Ballen und Fersen. Mit beiden Händen greife ich seinen rechten Fuß und beginne, ihn zärtlich zu streicheln. Tino schließt die Augen und lehnt sich entspannt zurück. Offenbar genießt er meine Berührung. Mit den Daumen wandere ich kreisend von der Ferse zu den Ballen und wieder zurück. Anschließend lege ich beide Daumen parallel auf die Mitte der Fußsohle, übe etwas Druck aus und streiche von innen nach außen. Sein entspanntes Seufzen verrät mir, dass ich gerne weitermachen darf und so beginne ich, Tinos Füße zu massieren. Während der Massage stelle ich mir vor, wie seine Füße ihn heute bereits durch die ganze Stadt getragen haben und schon früher an all die Orte, an denen er den Boden unter den nackten Fußsohlen spüren durfte, aber auch an all die Hindernisse und Gefahren, die er bereits barfuß überwunden hat. Mittlerweile bekomme ich kaum noch mit, was um uns herum passiert und bin ganz und gar auf Tino und seine Füße fixiert. Gerade gibt es für mich nichts Wichtigeres, als Tino glücklich zu machen. Während ich seine Füße knete, beginnen diese, ganz leicht zu schwitzen, was ich keineswegs eklig, sondern sogar hilfreich finde, da meine Hände so besser über seine Haut gleiten können. Plötzlich werde ich an der Schulter berührt. Stefan grinst mich an und fragt mich, ob meine Hände mittlerweile nach Käse riechen. Zuerst bin ich von dieser Frechheit genervt, aber schon kommt meine eigene freche Seite hervor. Also beuge ich mich vor und rieche an Tinos Füßen, wobei ich aber nur einen ganz leichten Geruch von Gras und Erde feststellen kann. „Jepp“ antworte ich, „aber ich liebe Mozzarella“ und tue so, als würde ich in Tinos Zeh beißen. „Bei dir tippe ich mal auf Cheddar oder Höhlenkäse“. Dabei setze ich ein möglichst freches Grinsen auf. Plötzlich habe ich Stefans nackten Fuß vor der Nase. Entsetzt drehe ich meinen Kopf zur Seite. Überzeugt, dass ich mit meiner Vermutung richtig liege, rieche ich dann doch an Stefans Fuß, kann dabei allerdings überhaupt keinen Geruch feststellen. Natürlich tue ich so, als hätte ich gerade an einem Glas saurer Milch gerochen und mache Geräusche, als würde ich mich übergeben, was für allgemeines Gelächter, besonders von Stefan selbst, sorgt. Anschließend setze ich Tinos Fußmassage fort und widme mich jetzt seinem anderen Fuß und blende das Geschehen in der WG wieder aus. Dabei bemerke ich, dass Tino am linken Fuß eine winzig kleine Narbe hat, während der zweite Zeh an seinem rechten Fuß etwas krumm ist. Ich denke mir, dass jeder Mensch ganz einzigartige Füße hat und es keinen Fuß zweimal auf der Welt gibt. Vorsichtig fahre ich mit meinen Fingern zwischen seine Zehen, wo die Haut besonders weich und empfindlich ist. Ich nehme jeden Zeh einzeln in die Hand und drehe ihn ganz vorsichtig nach links und rechts. Schließlich beende ich die Massage, indem ich beide Füße gleichzeitig mit meinen Handflächen und Handrücken ausstreiche. Kurz zögere ich und überlege, ob ich das, was mir durch den Kopf geht, wirklich machen soll. Mir ist klar, dass spätestens danach jeder und jedem im Raum klar sein sollte, dass ich mich in Tino verliebt habe und dass wir dabei sind, uns näherzukommen. Obwohl ich merke, dass ich rot werde, beuge ich mich vor und drücke Tino ein zärtliches Küsschen auf beide Fußballen.

Kapitel 10 (Tino)

Offenbar lag ich mit meinem Gefühl bei Miri richtig und am Ende ging es doch schneller als ich es erwartet hätte. Im Park hat sie es bereits genossen, sich von mir den Rücken streicheln zu lassen, aber in der WG wollte sie sogar meine Füße berühren, weil sie neugierig war, wie sich diese anfühlen. Aus dieser kurzen Berührung wurde am Ende eine einstündige Fußmassage. Jetzt habe ich also endlich den Vergleich, von dem Elena damals gesprochen hat, als sie mir das Barfußgehen nähergebracht hat. Tatsächlich ist das Gefühl bei einer Fußmassage dem beim Barfußgehen in mancher Hinsicht sehr ähnlich. Allerdings gibt es auch große Unterschiede: Beim Barfußgehen berühren in der Regel immer dieselben Bereiche der Fußsohlen den Boden, meistens Ballen, Fersen und Zehen. Aufgrund der Fußwölbung bleibt die Mitte der Fußsohle meistens in der Luft, oder streift den Boden, wenn dieser uneben ist und liegt nur selten ganz auf. Auch der Fußrücken und die Zehenzwischenräume bekommen keine Sinneseindrücke zum Verarbeiten. Die Intensität wechselt beim Barfußgehen ständig, während sie bei einer Fußmassage meistens relativ gleichbleibt. Natürlich sind die Hände der Person, von der man massiert wird, verhältnismäßig glatt und weich, wobei ich zugeben muss, dass Miri zwischendurch ordentlich zugepackt und die Daumen kräftig in meine Fußsohle gedrückt hat. Der größte Unterschied liegt aber natürlich darin, dass man bei einer Massage von einem anderen Menschen berührt wird und Miris Berührungen waren unvergleichlich und wunderbar. Wenn man mich jetzt fragen würde, ob eine Fußmassage oder Barfußgehen angenehmer ist, könnte ich mich kaum entscheiden. Das Barfußgehen verbinde ich selbst auch sehr mit Freiheit und der Verbindung zur Natur, während Miris Fußmassage natürlich eine sehr schöne zwischenmenschliche Berührung war. Nach der Massage haben Miri und ich noch eine Zeit lang gekuschelt, bis ich dann mit einem warmen Gefühl ums Herz und auf äußerst entspannten Füßen nach Hause gegangen bin. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass sich der Boden auf dem Heimweg ganz anders angefühlt hat als sonst. Ausnahmsweise bin ich auch mit nicht gewaschenen Füßen schlafen gegangen, da ich Miris Berührung nicht „wegwischen“ wollte. Bevor ich gegangen bin, haben wir noch unsere Nummern ausgetauscht und heute Morgen hatte ich eine ungelesene Nachricht von ihr auf dem Handy, die nur aus einem rosafarbenen Herzen bestand. Die schönste Nachricht, die ich seit Langem bekommen habe. Allerdings wurde diese Nachricht um drei Uhr nachts verschickt, als ich schon längst geschlafen habe. Miri war also noch länger wach und hat mit den anderen gefeiert. Das heißt, dass sie wohl noch länger schlafen wird. Dennoch schicke ich ihr ein Herz zurück und zu meiner Verwunderung sehe ich, dass sie die Nachricht sofort gelesen hat und gleich beginnt, eine Antwort zu tippen. Offenbar braucht die Gute selbst nach einer langen Nacht nicht viel Schlaf. Immerhin ist es erst acht Uhr. Wir verabreden uns für heute Nachmittag bei mir, damit sie auch einmal sieht, wo und wie ich wohne. Miri verspricht, etwas Gebäck und Kuchen mitzubringen und ich überlege mir, ihr später noch den Baggersee zu zeigen. Ich hätte sogar noch ein zweites Fahrrad da, sodass wir gemeinsam fahren könnten. Vorher unternehme ich aber noch meinen morgendlichen Spaziergang, der mich heute in den nahegelegenen Wald führt, was auch für meine Füße eine schöne Abwechselung bedeutet. Auf dem Weg in dem Wald setze ich mich für ein paar Minuten auf eine Bank am Kanal und betrachte das Wasser. Eine ältere Dame setzt sich neben mich und wir unterhalten uns. Als ihr Blick auf meine Füße fällt, fragt sie mich, ob ich keine Schuhe dabeihätte. Sie erzählt, dass sie früher gerne barfuß gegangen sei und findet es schön, dass es noch junge Menschen gibt, die das Leben so genießen. Bevor sie ihren Spaziergang fortsetzt, schenkt sie mir einen Apfel. Heute geht zur Abwechselung ein leichter Wind und ich bin froh, meine leichte Strickweste dabeizuhaben. Im Wald gehe ich einen meiner üblichen Wege. Ein paar Mal verfängt sich eine Buchecker mit ihren Stacheln in meiner Fußsohle, was unangenehm ist, aber nicht besonders wehtut, da ich diese immer frühzeitig bemerke und entfernen kann, bevor ich auftrete. Ein weiteres Hindernis stellen die mit teils sehr spitzen Steinen geschotterten Wege da, aber dank meines geschulten Blicks erkenne ich die Stellen, wo ich problemlos hintreten kann. An einer Lichtung mit einem wunderschönen Blick über die Stadt setze ich mich auf einen Baumstumpf und packe meine Thermoskanne aus. Während ich meinen Tee genieße, denke ich sowohl an Miri wie auch an Elena und stelle fest, dass in meinem Leben gerade ein neues Kapitel beginnt.

Kapitel 11 (Miri)

Diese Nacht konnte ich nur wenig und sehr schlecht schlafen. Einerseits lag dies an dem Alkohol, den ich Gestern getrunken habe, andererseits musste ich ununterbrochen an Tino denken. Bis zwei Uhr haben wir Svens Geburtstag gefeiert und anschließend habe ich Lisa, Sven und Stefan beim Aufräumen geholfen. Allerdings war ich mit meinen Gedanken überhaupt nicht bei der Sache. Niemand hat mich auf Tino angesprochen, aber über meine Gefühle für ihn weiß nun die ganze WG Bescheid, spätestens nachdem ich seine Füße geküsst habe und wir anschließend Arm in Arm auf der Couch lagen. Diesmal fühlt sich das Verliebtsein anders an als früher. In der Schule war ich zweimal in einen Jungen verliebt, was ich damals aber noch gar nicht verstanden habe. Ich bin in ihrer Gegenwart nur rot geworden und hatte ein Gefühl, mit dem ich damals noch nichts anfangen konnte. Bei Manu war es anders. Es war mehr eine Begeisterung und Bewunderung. Ich wollte alles von ihm wissen und vor allem seine Aufmerksamkeit. Die habe ich bekommen, indem ich frech zu ihm war und ihn bei jeder Gelegenheit aufgezogen habe. Zu meinem Glück hat er erkannt, was eigentlich in mir vorging und mich einfach an einem Freitagabend in eine Bar eingeladen. Aber das Gefühl bei Tino ist ein ganz Anderes. Auch für ihn empfinde ich Bewunderung, aber nicht nur für seine charismatische Art, oder sein Aussehen, sondern für seine innere Ruhe, sein Wissen und das Gefühl von Geborgenheit, das er mir gibt, obwohl wir uns erst seit wenigen Tagen kennen.

Durch die geschlossene Tür kann ich hören, dass die anderen Mädels bereits auf sind und im Wohnzimmer frühstücken. Noch zögere ich, mein Zimmer zu verlassen. Der gestrige Abend ist mir auch ein wenig peinlich. Ich hoffe, meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner denken jetzt nicht, dass ich mich jeden zweiten Abend an irgendeinen Typen heranschmeiße. Andererseits haben sie sich Gestern beim Aufräumen ganz normal verhalten und ewig kann ich mich auch nicht in meinem Zimmer verstecken. Also nehme ich meinen Mut zusammen und betrete den Gemeinschaftsraum.

Tatsächlich sitzen Lisa und Merle am Wohnzimmertisch und frühstücken. Als ich aus meinem Zimmer komme, begrüßen sie mich freundlich und bieten mir an, mir einen Kaffee zu nehmen und mich zu ihnen zu setzen, worauf ich gerne eingehe. Die arme Merle ist ziemlich fertig, da sie zu wenig Schlaf hatte, aber gleich zur Arbeit muss. Lisa ist es gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen und möchte heute mit einer Freundin wandern gehen. Bei der Frage, was ich heute vorhabe, werde ich rot, da ich am Nachmittag mit Tino verabredet bin. Dankenswerterweise wechseln die beide verständnisvoll lächelnd das Thema.

Nach dem Frühstück gehe ich wieder zum See, um mich abzukühlen und für den Tag aufzufrischen und lege mich anschließend wieder für eine ganze Stunde in die Sonne. Ich beschließe, auf das Mittagessen zu verzichten und mir auf dem Weg zu Tino eine Kleinigkeit zu besorgen. Bevor ich aufbreche, denke ich kurz darüber nach, die Sandalen nicht wieder anzuziehen und in meine Tasche zu stecken. Gerne würde ich selbst einmal die Erfahrung machen, eine längere Strecke barfuß zu gehen, aber wieder fehlt mir der Mut und so ziehe ich sie mir nach ein paar Schritten auf bloßen Sohlen doch wieder an.

Zum Glück hat Tino mir Gestern bei meiner Stadtführung auch seine Lieblingsbäckerei gezeigt. Dort besorge ich ein paar Stück Kuchen für das Zusammensitzen mit Tino und ein belegtes Brötchen für mich als Ersatz für das Mittagessen. Da ich noch etwas Zeit habe, sehe ich mich noch in einem der Büchergeschäfte um, die Tino mir gezeigt hat. Dort finde ich eine antiquarische Einführung in die Philosophie, die ich mir sofort kaufe. Ich setze mich auf die Bank, auf der Tino Gestern meinen Rücken gestreichelt hat und lese, bis es an der Zeit ist, mich auf den Weg zu machen.

Obwohl Tino durch die Auszahlung seiner Familie ein eigenes Haus besitzt, wohnt er nicht in diesem, sondern vermietet es und wohnt selbst in einem WG-Zimmer am gegenüberliegenden Stadtrand. Die WG befindet sich ebenfalls in einem Altbau, aber im Gegensatz zu meiner WG nicht in einem großen Wohnhaus, sondern in einem ehemaligen Mehrfamilienhaus, das vor einigen Jahren WG-freundlich umgebaut wurde, wahrscheinlich weil sich mit der Vermietung von einzelnen WG-Zimmern mehr Geld einnehmen lässt als mit der Vermietung ganzer Wohnungen. Auch Tino hat eine Vorliebe für antike Möbel. In einer Ecke seines Zimmers steht ein schöner, handgefertigter Schreibtisch, sein Bett hat geschnitzte Verzierungen und auch die beiden rustikalen Stühle wirken sehr altmodisch. Die Antike Couch, vermutlich aus den 50ern, entpuppt sich als deutlich bequemer, als ihr Aussehen vermuten ließe. Tino setzt mir einen Kaffee und sich selbst einen Tee auf. Da ich vorerst nicht auf Gestern Abend zu sprechen kommen möchte, zeige ich Tino das Buch, das ich gerade in einer „seiner“ Buchhandlungen erstanden habe. Er sieht es sich an und so reden wir über Philosophie und das Studium. Er zeigt mir auch seine Seminararbeit, die er gerade abgeschlossen hat. Er hat einen Altgriechisch Kurs belegt und als Thema für seine Arbeit den Begriff “ Ἀλήθεια“, also Alḗtheia gewählt. Tino erklärt mir, dass er in seiner Arbeit sowohl auf den mythologischen Ursprung als Göttin der Wahrheit als auch die Verwendung bei Platon eingegangen ist.

Später schlägt Tino vor, dass wir gemeinsam zu einem abgelegenen Baggersee fahren könnten, wo man in Ruhe baden kann. Da ich heute schon ausgiebig gebadet habe, schlage ich stattdessen einen Spaziergang vor, womit Tino natürlich auch einverstanden ist. Meine Sandalen habe ich beim Betreten seines Zimmers ausgezogen und überlege nun, ob ich jetzt den Mut aufbringen und sie hierlassen kann, oder ob ich sie doch zumindest mitnehmen, oder sogar gleich anziehen sollte. Tino schreitet selbstverständlich barfuß aus dem Haus und so atme ich tief durch und tue es ihm gleich.

Natürlich hat Tino meine Barfüßigkeit gleich bemerkt, aber er ist so freundlich, diese nicht anzusprechen. Der gepflasterte Straßenboden fühlt sich unter meinen nackten Fußsohlen anfangs sehr ungewohnt an und ich tapse eher vor mich hin, als dass ich normal spazieren gehe. Aber nach ein paar Schritten habe ich mich an das Gehen auf ungeschützten Sohlen gewöhnt und gehe gelassen neben Tino her, wobei ich noch häufiger auf den Boden schaue. Tino scheint zu ahnen, dass ich mich mit dem Barfußgehen noch etwas schwertue und wählt für unseren Spaziergang Wege, die uns häufig über Gras und andere weiche Böden führen. Mittlerweile habe ich mich an meine nackten Füße gewöhnt und beginne, die Eindrücke, die ich über meine Fußsohlen erhalte, zu genießen. Tatsächlich bin ich so auf meine bloßen Füße fokussiert, dass ich gar nicht mitbekomme, wo wir eigentlich hingehen, bis wir auf einmal auf der Wiese vor dem Westgebäude der Uni stehen. Wir machen es uns im Schatten unter einem Baum bequem und legen uns in das trockene Gras. Neugierig betrachte ich jetzt meine eigenen Fußsohlen, die noch immer beinahe sauber sind. Tino scheint meine Gedanken zu lesen und hält seine Füße neben meine, sodass ich sie vergleichen kann. Tatsächlich sind Tinos Füße ein paar Zentimeter kleiner als meine und zudem deutlich schmaler. Auch hat er viel kürzere Zehen als ich. Von Gestern weiß ich noch, dass die Haut an seinem Fußballen und an der Ferse deutlich fester ist als bei mir, eine Folge des jahrelangen Barfußgehens auf allen möglichen Untergründen. Lachend drücken wir unsere Fußsohlen aneinander und lassen uns ins Gras fallen. Ich lege meinen Kopf auf Tinos Brust und er beginnt, mich sanft zu kraulen. Stundenlang liegen wir so schweigend und verliebt unter dem Baum, bis die Luft beginnt, deutlich kühler zu werden. Wir beschließen, dass wir unseren gemeinsamen Tag damit erst einmal beenden werden und verabreden uns für Morgen. Wir verabschieden uns mit einer langen und innigen Umarmung und machen uns getrennt auf den Heimweg. Erst auf der Hälfte der Strecke bemerke ich, dass ich noch immer barfuß bin und meine Sandalen noch bei Tino liegen. Lachend denke ich mir, dass ich ihn also wiedersehen muss.

Kapitel 12 (Tino)

Heute bin ich mal wieder bei der Arbeit am Obst- und Gemüsestand eingeteilt. Die Stände sind über das Stadtgebiet verteilt und werden morgens ab halb neun beliefert. Deshalb sollte ich zu dieser Zeit da sein, um dem Lieferanten zu helfen, die verschieden Obst- und Gemüsekisten herzurichten. Um acht Uhr mache ich mich auf den Weg, selbstverständlich barfuß, aber meine „Alibisandalen“ habe ich in meiner Tasche. Dem Lieferanten ist es egal, ob ich etwas an den Füßen trage oder nicht, aber wenn die Chefin vorbeikommen sollte, muss ich aufpassen, da sie sehr viel Wert darauf legt, welchen Eindruck wir als Verkäuferinnen und Verkäufer machen. Zwar können die Kundinnen und Kunden unsere Füße nicht sehen, aber die Chefin ist in dieser Hinsicht dennoch speziell. Nachdem ich angekommen bin, platziere ich meine Sandalen so, dass ich jederzeit hineinschlüpfen kann und trinke noch etwas Tee aus der Thermoskanne. Kurz darauf hält der Lieferwagen an der Straße und ich helfe dem Fahrer beim Entladen, nehme die Kasse entgegen, zähle das Wechselgeld und verabschiede den Fahrer. Das Schöne an meinem Arbeitspatz ist, dass es immer nach frischem Obst duftet. Der Nachteil ist, dass wir keinen Stuhl haben dürfen und die ganze Zeit stehen müssen. Auch Essen dürfen wir zwischendurch nicht, höchstens einen Schluck Wasser trinken und die Flasche gleich wieder so verstauen, dass die Kundinnen und Kunden diese nicht sehen können. Gerne würde ich auch nebenbei lesen, aber das ist ein absolutes NoGo. Und so warte ich auf die erste Kundschaft. Nach einer halben Stunde kommt zum ersten Mal ein älterer Herr zu meinem Stand, der die Waren begutachtet, sich über das frische Gemüse freut und dann seinen Weg fortsetzt. Ein wenig später erkundigt sich eine Frau mit Kinderwagen nach den Preisen und scheint nach wenigen Sekunden beschlossen zu haben, dass sie im nahegelegenen Supermarkt günstigere Angebote finden wird. Kurz darauf darf ich dann aber doch einer älteren Dame ein Kilo Kartoffeln verkaufen, wobei sie sehr viel Wert darauf legt, dass die Waage exakt ein Kilo anzeigt, denn bei 990 Gramm schüttelt sie ebenso den Kopf und sagt vorwurfsvoll „ein Kilo!“ wie bei 1002 Gramm( „Ein Kilo!!!“), obwohl ich ihr erkläre, dass sie die zwei Gramm „geschenkt“ bekommen würde („EIN KILO!!!“). Da ich sowieso nichts anderes zu tun habe, tausche ich einfach größere gegen kleinere Kartoffeln aus, wenn die Waage mehr als ein Kilo anzeigt und dann wieder umgekehrt, wenn sie weniger anzeigt. Nach ungefähr fünf Minuten gelingt es mir schließlich, die Waage auf exakt 1kg zu bringen. Nun ist auch die Kundin zufrieden und ich freue mich, dass ich sie glücklich machen konnte, bin aber auch nicht traurig, als sie sich wieder auf den Weg macht. Da wir immer den Eindruck machen sollen, als wären wir beschäftigt, begutachte ich von außen die Anordnung der Waren und tausche die Plätze von zwei Kisten. Das ergibt zwar keinen Sinn, aber zumindest wirkt es so, als hätte ich etwas zu tun und wenn zufällig die Chefin vorbeikommt, macht sie das glücklich. Eine gute Viertelstunde später halten zwei Philosophiestudentinnen, die letztes Semester in meinem Tutorium waren, an dem Stand, um mich zu begrüßen. Offiziell haben wir die Anweisung, während der Arbeit nicht mit unseren Freundinnen und Freunden zu reden. Einerseits, um den potenziellen Kundinnen und Kunden bloß nicht den Eindruck zu vermitteln, dass wir keine Zeit für sie hätten (auch wenn weit und breit keine potenzielle Kundschaft zu sehen ist), andererseits haben laut der Chefin viele ältere Menschen (die den Großteil unserer Kundschaft bilden) vor jungen Leuten Angst. Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sich irgendjemand vor den beiden Mädels, die noch kleiner sind als ich und dazu eine äußerst freundliche Ausstrahlung haben, fürchten könnte, beschließe ich in einem Anflug von Rebellion, die beiden nicht fortzuschicken, sondern mir die Zeit für einen kleinen Plausch zu nehmen. Dafür versprechen sie mir brav, nächstes Semester wieder in eines meiner Tutorien zu kommen. Bis zum Ende meiner Schicht um 13:00 Uhr habe ich insgesamt sechs Kundinnen und Kunden bedient und dabei Obst und Gemüse im Wert von 62 Euro verkauft, während ich selbst durch meine heutigen Stunden auf einen Lohn von 54 Euro komme. Ein eher bescheidener, aber nicht ungewöhnlicher Umsatz für einen Vormittagsdienst. Meine Kollegin, die mich ablöst, wird dafür etwas mehr zu tun haben, denn die meisten Waren werden ab 15:00 Uhr verkauft. Dafür freue ich mich über meinen Feierabend und noch mehr über eine liebe Nachricht von Miri, die ich gerade bekommen habe.

Kapitel 13 (Miri)

Der Tag hätte für mich wirklich schöner starten können. Leider lag gleich in der Früh der Brief vom Bafögamt auf dem Tisch. Da meine Eltern aus Sicht der Behörde jetzt zu gut verdienen, wird mir die Förderung gekürzt. Dabei kann ich mit dem Bafög und dem Kindergeld, das mir meine Eltern überweisen, gerade einmal meine Miete und das Semesterticket zahlen. Für alles andere bleiben mir noch 80 Euro im Monat. Ich habe zwar noch ein paar Rücklagen auf dem Konto, aber es steht fest, dass ich mir nun einen Minijob suchen muss. Zwar hätte ich das früher oder später sowieso vorgehabt, aber zumindest das erste Semester hätte ich mich doch gerne voll und ganz auf die Uni konzentriert. Ich nehme mir einen Zettel und einen Stift und beginne zu überlegen, wie ich meinen Lebensunterhalt finanzieren kann. Mein erster Gedanke wäre Nachhilfe anzubieten. Allerdings habe ich darin keine Erfahrung und es gibt auch kein Fach, in dem ich mich besonders kompetent fühlen würde. Natürlich habe ich mein Abi geschafft und hatte meine Leistungskurse in Deutsch und Bio, aber ich sehe mich nicht in der Rolle, mein Wissen an Kinder weiterzugeben oder ihnen beim Lernen zu helfen. Irgendetwas mit Kindern könnte ich mir aber durchaus vorstellen. Welche Möglichkeiten gäbe es noch? Merle arbeitet in einem Schuhgeschäft, in dem auch Einrichtungsgegenstände aus heimischer Produktion verkauft werden. Wenn sie von der Arbeit erzählt, klingt das meistens sehr entspannt. Die Mitarbeiterinnen dürfen während der Arbeit sogar Freundinnen auf einen Tee einladen, solange jemand die Kundinnen und Kunden bedient. Ich beschließe, dass ich sie fragen werde, ob in ihrer Filiale noch Verstärkung gesucht wird. Tino arbeitet an einem Obst- und Gemüsestand. Die Arbeit ist einfach, aber auch sehr langweilig. Außerdem wurden die Verkäuferinnen und Verkäufer für diese Saison schon eingestellt. Aber ich nehme mir vor, auch Tino zu fragen, ob es möglich ist, noch einzusteigen. Aber ich brauche unbedingt noch Alternativen und am besten etwas, bei dem ich möglichst bald anfangen kann. Jetzt mache ich mir aber zuerst einen Kaffee und genieße mein Frühstück. Anschließend mache ich es mir auf der Sitzbank im Wohnzimmer bequem und schreibe Tino eine Nachricht:

„Guten Morgen, mein LieberY

Ich möchte mich für den schönen Spaziergang Gestern bedanken.

Es war ein wundervoller Tag und ich würde mich sehr freuen,

mehr Zeit mit dir zu verbringen. Es ist so schön, in deiner Nähe zu sein.

Hab dich lieb“

 

Wahrscheinlich wird Tino nicht so bald antworten, da er heute arbeiten muss und dabei natürlich nicht alle fünf Minuten auf sein Handy schauen kann, aber ich stelle mir vor, wie er sich freut, wenn er dann meine Nachricht liest.

 

Kurz nach meiner Nachricht an Tino kommt Merle ins Wohnzimmer. Wir trinken einen Kaffee und ich frage sie, ob ihre Filiale gerade Mitarbeiter:innen sucht. Merle ist sich sicher, dass es gerade keine Stelle frei ist, gibt mir aber den Tipp, einen Blick auf das „Schwarze Brett“ an der Uni zu werfen, wo meistens interessante Aushänge zu finden sind. Außerdem könnte ich noch bei einer Bio-Eisdiele anfragen, die recht gute Gehälter zahlt. Nach dem Kaffee möchte Merle mit dem Auto zur Kletterhalle fahren und bietet mir an, mich bei der Uni abzusetzen. Dort könnte ich einerseits auf dem schwarzen Brett nach einer Stelle Ausschau halten, andererseits beim Studierendenservice meinen Studentinnenausweis beantragen, mit dem ich auch 24 Stunden Zugang zur Bibliothek erhalte. Wir verabreden uns in fünf Minuten bei ihrem Auto. Da ich noch meine Schlafsachen trage, ziehe ich mich zuerst um und entscheide mich aufgrund der Hitze für mein blaues Sommerkleid, das ich letztes Jahr gekauft habe. Allerdings finde ich meine Sandalen nicht, was mich ziemlich ärgert, da ich keine Lust habe, mein einzig anderes Paar Schuhe, das ich schon mitgenommen habe, aus dem Karton hervorzukramen, denn bei dieser Hitze sind Turnschuhe nicht die erste Wahl. Nachdem mich die erfolglose Sandalensuche beinahe zur Verzweiflung getrieben hat, fällt mir ein, dass diese noch bei Tino liegen. Also bleibt mir nur die Möglichkeit, die Sportschuhe zu suchen, oder mich barfuß auf den Weg zu machen. Einerseits war das Barfußlaufen Gestern eine schöne Erfahrung, andererseits war Tino dabei, während ich heute alleine bin und mit der Vorstellung, an der Uni barfuß herumzulaufen, fühle ich mich nicht besonders wohl.

 

Kapitel 14 (Tino)

Nachdem Karina mich bei der Arbeit abgelöst, oder besser gesagt, mich von meiner monotonen Tätigkeit erlöst hat, fahre ich zur Uni. Im nächsten Semester soll ich für Lena, eine junge Professorin, das Tutorium für ihre Vorlesung zur Geschichte der Philosophie leiten. Während es im letzten Semester vor allem um die jüngere Philosophiegeschichte ging, soll der Schwerpunkt der kommenden Vorlesung bei den antiken Philosophen, also besonders bei den alten Griechen wie Platon und Aristoteles liegen. Wir wollen uns nächste Woche zu einer ersten Vorbesprechung treffen und dafür möchte ich mich heute etwas vorbereiten und ein paar Texte heraussuchen, die wir im Tutorium beispielhaft besprechen könnten. Außerdem würde ich mit den Studierenden in den ersten zwei Tutoriumseinheiten gerne das altgriechische Alphabet durchgehen und ein paar zentrale Begriffe besprechen, da ich in meinem ersten Semester ein Buch von Hannah Arendt gelesen habe, in dem einige altgriechische Zitate vorkamen, die nicht übersetzt wurden. Außerdem kann es meiner Meinung nach nie schaden, sich ein wenig mit den Sprachen zu beschäftigen, in denen die Texte, die man liest, ursprünglich geschrieben wurden. Doch jetzt darf ich erst einmal den Verkaufsstand hinter mir lassen. Mein „Feierabendritual“ besteht in erster Linie darin, meine Alibisandalen dorthin zu befördern, wo sie hingehören, nämlich in meinen Rucksack. Mittlerweile ist es ziemlich heiß geworden, aber der Boden ist noch eher angenehm warm als schmerzhaft heiß. So spaziere ich am Kanal entlang zur Uni und verspeise dabei einen Apfel, den ich selbstverständlich von zuhause und nicht vom Stand mitgenommen habe (auch wenn ich diesen Job sicher nicht bis zu meinem Rentenantritt machen werde, brauche ich ihn zurzeit noch und riskiere daher nichts). Vor dem Haupteingang der Uni sitzt Sven, dessen Füße selbstverständlich ebenso unbekleidet sind wie meine und ebenfalls gerade in einen Apfel beißt. Allerdings steht neben ihm ein riesiger Becher Kaffee, der genügen würde, um mich einen ganzen Monat lang um den Schlaf zu bringen, für Sven aber gerade so reicht, um die Vormittagsmüdigkeit zu vertreiben. Ich setze mich neben ihn auf die Stufen und lasse mich über den aktuellen Stand mit Miri ausquetschen, auch wenn es da grundsätzlich noch nicht all zu viel zu erzählen gibt. Trotzdem erzähle ich ihm von unserem gestrigen Spaziergang und der lieben Nachricht, die sie mir heute geschickt hat. Sven selbst hat wie immer mehrere Verehrerinnen gleichzeitig, da „sanfte Riesen“ wie er bei den Studentinnen in unseren Kreisen sehr beliebt sind. Allerdings gibt es momentan keine, mit der er sich eine ernsthafte Beziehung vorstellen könnte, obwohl er bereits seit fast einem Jahr single ist und sich eigentlich eine Freundin wünscht. Ungefähr fünfzig Meter südwestlich von uns befindet sich der Uniparkplatz, auf dem gerade ein älterer, dunkelblauer Citroen mit zahlreichen Blumenaufklebern einfährt. Zuerst denke ich, dass Merle sich auch mal wieder an der Uni blicken lässt, doch sie hält nur kurz, lässt jemanden aussteigen und fährt weiter. Statt Merle kommt uns Miri strahlend entgegen. Sie trägt ein dunkelblaues, ärmelfreies Sommerkleid und hat zu meiner freudigen Überraschung ihre Schuhmode an meine (und Svens) angepasst. Zur Begrüßung bekomme ich von ihr heute sogar einen Kuss auf den Mund, während Sven mit einer herzlichen Umarmung bedacht wird. Nachdem Miri sich von Svens gigantischem Kaffeebecher beeindruckt zeigt, steht dieser auf, um ihr einen ebensolchen aus der Cafeteria zu besorgen. Nachdem sie mich mit zunächst scherzhaft beschuldigt, ihre Sandalen entführt zu haben und dabei grinsend auf ihre bloßen Füße zeigt, berichte ich auf ihre Nachfrage von meinem Arbeitstag. Die penetrante Kundin, die unbedingt haargenau ein Kilo Kartoffeln haben wollte, amüsiert sie offenbar sehr. Miri ist heute zur Uni gekommen, um ein paar organisatorische Dinge zu erledigen und das schwarze Brett nach einem Aushang für einen Job zu durchstöbern. Ich begleite sie zum schwarzen Brett und begebe mich anschließend in die Bib, um mit meinen Vorbereitungen für das Tutorium zu beginnen.

 

Kaitel 15 (Miri)

„Rollstuhlfahrerin sucht Hilfe im Alltag. Ein Tag pro Woche für acht Stunden. Zehn Euro Stundenlohn“. So lautet die einzig überlegenswerte Ausschreibung, die ich am schwarzen Brett entdecken kann. Der Stundenlohn haut mich zwar nicht gerade aus meinen nicht vorhandenen Socken, aber einer Rollstuhlfahrerin zu helfen, stelle ich mir noch angenehmer vor, als in der Fußgängerzone als „Promoterin“ Flyer für irgendwelche Produkte zu verteilen, die ich selbst nie im Leben benutzen würde. Die Ausschreibung, die mit „du bist weiblich-attraktiv und suchst einen Sommerjob?“ lese ich gar nicht erst weiter und aufgrund fehlender musikalischer Begabung fühle ich mich auch nicht berufen, die Nummer unter der Anzeige zu anzurufen, bei der eine Saxophonlehrerin gesucht wird. Stattdessen wähle ich die Nummer der Rollstuhlfahrerin und es hebt eine sehr freundlich klingende, scheinbar etwas ältere Dame ab. Sie würde dringend jemanden suchen, da sie zwar ein Assistentinnenteam hat, dieses aber nicht ausreicht, um jeden Tag der Woche vollständig abzudecken. Daher bietet sie mir an, dass ich jetzt gleich zu einem Vorstellungsgespräch kommen könnte. Nervös überlege ich, ob es eine gute Idee wäre, gleich aufzubrechen, da ich nicht vorbereitet bin und nicht einmal meine Sandalen dabeihabe. Andererseits würde es meine Chancen sicherlich erhöhen, wenn ich diese Gelegenheit nutze. Also sage ich zu. Die Adresse ist etwas weiter von der Uni entfernt. Ich muss ca. zwanzig Minuten mit dem Bus fahren und anschließend zehn Minuten zu Fuß gehen. 

Kapitel 16 (Tino)

Auch wenn ich Altgriechisch sehr interessant finde, bin ich doch froh, dass ich das „Greek-English Lexicon“ von Liddell&Scott endlich wieder in das Ablagefach des entsprechenden Regals zurückstellen kann, was angesichts des Gewichts dieses Monstrums von Buch schon fast einer sportlichen Tätigkeit gleichkommt. Auf meinem Handy ist derweil eine Nachricht von Sven eingetrudelt: „Heute Abend veranstaltet das Unitheater einen Poetryslam in der Aula. Bist dabei?“ Natürlich muss ich da nicht großartig überlegen und sage Sven zu. Erst im Winter haben wir einen Poetry Slam besucht und dabei einige sehr interessante Künstlerinnen und Künstler kennengelernt. Nur ums Essen sollte ich mich vorher noch kümmern und frage Sven, ob er Lust hat, mit mir zu kochen. Eine Stunde später wird die WG-Küche von zwei jungen Männern verunstaltet, die Karotten hacken, Tomaten schälen, Nudeln kochen und einen Salat zubereiten. „Nicht vergessen, nachher die Küche zu putzen, Jungs! Sonst gibt’s Ärger“ droht uns Lisa augenzwinkernd. Natürlich versprechen wir ihr brav, alles so zu hinterlassen, wie wir es vorgefunden haben. Tatsächlich ist eine schmutzige Küche eine der wenigen Sachen, die Lisa aus der Fassung bringen können, was Merle schon öfter Ärger eingebracht hat, obwohl sie es ansonsten sogar lustig findet, dass man ständig irgendwelche Dinge findet, die Merle verlegt hat: Ihr Handy liegt oft auf dem Sofa, ihre Autoschlüssel wurden mysteriöserweise schon im Kühlschrank gefunden und im Winter findet man ihre Socken wirklich überall. Immerhin gelingt es uns, Lisa dazu zu überreden, bei uns mitzuessen, was sie mit Blick auf die Küche gleich etwas sanfter stimmt. Natürlich halten wir unser Versprechen und bringen die Küche vor unserem Aufbruch auf Hochglanz. In der Aula sind bei unserem Eintreffen leider schon alle Stühle besetzt, sodass wir uns ganz nach vorne auf den Boden setzen müssen. Dennoch haben wir einen guten Blick auf die Bühne. Als erstes tritt ein junger Mann auf, der aus der Perspektive eines einsamen Goldfischs in einem Wasserglas über die Liebe und das Schicksal der Menschheit philosophiert. Das Thema war jedenfalls kreativ gewählt und der Gedankengang durchaus interessant. Allerdings wirkte der Vortragende ziemlich unsicher. Dennoch gab es lautstarken Applaus. Als nächstes wird eine Münchner Mathematikerin vorgestellt, deren Thema ich leider nicht ganz folgen kann (es geht um Knoten und Matrizen), aber das scheint den meisten so zu gehen. Dennoch (oder gerade deshalb) gelingt es ihr, das Publikum mehrfach zum Lachen zu bringen. Ein weiterer Student hält einen Vortrag, den ich überhaupt nicht einordnen kann. Aus meiner Sicht reiht er sinnlos Wörter aneinander, wofür er vom Publikum zumindest einen höflichen Applaus erhält. Nach ein paar weiteren eher uninteressanten Auftritten, erregt die Ankündigung der letzten Künstlerin meine Aufmerksamkeit. Die Dichterin ist laut dem Moderator die selbsternannte Enkelin Heinz Erhardts. Damit ist die Latte ja gleich einmal hoch gelegt. Ich liebe Heinz Erhardts Gedichte. Wer ist wohl diese Dichterin, die sich anschickt, sein Erbe anzutreten? Neugierig beobachte ich, wie eine äußerst sympathische junge Frau die Bühne betritt und dem Moderator gleich frech das Mikrofon aus der Hand nimmt. „Also ich muss hier etwas klarstellen. Ich bin nicht nur Heinz Erhardts selbsternannte Enkelin, sondern Heinz Erhardts selbsternannte missratene Enkelin. So viel Zeit muss sein!“ Wie mir sofort auffällt, spricht sie mit einem starken Hamburger Akzent, sie hört sich wie eine Mischung aus Helmut Schmidt und Heidi Kabel, sagt „hia“, „nich nua“ und „missrotene“, worüber ich irgendwie schmunzeln muss. Grinsend lässt sie den verblüfften Moderator stehen und setzt sich auf den Stuhl. Die Dichterin hat ein sehr hübsches Gesicht mit einer lustigen und vor allem sehr großen Nase und intelligenten Augen. Die Poetin mit der großen Nase scheint Sven und mich direkt anzusehen und ich bemerke, dass Sven mindestens ebenso fasziniert ist wie ich. Gebannt hören wir zu, wie sie einen hamburgisch gesprochenen Reim an den anderen reiht.

„Ich habe einen Kater, Findus heißt er, müsst Ihr wissen,

Er ist sehr süß und kuschelt gerne in den Kissen.

Er sieht so aus wie Garfield, ziemlich nett,

nur ist zum Glück er nicht so ganz so fett.

Er fragt sich oft, denn dies ist nicht verboten,

Warum denn ist mein Frauchen nackt an ihren Hinterpfoten.

Die andern Leute von dem menschlichen Geschlechte

Tragen Ledersäcke an den Pfoten, linke wie auch rechte.

Allein mein Frauchen zeigt die Hinterpfoten unbedeckt,

die Zehen und die Sohlen werden nicht versteckt.

Kommt sie von draußen, von der Straße, rein,

ist es so, und auch hier drinnen. Das ist fein.

Allein er ist sehr klug, er merkte, allbereit,

sein Frauchen läuft derarten rum nur in der Sommerzeit.

Im Herbst und dann im Winter auch,

gilt bei ihr, man kann es sehn, ein andrer Brauch.

Dann trägt auch sie die Pfotentaschen

wie die andern Menschen – kluge wie auch Flaschen.

Doch ist dies egal, sein Denken schweift nun in die Ferne,

Soll sie’s machen, wie sie will: Ich hab sie gerne“


Original Gedicht von:

Henrike Erhardt, aka J.R.H. (Anm. d. Autors)


Erst jetzt bemerke ich, dass Henrike Erhardt, wie sich die Dichterin nennt, ebenso barfuß ist wie Sven und ich. Vielleicht hat sie uns aus diesem Grund vorher so direkt angesehen. Für ihren sympathischen Auftritt wird sie mit tosendem Jubel bedacht, während sie sich theatralisch verneigt, wobei sie allerdings über ihre eigenen Füße stolpert und von der Bühne direkt in Svens Arme fällt. Stotternd und errötet fängt er die fliegende Dichterin auf und fragt sie, ob ihr etwas passiert sei. „Oh, tut mir so leid. Nein, alles gut bei mir. Das liegt an meinen riesigen Clownsfüßen. Meine Mama meinte schon, dass ich meine Zehennägel rot lackieren soll, damit ich endlich mal sehen kann, wo meine Füße überhaupt aufhören. Und, äh, du kannst mich jetzt auch wieder runterlassen“, wobei sie ihn mit einem humorvollen Blitzen in den Augen anschaut. Svens Gesichtsfarbe springt nun von rot auf dunkelrot, während er sie herunterlässt. Die Aula applaudiert erneut. Offenbar wurde ihre Slapstickeinlage auch vom restlichen Publikum bemerkt, das sie anscheinend für einen einstudierten Teil der Show hält. Wieder verbeugt sich Henrike, diesmal allerdings mit ausreichend Bodenhaftung. Erst jetzt bemerke ich, dass sie mich um einen ganzen Kopf überragt und nur eine Hand breit kleiner als Sven ist. Nun legt sie uns lachend die Arme auf die Schultern. „Hey Jungs, bitte verzeiht mir. Das war echt nicht geplant. Wenn ich das wieder gutmachen darf, lade ich euch gerne auf ein Bier ein“. Sven schaut schüchtern zu Boden und stottert „Alles gut, nichts passiert. Du musst uns wirklich nicht einladen, das passt schon“. Was macht er da? Will Sven gerade ernsthaft die Einladung einer hübschen, sympathischen Frau ausschlagen, die ihm (oder besser gesagt uns) ein Bier spendieren möchte? „Also das nehmen wir natürlich gerne an. Übrigens haben uns deine Gedichte sehr beeindruckt“ versuche ich die Situation zu retten. „Oh, das freut mich sehr. Wisst ihr, das war mein erster Poetry Slam und auch mein erster Auftritt vor einer so großen Gruppe überhaupt. Schön, dass es euch gefallen hat“.

 

Kapitel 17 (Miri)

Nibelungenstraße 165. Hier muss es sein. Ich läute an der Tür und warte. Im Haus bellt ein Hund. Frau Beier hat mich schon am Telefon gefragt, ob ich Angst vor Hunden hätte (was zum Glück nicht der Fall ist). Ein Summen verrät mir, dass ich die Tür aufdrücken kann. Im Flur wartet eine ca. 50-jährige Frau im Rollstuhl auf mich. „Hallo Miri, freut mich sehr, dass du so spontan Zeit hattest. Hast du gut hergefunden?“ Freundlich lächelnd reicht sie mir die Hand. Frau Beier wirkt sehr zart und gebrechlich, aber zugleich auch sanft und zuvorkommend. Ihre weichen Gesichtszüge strahlen Freundlichkeit aus. „Ja, Danke, Frau Beier. Es war wirklich nicht schwer zu finden. Es freut mich auch, Sie kennenzulernen“. Frau Beier streichelt den Hund, der mich zuvor neugierig beschnuppert hat. „Ich wollte dir gerade zeigen, wo du deine Schuhe abstellen kannst, aber wie ich sehe ist das ja gar nicht nötig“. Ich werde rot. Vielleicht hätte ich doch erst nach Hause fahren und meine Schuhe holen sollen. „Ja, äh, das tut mir leid, Frau Beier. Wissen Sie, ich war gerade an der Uni und Sie meinten, ich sollte gleich vorbeikommen und…“ Frau Beier grinst. „Alles gut, Miri. Wenn deine Füße schmutzig sind, kannst du sie waschen, bevor du in die Wohnung kommst. Das Badezimmer ist gleich neben der Eingangstür. Ansonsten ist es mir völlig egal“. Erleichtert prüfe ich meine Fußsohlen. Ein paar weiße und graue Färbungen sind zu sehen, aber zum Glück kein gröberer Schmutz. Offenbar hat auch Frau Beier meine Fußsohlen begutachtet und für ausreichend sauber befunden. Jedenfalls winkt sie mich ins Wohnzimmer und bietet mir einen Stuhl an. „Also Miri, ich habe dir ja schon erzählt, dass ich Unterstützung brauche. Ich würde dir jetzt einmal erzählen, welche Aufgaben auf dich zukommen und dann können wir darüber reden, ob du dir das vorstellen kannst“. Auf mein Nicken hin fährt sie fort: „Wenn du in der Früh kommst, musst du mir als erstes aus dem Bett in den Rollstuhl helfen und mich danach beim Waschen unterstützen. Vorne kann ich mich selbst waschen, aber meinen Rücken und meine Füße müsstest du waschen. Anschließend brauche ich Hilfe beim Anziehen. Danach möchte ich frühstücken. Ich esse immer zwei Marmeladentoast. Die müsstest du mir herrichten. Ich zeige dir später, wo du alles findest. Übrigens darfst du dir auch gerne einen Kaffee oder Tee machen. Nach dem Frühstück möchte ich, dass du mir die Post öffnest. Manchmal muss ich selbst einen Brief schreiben. Auch das müsstest du übernehmen. Entweder per Hand oder am Computer. Früher oder später muss ich aufs WC. Auch dabei brauche ich Hilfe. Du musst mich vom Rollstuhl auf die Toilette heben, mir die Hose und Unterhose herunterziehen, mich wenn ich fertig bin, abwaschen und alles wieder hochziehen. Natürlich kannst du dir zum Abwischen Einweghandschuhe anziehen“. Bisher hat sich alles ganz gut angehört. Natürlich habe ich überlegt, ob ich es schaffen werde, Frau Beier in den Rollstuhl zu heben, aber ich bin mir sicher, dass ich es beim zweiten oder dritten Anlauf schaffen werde. Bei der Hilfe am WC fühle ich mich zum ersten Mal etwas unwohl, aber ich beschließe, dass ich es auf jeden Fall erst einmal versuchen möchte. „Nach dem WC wäre es gut, wenn wir ein wenig rausgehen können, damit ich an die frische Luft komme. Manchmal habe ich auch Termine, wo ich hingefahren werden muss. Da fällt mir ein: Hast du eigentlich einen Führerschein?“. Zum Glück habe ich meine Fahrerlaubnis noch vor dem Abi erworben, auch wenn ich nicht besonders viel Fahrpraxis vorweisen kann. Frau Beier erklärt mir noch, dass ich zwischendurch auch Aufgaben im Haushalt erledigen soll, beispielsweise Staubsaugen, Wischen und den Geschirrspüler ausräumen. Weiterhin erfahre ich, dass ihr Mann und ihr Sohn mit im Haus leben. Zudem bewohnt unter der Woche Katharina, eine Assistentin, die für ihre Unterstützung statt eines Lohns das ehemalige Zimmer von Nadine, Frau Beiers Tochter, sowie Lebensmittel zur Verfügung gestellt bekommt, das Haus. Ihr Sohn Malte ist gerade bei der Bundeswehr und daher unter der Woche in der Kaserne. Ihr Mann befindet sich momentan auf Geschäftsreise und ist auch ansonsten viel unterwegs. Nadine ist bereits vor fünf Jahren für ihr Studium ausgezogen und kommt nur gelegentlich für ein Wochenende oder in den Ferien zu Besuch. Da Nadine mit einem Paraguayaner verlobt ist, hat Frau Beier zudem kürzlich begonnen, Spanisch zu lernen.

Die Aufgaben passen für mich. Zunächst soll ich jeden Samstag für acht Stunden kommen. Unter der Woche wird Frau Beier von Katharina und einem externen Assitentinnenteam betreut. Sonntags bekommt sie Unterstützung von ihrem Mann, ihrem Sohn oder von Nadine. Somit werde ich achtzig Euro pro Woche und etwa 320 Euro pro Monat verdienen. Damit wären meine finanziellen Probleme gelöst. Ich muss gestehen, dass mir die Vorstellung, eine fremde Person nach dem Toilettengang zu säubern, etwas Unbehagen bereitet, aber auch so kommt mir die Arbeit wesentlich angenehmer als Tinos Job am Gemüsestand vor.

Nach gut zwei Stunden verabschiede ich mich von Frau Beier. Wir vereinbaren, dass ich nächsten Samstag zu einem Probearbeiten kommen werde.

 

Tino hatte mir geschrieben, dass er sich heute Abend mit Sven einen Poetry Slam an der Uni ansehen möchte. Allerdings habe ich Merle schon zugesagt, dass ich sie auf der Arbeit besuchen werde. Daher nehme ich den nächsten Bus in die Stadt. Merles Schuhgeschäft befindet sich in einer kleinen Seitengasse und wirkt sehr gemütlich. Als ich das Geschäft barfuß und ohne die Absicht, Schuhe zu kaufen, betrete, muss ich unwillkürlich lächeln. Es sind nur zwei Kunden im Lokal und Merle kommt direkt auf mich zu, nachdem sie mich bemerkt hat. Sie strahlt über das ganze Gesicht und freut sich offensichtlich darüber, dass ich gekommen bin. Dankend nehme ich den Kaffee an, den sie mir anbietet und setze mich in die kleine Küche in der abgeschiedenen Ecke. Während ich Merle von meinem Bewerbungsgespräch berichte, hört sie aufmerksam zu, beobachtet aber auch die Kundinnen und Kunden, stets bereit zu helfen, falls jemand Hilfe braucht. „Das klingt nach einer spannenden Arbeit. Hast du so etwas schon mal gemacht?“ Ich verneine. Tatsächlich ist meine bisherige Berufserfahrung sehr überschaubar und eine Rollstuhlfahrerin zu unterstützen ist mir bisher noch nie in den Sinn gekommen. „Also ich habe in meinem ersten Semester in der Persönlichen Assistenz gearbeitet. Meinen Kunden musste ich aber nicht waschen, sondern meistens nur mit dem Rollstuhl spazieren fahren. Das war eine schöne Arbeit, nur leider schlecht bezahlt. Naja, jetzt verkaufe ich halt Schuhe“. Genau in diesem Moment betritt ein Kunde das Geschäft und Merle steht auf, um ihn zu begrüßen. Ich denke nach. Wenn ich wählen müsste, würde ich sicherlich lieber Frau Beier im Alltag helfen, als den ganzen Tag Schuhe zu verkaufen. Nur wenn es um den Toilettengang geht, wäre es umgekehrt. Ich nehme mir vor, mich zu überwinden und es einfach mal zu probieren. Wenn es wirklich so schlimm wird, kann ich den Job eh jederzeit an den Nagel hängen, schließlich wäre die Beschäftigung schwarz, wodurch ich keine Fristen beachten muss.

Am Abend liege ich allein im Bett und frage mich, wie es wohl Tino geht, der gerade mit Sven beim Poetryslam ist und schon seit Stunden keine meiner Nachrichten mehr beantwortet hat. Vielleicht gehört er ja zu den Leuten, die bei Veranstaltungen ihr Handy ausschalten, um nicht durch ein Klingeln in eine peinliche Lage zu geraten. Vielleicht ist auch ein Akku leer. Während ich mir vorstelle, wie er mit Sven im Publikum sitzt und die Show genießt, schlafe ich ein.

 

Kapitel 18 (Tino)

„Der Aal wird heut bekennen:

„Ihr könnt mich auch den Schluckspecht nennen.

Kommt einer reichlich blöde mir,

Ertränke ich die Wut im Bier.

Schwillet mir der Schuppenkamm im Zorn

Kipp ich darauf gleich zwei Korn.

Will das Restaurant mich räuchern, Haps für Haps,

Kneif ich aus und beruhige mich mit Schnaps.

Hab ich Streit mit Fräulein Aal

Nehm ich Wodka mir aus dem Regal.

Doktor Aalgemeinarzt sagte konsterniert:

‚Mein Freund, Du trinkst zu viel, Du bist schon konserviert.‘

So denk ich mir, vielleicht wär klug

Demnachst mal ein Entzug?“

So sprach er. Und dann fand er fein

Zur Feier seiner Ehrlichkeit ein schönes Glas voll Wein“.


Original Gedicht von:

Henrike Erhardt, aka J.R.H. (Anm. d. Autors)


Lachend hebt Henrike, die missratene Heinz Erhardt Enkelin ihr Glas, um mit Sven und mir anzustoßen. Seit mittlerweile vier Stunden unterhält uns die clownsfüßige Dichterin, die erst vor wenigen Stunden unfreiwillig in Svens Arme gestürzt war, mit ihren Werken, die sie zu meinem Erstaunen problemlos auswendig aufsagen kann. Wir sitzen im Biergarten gegenüber der Uni und über uns sind mittlerweile die Sterne zu sehen, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob das mehr an der Uhrzeit oder am Wein liegt. Gebannt lauschen wir schon den ganzen Abend unserer privaten Zugabe der frechen Hamburger Überfliegerin, die bereits spontan ein Gedicht über ihre Landung in Svens Armen, sowie eines über meinen Beinahe-Sturz auf dem Weg zum Klo nach dem dritten Glas Wein zum Besten gegeben hat. Als ich auf mein Handy schaue, stelle ich schockiert fest, dass es schon ein Uhr nachts ist und ich bereits fünf Nachrichten von Miri übersehen habe. Zuletzt hat sie mir vor einer Stunde „Ich hoffe, es geht dir gut und ihr habt Spaß 🙂 Gute Nacht, mein Schatz“ und ein rotes Herz geschrieben. Mir ist es sehr unangenehm, dass ich Miris Nachrichten nicht gesehen habe, zugleich wird mir ganz warm ums Herz, da sie „mein Schatz“ und ein Herz geschrieben hat. Ich gebe vor, noch einmal aufs Klo zu müssen, setze mich aber in eine ruhige Ecke und schreibe Miri eine Entschuldigung, berichte ihr von meinem Abend und dem Poetry Slam. Ich sage ihr, dass es mir gut geht, ich sie liebhabe und ihr auch eine gute Nacht wünsche. Als ich an den Tisch zurückkehre, sehe ich wie Sven gerade mit rotem Gesicht Henrikes Hand küsst. Die beiden wirken wie ein frisch verliebtes Paar und diese Hamburger Poetin scheint Svens etwas tapsigen Annäherungsversuchen nicht ganz abgeneigt zu sein. Jedenfalls lässt sie den Handkuss lachend zu und revanchiert sich mit einem Knicks, diesmal ohne zu stürzen. Mich würde es sehr freuen, wenn Sven wieder eine Freundin finden würde und nicht nur was die Größe angeht, passen die beiden in meinen Augen sehr gut zueinander. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass die Sache nicht ganz so einfach ist, wie sie in diesem Moment scheint. Obwohl ich ankündige, dass es für den kleinen Tino (der neben den beiden wirklich klein wirkt) an der Zeit sei, sich auf den Heimweg zu begeben, da das Bett auf ihn warte, gelingt es Henrike mit ihrem Charme mühelos, mich davon zu überzeugen, noch ein letztes Glas mit ihnen zu trinken. Sven und Henrike vertragen den Alkohol definitiv besser als ich und mir ist bereits klar, dass der morgige Tag mit Kopfschmerzen beginnen wird. Zu unserem Erstaunen besteht Henrike darauf, unsere Getränke zu zahlen, obwohl sie uns ursprünglich nur auf ein Bier einladen wollte. Augenzwinkernd erklärt sie uns, dass sie keineswegs bloß eine arme Studentin und mittellose Dichterin, sondern auch eine Buchhändlerin sei, wodurch sie es sich durchaus leisten könne, zwei lustigen Studenten einige Getränke zu spendieren. Obwohl Sven eigentlich in die entgegengesetzte Richtung gehen müsste, besteht er darauf, uns noch zu begleiten, nachdem er erfahren hat, dass Henrikes Wohnung auf dem Weg zu meiner WG liegt. So machen sich drei angeheiterte und barfüßige Studierende auf den Weg Richtung Innenstadt. Nachdem Henrike angedeutet hat, dass ihr doch etwas kalt sei (sie trägt ein ärmel- und bauchfreies Top), zögert Sven keine Sekunde, sein T-Shirt auszuziehen und ihr anzubieten. Lachend zieht sie es sich über und wirkt damit noch lustiger als vorher und Sven, der selbst im November T-Shirts und kurze Hosen trägt, gönnt seinem Oberkörper noch etwas sommerliche Abendluft. Während wir nebeneinander hergehen, erklärt sie uns noch die Bedeutung einiger Sternbilder und als wir vor ihrer Wohnung stehen, gibt sie Sven das T-Shirt zurück. Sie verabschiedet sich von uns beiden jeweils mit einer langen Umarmung und wir tauschen noch unsere Nummern aus, bevor sie mit einer letzten Verbeugung (bei der sie scherzhaft noch einmal einen Sturz andeutet) die Wohnungstür schließt. Auch Sven und ich umarmen uns zum Abschied, bevor ich leicht schwankend die letzte Etappe auf dem Weg zu meinem Bett antrete und mich darauf freue, Morgen Miri wiederzusehen.

 

Kapitel 19 (Miri)

Frisch geduscht betrete ich die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Lisa ist gerade bei ihren Eltern, Sven war Gestern lange mit Tino unterwegs und hat dabei wohl ein nettes Mädel mit einer lustigen Nase kennengelernt und wird daher wohl noch länger schlafen. Merle steht so gut wie nie vor acht Uhr auf und Stefan bekommt man vormittags praktisch nie zu sehen. Daher gönne ich mir die Freiheit, mich nur mit dem Handtuch umwickelt durch die WG zu bewegen, was mir vor den Mitbewohnerinnen und vor allem vor den Mitbewohnern doch etwas unangenehm wäre. Leider habe ich vergessen, dass Stefan zwar lange schläft, aber durch seine Arbeit im Club oft erst in der Früh nach Hause kommt. So verschütte ich vor Schreck den Kaffee auf mein Handtuch, als ich ihn plötzlich auf der Couch sitzen sehe. „Oh sorry. Sehe ich so schlimm aus? Es war eine lange Nacht“ entschuldigt sich Stefan. Was für ein Miri-Auftritt! Mein schönes weißes Handtuch hat jetzt einen Kaffeefleck und der Becher ist halb leer. „Mann, hast du mich erschreckt! Alles gut. Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass so früh schon jemand auf ist“. Hastig nehme ich mir einen Putzlappen und wische den Fleck auf, den ich am Boden hinterlassen habe. Blöderweise verrutscht mir dabei auch noch kurz das Handtuch und ich gewähre Stefan unfreiwillig einen Blick auf mein entblößtes Hinterteil, was mir besonders peinlich ist. Schnell wickle ich das Handtuch wieder um und beschließe, mich erst einmal anzuziehen, bevor die Situation noch unangenehmer wird. Als ich wieder ins Wohnzimmer komme, hat Stefan meine Sauerei beseitigt und mir einen frischen Kaffee auf den Tisch gestellt. Ich beschließe, diesen peinlichen Augenblick nicht anzusprechen und zum Glück scheint auch Stefan keinen Bedarf in diese Richtung zu haben. „Merle hat erzählt, dass du in der Assistenz arbeiten möchtest. Stimmt das?“ Erleichtert steige ich auf den Themenwechsel ein. „Ja, ich war sogar schon bei ihr und werde nächste Woche probearbeiten. Die Frau ist voll nett und ich glaube, dass ich gut mit ihr auskommen werde“. Ich erfahre, dass Stefan auch schon in der Persönlichen Assistenz gearbeitet hat, was mich etwas überrascht, da ich ihn mir immer nur in Berufen vorgestellt habe, in denen er hübsche Mädels kennenlernen kann. Tatsächlich hat er zu meinem Erstaunen sogar als Jugendlicher schon ehrenamtlich Kinder betreut und alleinstehende Seniorinnen und Senioren besucht. Offenbar muss ich noch lernen, Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Stefan verabschiedet sich und legt sich schlafen, während ich mein Frühstück herrichte, das ich zur Uni mitnehmen möchte. Natürlich hoffe ich darauf, dass auch Tino zum Frühstücken zur Uni kommt. Leider muss ich heute zu Fuß gehen, da Lisas Fahrrad am Bahnhof steht und weil meine Sandalen noch immer bei Tino liegen, bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich barfuß auf den Weg zu machen, wovon ich nicht begeistert bin, da ich es gerade endlich geschafft hatte, meine Füße wieder richtig sauber zu bekommen. Andererseits erinnert mich das Barfußgehen an Tino und ich fühle mich ihm verbunden. Die Straßen auf dem Weg zur Uni sind noch angenehm leer und auch die Temperatur ist noch in einem absoluten Wohlfühlbereich. Später soll es leider richtig heiß werden. Aber ich habe auch meinen Bikini eingepackt, falls ich dann noch baden gehen möchte. Zunächst mache ich es mir aber auf der Wieser vor der Uni gemütlich und lasse mir mein Frühstück schmecken. Während ich esse, beobachte ich, wie ein paar Studentinnen und Studenten entspannt über das Gelände schlendern. Noch sind Semesterferien, aber schon in ein paar Wochen wird der Unibetrieb starten und die Stille am Vormittag verdrängen. Nachdem ich aufgegessen habe, lasse ich mir noch ein wenig die Sonne auf den Bauch scheinen und frage mich, welche Erlebnisse und Abenteuer mein Studentinnenleben für mich bereithalten wird. Schon aus einiger Entfernung fällt mir ein gutaussehender junger Mann mit einem weißen Leinenhemd und einer ebensolchen Hose auf, der auf den Haupteingang zugeht. Selbst wenn er eine Maske tragen würde, hätte ich ihn aufgrund seiner Kleidung und nicht zuletzt wegen seiner bloßen Füße sofort erkannt. Vor Freude grinsend stehe ich auf, laufe auf ihn zu und springe in Tinos Arme. Er fängt mich auf, wir machen eine Drehung wie bei einem Tanz und ich lasse meinen Kopf gegen seine Brust sinken. Nach einer langen Umarmung hält Tino meine Hände und lächelt mich an. „Hey, schön dich zu sehen. Geht es dir gut?“ Natürlich freue ich mich ebenso sehr. „Ja, jetzt geht es mir sogar sehr gut“. Ich strahle wie der glücklichste Mensch der Welt. „Und dir?“ Tino lächelt verlegen. Er sieht tatsächlich übermüdet und geschlaucht aus. „Jetzt geht es mir auch sehr gut“ versucht er seine Erschöpfung zu überspielen. Ich lache. „Offenbar ist es bei dir Gestern später geworden. Hattet ihr einen schönen Abend?“ Nun erzählt Tino mir ausführlich vom Poetryslam und der Dichterin, die von der Bühne direkt in Svens Arme gestürzt ist und die beiden anschließend für die restliche Nacht in den Biergarten entführt hat. Natürlich bin ich neugierig und stelle viele Fragen. Zu viele Fragen, wenn ich Tinos müdes Gesicht richtig deute. Zum Glück hat er auch sein Frühstück dabei. Ich biete ihm an, es sich auf der Wiese bequem zu machen, während ich uns Kaffee besorge. Während Tino frühstückt und ich mich sonne, erzähle ich von meinem Vorstellungsgespräch bei Frau Beier und meinem Besuch bei Merle im Schuhgeschäft. „Da fällt mir ein, dass ich etwas für dich habe“. Neugierig schaue ich zu, wie er in seinem Rucksack herumkramt und am Ende meine Sandalen herauskramt. Überglücklich gebe ich ihm eine weitere lange und feste Umarmung. Nachdem er sein Frühstück aufgegessen hat, massiere ich ihm ein wenig die Schultern und den Nacken, was seine Kopfschmerzen etwas lindert. Dafür bekomme ich anschließend eine Führung durch die Bibliothek, zu der ich endlich wieder meine Sandalen anziehen kann. Die verschiedenen Ebenen verwirren mich anfangs ein wenig, erscheinen mir am Ende aber doch logisch strukturiert. Einige Professorinnen und Professoren richten für ihre Vorlesungen „Handapparate“ ein, in denen empfohlene Literatur zu der jeweiligen Veranstaltung steht. Diese Bücher kann man allerdings nicht ausleihen. Stolz zeigt Tino mir den Handapparat der Professorin, für die er im kommenden Semester wieder ein Tutorium halten wird. Ich schätze, dass die ersten Kurse meines Studiums bereits geplant sind. Natürlich zeigt Tino mir auch noch die besten Arbeitsplätze und die etwas versteckten Ecken, wo man oft noch einen Platz findet, wenn die Bibliothek eigentlich schon voll ist. Es gibt auch extra Schilder, die Parkuhren fürs Auto ähneln. Die kann man auf seinem Platz aufstellen und anzeigen, wann man in die Pause gegangen ist. Offenbar kommen einige Studierende morgens in die Bibliothek und „reservieren“ sich einen guten Platz, den sie aber erst am Nachmittag nutzen. Diese Praxis wird offenbar nicht gerne gesehen, weshalb man seinen Platz für maximal zwei Stunden freihalten darf. Nach der Führung gehe ich einkaufen, wobei ich angesichts der aufkommenden Hitze froh bin, nicht mehr barfuß gehen zu müssen. Anschließend gehe ich in die WG zurück, wo Sven gerade aufgestanden ist und mit Lisa und Merle frühstückt. Schnell räume ich die Einkäufe ein und setze mich zu den Anderen. „Also Sven, was geht da mit der Dichterin?“ frage ich direkt, während ich mich ihm gegenübersetze und ihn frech in die Augen sehe. „Hey, was für eine Dichterin?“ Lisa ist überrascht. Offenbar hat Sven noch nichts erzählt. Leicht errötet erzählt Sven von seiner gestrigen Begegnung mit der „missratenen Heinz Erhardt-Enkelin“ und wird natürlich gründlich ausgefragt. „Du bist ja Einer. Du lässt eine Verehrerin nach der Anderen abblitzen und wartest nur darauf, dass dir eine Frau direkt in die Arme springt“ resümiert Merle, während sie ihm sanft in den Oberarm boxt. „Echt mal! Das wurde aber auch Zeit“ ergänzt Lisa. „Na dann schnapp dir die kleine Zuckermaus!“ lautet mein geistreicher Beitrag. Zu meiner Überraschung fängt Sven bei diesen Worten an zu lachen. Auf meinen irritierten Blick hin erklärt er mir, dass „die kleine Zuckermaus“ weit über 1,80 groß ist. „Na dann ist ja gut, dass sie auf dir und nicht auf Tino gelandet ist“ gibt Lisa kichernd zu bedenken, während ich versuche, mir vorzustellen, wie eine Frau, die nur ein paar Zentimeter kleiner als Sven ist, von einer Bühne fällt und den süßen Tino unter sich begräbt. Einerseits bin ich schon sehr gespannt, ob ich diese Henrike auch einmal kennlernen werde, andererseits empfinde ich auch ein wenig Eifersucht, obwohl es bei mir doch gerade mit Tino so gut läuft und Sven einfach nur mein Mitbewohner und Tinos bester Freund ist…

Kapitel 20 (Henrike)

Vor wenigen Augenblicken bin ich noch in einem weißen Himation durch das Lykeion gewandelt und habe recht emotional mit einem weißbärtigen Philosophen debattiert, der mich davon zu überzeugen versuchte, dass Frauen aufgrund ihrer unvollkommenen Natur zwingend männliche Führung benötigten, um in ihrem Handeln tugendhaft zu bleiben. Doch gerade, als ich ihn darauf hinweisen wollte, dass seine gesamte bisherige Argumentation auf einem Zirkelschluss beruht (er hat die angebliche Notwendigkeit männlicher Führung mit der moralischen Unvollkommenheit des weiblichen Geschlechts begründet und als Beweis für diese angebliche Unvollkommenheit angeführt, dass Frauen einem männlichen Vormund unterstehen), hat sich der Peripatetiker vor meinen Augen in einen Tiger verwandelt, mich zu Boden geworfen und begonnen, auf meinem Bauch herumzulaufen und mit seinen Schnurhaaren meine Nase zu kitzeln.

„Ist ja gut, Findus! Ich bin ja wach“ Lachend stehe ich auf, küsse die Stirn meines kleinen Tigers und nehme ihn mit in die Küche, wo er endlich sein Frühstück erhält, das er sogleich gierig hinunterschlingt. Ich selbst schenke mir ein großes Glas Wasser ein, da sich mein Kopf vom ganzen Wein letzte Nacht noch so anfühlt, als hätte ich einen Boxkampf hinter mir. Was ist das bitte Gestern für ein Abend gewesen? Jenny hatte mir für meinen ersten Poetry Slam geraten, mir einzelne Personen aus dem Publikum herauszusuchen und diese immer wieder gezielt anzusehen. Leider hatte ich diesen Rat nur halb befolgen können, da Gestern in der ersten Reihe diese beiden urkomischen, barfüßigen Jungs gesessen sind, von denen mich der kleinere, blonde an John Lennon erinnert hatte und der große, dunkelhaarige an Balu den Bären aus dem Dschungelbuch. Da sie sie am Boden platzgenommen und ihre Füße nach vorne ausgestreckt hatten, wobei die Pfoten des Bären gefühlt doppelt so groß gewesen sind wie Johns, habe ich sie die ganze Zeit beobachten müssen. Gegen Balus Quanten sind mir sogar meine eigenen Elbkähne beinahe zierlich vorgekommen und Lennons Füße haben seinen ihm regelrecht kindlich gewirkt. Auch bei meiner abschließenden Verbeugung (die Jungs waren da zum Glück zum Applaudieren aufgestanden) bin ich so auf dieses lustige Paar fixiert gewesen, dass ich Trampel mal wieder über meine eigenen Füße gestolpert und von der Bühne direkt in Balus Arme gestürzt bin. Zum Glück hat er mich geistesgegenwärtig aufgefangen, wofür ich die Jungs anschließend in den Biergarten eingeladen habe. Besonders Sven, wie Balu mit richtigem Namen heißt, habe ich sofort ins Herz geschlossen. Meine Gedichte haben ihm so gut gefallen, dass er mir in gespielter Ehrerbietung sogar einen Handkuss gegeben hat. Auch Tino, der mich an den früheren Beatles-Sänger erinnert hatte, ist mir in der Nacht ans Herz gewachsen.

Wo ich gerade beim Thema „Füße“ gewesen bin, fällt mir ein, dass ich mir für meinen ersten Arbeitstag in er Buchhandlung noch Schuhe kaufen möchte. Da ich seit meinem Umzug aus Hamburg den ganzen Sommer barfuß verbracht habe, liegen die wenigen Schuhe, die ich besitze, noch irgendwo bei meinen Eltern und ich bräuchte ohnehin zumindest ein neues Paar, da meine Winterstiefel zwar noch gut sind, meine einzigen Sommerschuhe aber mittlerweile aussehen, als hätte sie ein Kampfhund mit einer Katze verwechselt. Zwar dürfte ich prinzipiell auch in er Buchhandlung barfuß arbeiten, aber nachdem meine Füße jetzt monatelang durchgängig an der frischen Luft und an der Sonne waren, vermisse ich es allmählich, Schuhe zu tragen. Es ist keinesfalls so, dass ich das Barfußgehen nicht mehr mögen würde, allerdings ist auch das Gefühl, bequeme Schuhe zu tragen, etwas Besonderes. Zudem liebe ich es eigentlich auch, nach einem langen Arbeitstag die Schuhe auszuziehen und wieder die frische Luft an meinen Füßen und den harten Boden unter meinen bloßen Fußsohlen zu spüren. Diesen Kontrast kann man aber nicht spüren, wenn man immer und überall barfuß ist. Es ist ein bisschen wie mit dem Essen: Wenn ich jeden Tag in ein teures Restaurant gehe und mein Lieblingsessen bestelle, ist es irgendwann nichts Besonderes mehr und ich muss erst einige Zeit bewusst darauf verzichten, bevor ich es wieder so richtig genießen kann. Und so habe ich schon vor Wochen mit dem Gedanken gespielt, mal wieder eine Auszeit von meiner durchgängigen Barfüßigkeit einzulegen und mir ein schönes und bequemes Paar Schuhe zuzulegen. In der Stadt ist mir schon vor ein paar Wochen ein schickes Schuhgeschäft aufgefallen, in dem Schuhe aus eigener, europäischer Produktion verkauft werden und das auch für Frauen große Größen führt, wodurch ich eine Chance sehe, etwas Passendes für meine Riesenfüße in Größe 43 zu finden. Nachdem ich Gestern beim Poetryslam meinen bunten Rock und das schwarze, bauchfreie Top getragen habe, möchte ich mich heute mal wieder eleganter kleiden und ziehe mein langes, weißes Kleid an. Jenny liebt es, mich barfuß in diesem Kleid zu sehen und meint, dass ich darin wie eine Göttin aussehe. Allerdings hat diese Göttin auch eine Liebe zu Schuhen und den Beschluss gefasst, diese Liebe neu zu beleben. Also verlasse ich nach dem Frühstück zum noch einmal mit bloßen Füßen meine Wohnung und fahre mit dem Bus in die Stadt. Bewusst nehme ich den harten, glatten Pflastersteinboden unter meinen Sohlen wahr und frage mich kurz, ob ich das Barfußgehen vermissen werde. Allerdings verfliegt dieser Gedanke beim Anblick des Schuhgeschäfts sofort. Schon in der Auslage fallen mir gleich ein paar schöne Exemplare in dezenten Farben ins Auge, die elegant und zudem äußerst bequem wirken und ich bin gespannt, was mich im Geschäft erwartet. Erst jetzt fällt mir ein, dass es vielleicht doch nicht so intelligent war, barfuß zum Schuhekaufen aufzubrechen, da meine Füße unterwegs wahrscheinlich sehr schmutzig geworden sind. Nervös begutachte ich meine Fußsohlen. Erleichtert stelle ich fest, dass diese auf dem kurzen Weg zur Bushaltestele und vom Bus zum Schuhgeschäft nur etwas staubig, aber nicht schwarz geworden sind. Hoffentlich machen mir die Verkäufer:innen keine Probleme. Es wäre schon peinlich, mich im besten Schuhgeschäft der Stadt gleich unbeliebt zu machen. Beim Betreten werde ich dann aber von einer hübschen jungen Frau begrüßt, deren Nase, wie mir gleich auffällt, fast so groß wie meine eigene ist. Freundlich lächelnd und mit einer gewissen Sehnsucht im Blick fällt ihr Blick auf meine noch nackten Füße. „Oh wie schön. Ich liebe es auch, barfuß zu gehen. Nur muss ich leider bei der Arbeit Schuhe tragen“. Ihr sympathisches Lächeln gefällt mir sehr. „Lustig. Bei mir ist es umgekehrt. Ich arbeite in einer Buchhandlung und dürfte da auch barfuß arbeiten. Ich hatte sogar beim Vorstellungsgespräch vor ein paar Wochen keine Schuhe an. Aber ich habe so große Lust, wieder Schuhe zu tragen und suche jetzt welche, die ich zur Arbeit anziehen kann“. Für einen Moment glaube ich, einen Schock in den Augen der Verkäuferin zu sehen, der jedoch schnell wieder einem freundlichen Lächeln weicht. „Also wenn ich barfuß arbeiten dürfte, würde ich das sofort machen. Aber schauen wir doch mal, was ich für Sie tun kann“. Neugierig inspiziere ich die Regale, wobei mich vor allem einige sommerliche Ballerinas interessieren. Meine Verkäuferin hilft mir, verschiedene Exemplare zu einem Stuhl zu tragen, auf dem ich die Schuhe anprobieren kann. Zu meiner Überraschung setzt sich die Verkäuferin mir zu Füßen und zieht mir, nachdem ich ihr in vorauseilendem Entgegenkommen gezeigt habe, dass diese halbwegs sauber sind, die Schuhe an und aus, sodass ich mich nicht einmal bücken muss, sondern einfach nur ein paar Schritte gehen kann, um zu prüfen, ob sie mir passen und gefallen. Während ich in meinem schönen weißen Kleid auf dem Stuhl sitze und die Verkäuferin mir die Schuhe an- und auszieht, komme ich mir wie eine richtige Prinzessin, Nein, wie eine Königin vor und genieße sowohl diese Luxusbehandlung als auch die Komplimente, die mir die Verkäuferin für meine Füße und besonders für meinen Zehenring macht. Neidisch stellt sie fest, dass meine Zehen lang, gerade und elegant sind und sie selten so schöne Füße wie meine gesehen habe. Bei diesen Schmeicheleien werde ich sogar etwas rot und frage mich, ob diese vielleicht doch dem Zweck dienen, mich davon zu überzeugen, weiterhin barfuß zu gehen. Am Ende entscheide ich mich für ein schickes, dunkelblaues Paar Ballerinas aus Rindsleder und mit einem Fußbett aus Kork und Gummi. Ich möchte der Verkäuferin, die sich mir mittlerweile als Merle vorgestellt hat, gerne ein Trinkgeld geben, das sie aber ablehnt und mich stattdessen noch auf einen Kaffee einlädt. Wir führen eine nette Unterhaltung, in deren Verlauf ich erfahre, dass sie Kulturwissenschaften studiert und in einer WG wohnt. Da ich heute nichts Anderes vorhabe, nehme ich auch dankend ihre Einladung an, sie nach der Arbeit nach Hause zu begleiten, ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner kennenzulernen, von denen eine heute für die ganze WG Königsberger Klopse zubereiten wird und eine anderer selbst meistens barfuß geht.

Kapitel 21 (Tino)

Zuerst hatte Miri vorgeschlagen, für uns beide heute Abend Königsberger Klopse zu kochen, für die sie, wie sie mir im Vertrauen verraten hat, in ihrer Heimat berühmt ist. Nachdem sie Merle und Sven gefragt hatte, ob sie mit uns mitessen möchten, hat sich auch Stefan angeschlossen und Merle hat angekündigt, noch eine weitere Person mitzubringen. Mein Angebot, ihr beim Kochen zu helfen, hat Miri kategorisch abgelehnt, mir aber zumindest erlaubt, als Alternative für die anwesenden Vegetarierinnen und Vegetarier selbstgemachte Falafel mitzubringen. Dafür habe ich ihr allerdings versprechen müssen, dass ich mich an ihr Essen halten werde, was ich natürlich sowieso vorhatte. So mache ich mich kurz vor Sonnenuntergang auf dem Weg zu Miris WG, die mittlerweile so etwas wie mein zweites Zuhause geworden ist. Wie immer genieße ich die kostenlose Fußmassage, die mir der raue, warme Boden unterwegs spendiert, während mir ein sanfter, kühler Abendwind ins Gesicht weht und dabei mit meinen Haaren spielt. Einige Studentinnen und Studenten, die froh sind, ihren Tag an der Uni endlich beenden zu können und nun Richtung Stadt aufbrechen, kommen mir auf ihren Fahrrädern entgegen. Als ich am See vorbeikomme, überlege ich kurz, der Versuchung nachzugeben und noch einmal hineinzuspringen, entscheide mich aber mit Blick auf die Uhrzeit dagegen. In der WG angekommen begrüßt Miri mich mit einem flüchtigen Kuss auf die Lippen, während Sven es bei unserer gewohnten Umarmung belässt. Von Stefan bekomme ich schlicht ein Bier vor die Nase gehalten, da er es wohl eilig hat, anzustoßen, woraufhin Miri die Augen verdreht. Aus der Küche strömt mir ein köstlicher Geruch entgegen, während ich wie gewohnt auf der Couch platznehme. Während Miri den Tisch deckt (auch hierbei hat sie jede Hilfe abgelehnt), öffnet sich die Haustür und Merle betritt die WG, zu meiner großen Überraschung in Begleitung keiner Geringeren als der berüchtigten, „missratenen“ Heinz-Erhardt Enkelin Henrike, die heute ein langes, weißes Kleid trägt, in dem sie atemberaubend elegant aussieht. „Nein, das gibt’s doch nicht, ihr zwei schon wieder!“ kommentiert unsere fliegende Poetin anstelle einer Begrüßung Svens und meine Anwesenheit mit ihrem ganz eigenen Hanseatinnencharme. Sven, der sich noch nicht so ganz zu entscheiden können scheint, ob er sich freuen, oder schockiert sein soll, starrt sie mit offenem Mund an, während ich erfolglos nach einer schlagfertigen Antwort suche. Die anderen Anwesenden sehen uns fragend an. „Tja, uns beide wird man so schnell nicht mehr los, wenn man uns einmal abgefüllt hat. Außerdem muss ja jemand aufpassen, falls du dich wieder an einer spontanen Flugeinlage versuchen willst“. Für einen kurzen, allerdings wirklich äußerst kurzen Moment scheint die große Henrike Erhardt tatsächlich sprachlos zu sein, doch noch bevor es Miri, Merle oder Stefan gelingt, sie mit der Dichterin, von der ich Miri berichtet habe, in Verbindung zu bringen, kommt sie auf mich zu und umarmt mich lachend, während ich sie verdutzt ansehe. Im Gegensatz zu mir steht Sven noch rechtzeitig auf, um Henrike stehend zu umarmen. Miri ist, ihrem weit offenen Mund nach zu urteilen, die Erste, die begreift, was gerade passiert. „Sag jetzt nicht, du bist die, die Gestern von der Bühne gefallen ist!“ bringt sie verblüfft hervor, worauf Henrike mit einer Verbeugung antwortet. „Nein, das gibt’s doch nicht!“ bringt Merle ihr Erstaunen zum Ausdruck, während sich, von Henrike unbemerkt, alle Blicke auf Sven richten, der seinerseits die Augen nicht von ihr lassen kann. Nachdem Henrike und ich die gestrigen Ereignisse eine halbe Stunde lang bis ins kleinste Detail geschildert haben, fällt Miri wieder ein, weshalb wir eigentlich alle zusammengekommen sind, und serviert uns ihre berühmten Königsberger Klopse, die wir zu Miris großer Zufriedenheit gierig verschlingen. Nur Merle greift zu meinen Falafeln. Nachdem die hungrigen Mäuler gestopft sind und der Tisch abgeräumt ist (da Lisa gerade bei ihren Eltern ist, trauen wir uns, den Abwasch auf „später“ zu verschieben), berichtet Merle von ihrer Begegnung mit der barfüßigen Kundin, die sich soeben als die lustigste Dichterin Hamburgs entpuppt hat. Diese bereichert die Geschichte um ihre Perspektive, die auch beinhaltet, wie sympathisch sie Merles Nase gefunden hat und präsentiert uns stolz ihre soeben erworbenen Schuhe. Zur Feier des Tages öffnet Merle den Sekt, den sie vor Jahren von ihrem damaligen Freund kurz vor ihrer Trennung geschenkt bekommen hat. Nachdem der Sekt geleert ist, schlägt Merle im Freudentaumel vor, dass wir alle gemeinsam zum See hinuntergehen und den Abend mit einem Sprung ins Wasser krönen könnten. Sven und ich sind sofort begeistert, da wir diesen Sommer mit der WG noch kein einziges Mal Baden gegangen sind. Stefan entschuldigt sich, da er zu seinem Bedauern bald zur Arbeit aufbrechen muss. Miri schließt sich uns nach kurzem Zögern an und Henrike verkündet, zwar nicht schwimmen zu gehen, uns aber dennoch zu begleiten. So kommt es, dass wir eine halbe Stunde später an „unserer“ Wiese am See ankommen. Während Henrike es sich mit einem Glas Sekt auf einer Bank bequem macht und das Geschehen interessiert beobachtet, legen wir Anderen die Kleidung ab und stürmen wie kleine Kinder ins Wasser. Miri und Merle haben sich in der WG schon ihre Bikinis angezogen, während Sven und ich uns wie gewohnt hüllenlos ins kühle Nass stürzen.

Kapitel 22 (Miri)

Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass ich bisher noch nicht dazu gekommen bin, in dem See, der praktisch vor unserer Haustür liegt, schwimmen zu gehen. Nachdem ich zunächst Bedenken hatte, da wir alle einerseits gerade erst eine üppige Mahlzeit zu uns genommen haben und man mit vollem Magen bekanntlich nicht ins Wasser gehen sollte, andererseits auch schon einige Gläser alkoholischer Getränke geflossen sind, bin ich doch zu dem Entschluss gelangt, mich der Gruppe anzuschließen. Tatsächlich brauchen wir zu Fuß keine zehn Minuten, um zu der Wiese zu gelangen, die an das nahegelegene Seeufer grenzt und der WG seit jeher als Zugang zum See dient. Henrike, die Hamburger Dichterin, von der ich nie gedacht hätte, sie so bald kennenlernen zu dürfen, begleitet uns und bietet an, auf unsere Sachen aufzupassen, während wir im Wasser sind. Zu meiner Belustigung und freudigen Überraschung haben sich die Jungs dazu entschieden, nackt baden zu gehen, während Merle und ich uns noch in der WG unsere Badesachen angezogen haben. Nachdem wir einige Minuten tobend wie kleine Kinder, im kühlen Nass verbracht haben, verlasse ich das Wasser und trockne mich ab. Als ich sehe, wie Tino kurz darauf völlig unbekleidet aus dem Wasser steigt, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, schleiche mich von hinten an ihn heran und gebe ihm mit der flachen Hand einen Klaps auf den Po, der allerdings, vermutlich aufgrund meines Alkoholpegels, deutlich kräftiger als geplant ausfällt. Lachend rennt mein Lieblingsnackedei hinter mir her, während ich versuche, mich in Sicherheit zu bringen. Allerdings komme ich nicht besonders weit und so werde ich schon nach wenigen Metern gepackt und hochgehoben. Natürlich ahne ich schon, was mir bevorsteht, doch anstatt zu protestieren, genieße ich es, von Tino an seine Brust gepresst auf den Armen getragen zu werden, während er mich Richtung See transportiert. Ich lege meinen Arm um seinen Hals, aber dennoch nähern wir uns dem Wasser und aus einer schnellen Drehung heraus werde ich wieder in dieses zurückgeworfen. Für eine Sekunde fliege ich durch die sommerliche Abendluft, bis ich mit einem ungeschickten Bauchklatscher erneut im See lande und untertauche. Zu meiner großen Überraschung höre wenige Sekunden später ein weiteres lautes Platschen und Tino landet ein paar Meter von mir entfernt ebenfalls im Wasser, offensichtlich genauso unfreiwillig wie ich. Mit einem Blick auf den Steg sehe ich, dass Sven mich „gerächt“ und Tino ebenfalls in den See geworfen hat. Dieser schwimmt nun auf mich zu und nimmt mich zärtlich in den Arm. Auf seine Anweisung hin lege ich mich auf den Rücken und lasse mich von Tino halten, der mich mit einer Hand unter dem Kopf und der anderen unter meinen Schultern schwimmend sanft an eine dunkle, abgelegene Stelle transportiert, an der das Wasser so flach ist, dass er stehen kann. Nun hält er mich von der Seite mit einem Arm unter meinen Kniekehlen und dem anderen unter meinem Rücken. Vertrauensvoll lasse ich mich treiben während Tino zärtlich meine Stirn küsst. In diesem Moment spüre ich nichts außer Ruhe, Geborgenheit und Liebe. Ich schließe die Augen, während Tinos Lippen meine eigenen sanft berühren.

Offenbar haben Tino und ich jegliches Zeitgefühl verloren, denn schon bald hören wir, wie die anderen uns rufen. Hand in Hand schreiten wir aus dem Wasser und schließen uns unseren Freundinnen und Freunden wieder an. Merle und Sven sind mittlerweile wieder angezogen, nur ich bin noch im Bikini und Tino, nun ja…

Nachdem wir uns abgetrocknet haben und auch Tino und ich wieder bekleidet sind, kehren wir in die WG zurück. Tino und ich kuscheln uns auf die Bank am Fenster, während Henrike auf der Couch sitzt und Sven und Merle jeweils auf einem Stuhl platzgenommen haben. Henrike hat sich mittlerweile die Schuhe ausgezogen, da sie am See nass geworden sind und ihre Füße auf Svens Schoß abgelegt, während Merle sich ihre Gitarre geholt hat und uns nun offenbar ein Ständchen singen möchte. Tatsächlich kommt mir das Lied bekannt vor. Wenn ich mich nicht täusche, ist es von den Ärzten. „Ich weiß, du wirst mich vermissen. Auch wenn du jetzt gehen musst. Keine Geigen mehr, wenn wir uns küssen. Ich hab es einfach nicht gewusst. Ich hoff, meine Worte machen es nicht noch schlimmer. Vergiss nur einmal deinen Stolz. Ich weiß, du liebst mich noch immer …“ Offenbar hat Merle eine romantische Stimmung wahrgenommen, die sie nun mit dem halben Love Song untermalen möchte, was ihr trotz ihres etwas holprigen Gesangs auch gelingt. Jedenfalls genieße ich es gerade, wie Tino seinen Arm um mich legt. Auch Sven scheint von Merles musikalischer Einlage Mut gefasst zu haben und massiert nun Henrikes Füße, die sich entspannt zurücklehnt. Leicht peinlich berührt erinnere ich mich an den Abend, als ich Tinos Füße geknetet und am Ende geküsst habe. Kurz fühlt es sich so an, als wären alle Augen auf mich gerichtet, bis mir bewusst wird, dass Sven gerade nur Augen für Henrike hat, Merle mit ihrem Singen und Gitarrenspiel beschäftigt ist und Henrike an besagtem Abend gar nicht anwesend war. Also entspanne ich mich und lege mich längs auf die Bank und lege meinen Kopf auf Tinos Schoß ab, während er mich liebevoll streichelt.

Kapitel 23 (Henrike)

Dass ich Balu und John Lennon gleich heute wiedersehen würde, wäre mir in meinen verrücktesten Träumen nicht eingefallen (auch wenn der Philosoph, der sich erst in einen Tiger und dann in Findus verwandelt hat, nicht einmal zu meinen ungewöhnlichsten Träumen zählt). Außerdem weiß ich nun endlich, wer Merles barfußlaufender Mitbewohner ist. Auch Miri, Merles Mitbewohnerin macht auf mich einen sehr sympathischen Eindruck und das nicht nur, weil sie heute für uns gekocht hat. Überhaupt handelt es sich um eine äußerst interessante und lustige WG. Beim Baden erheitern mich die Jungs, indem sie vor uns allen splitterfasernackt ins Wasser springen und sich dabei freuen wie kleine Kinder. Die freche Miri gibt Tino einen kräftigen Klaps auf den blanken Po, woraufhin er sie ins Wasser wirft und Sven wirft den nackten Tio hinterher. Diese Szene werde ich garantiert nie mehr vergessen, vielleicht werde ich irgendwann sogar ein Gedicht darüber schreiben. Leider sind meine schönen, neuen Ballerinas am See nass geworden. Zum Glück hat Merle sie noch im Schuhgeschäft imprägniert. Dennoch ziehe ich sie, nachdem wir in die WG zurückgekehrt sind, erst einmal aus und mache es mir bequem. Nachdem ich monatelang ununterbrochen barfuß gewesen bin, erinnere ich mich nun wieder an das schöne Gefühl an den Füßen, wenn man diese nach Stunden wieder aus den Schuhen befreit. Ohne groß darüber nachzudenken, lehne ich mich auf der Couch zurück und lege meine Füße auf Svens Schoß ab. Dass Balu (also Sven) etwas dagegenhaben könnte, kommt mir gar nicht in den Sinn. Offenbar scheint er sich an meinen ollen Quanten nicht im Geringsten zu stören und beginnt zu meiner freudigen Überraschung sogleich damit, diese zu kraulen. Mal im Ernst: Ich habe heute ein wunderschönes Paar Schuhe bekommen, ein supernettes Mädel kennengelernt, die vielleicht mal eine richtig gute Freundin werden wird, wurde bekocht, habe die lustigen Jungs von Gestern wieder getroffen, durfte ihnen beim Nacktbaden (und Toben) zusehen und zur Krönung des Tages bekomme ich jetzt auch noch eine Fußmassage. Etwas irritiert bin ich davon, dass Tino und Miri so zärtlich kuscheln und als Merle auf der Gitarre spielt, sogar zu schmusen anfangen. Bis dahin bin ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Sven und Tino ein Paar wären. Allerdings komme ich nicht dazu, großartig darüber nachzudenken, denn das, was Sven gerade mit meinen Füßen macht, grenzt an Magie. Auch Jenny knetet gerne mal meine Füße, was meistens einigermaßen angenehm ist, aber Sven scheint magische Hände zu besitzen. Zunächst hält er meinen Fuß am Sprunggelenk fest, während er mit der anderen den Ballen greift und meinen Fuß mit kreisenden Bewegungen dehnt. Nach einigen weiteren Drehungen und Dehnungen, die gefühlt sämtliche Verspannungen aus meinem Sprunggelenk schütteln, beginnt er, meinen Fuß erst sanft und dann immer fester zu kneten und fährt mit kreisenden Bewegungen seiner Fingerkuppen von der Ferse über die Innenwölbung zum Fußballen. Mit seinen kräftigen Händen wendet er dabei viel Druck an, was aber keineswegs wehtut, sondern im Gegenteil, meinen ganzen Körper entspannt. Auch mein Kopf, in dem sonst tausende Gedanken zugleich umherirren, wird auf einmal ganz ruhig und leer, als würde jeglicher Druck und alles Unbehagen auf einmal von mir abfallen. Zu meiner eigenen Überraschung bin ich völlig sprachlos und denke nur daran, dass Sven jetzt auf gar keinen Fall mit der Massage aufhören darf. So ähnlich muss sich Findus fühlen, wenn ich mit ihm im Bett liege und ihn lange und ausgiebig streichle und kraule. Als Sven zu meinen Zehen kommt, die er zunächst behutsam dreht und ausstreicht, fragt Sven mich, ob er meinen Zehenring abnehmen darf, den ich ganz vergessen habe. Da ich vor Entspannung sprachlos bin (was selten vorkommt), nicke ich bloß. Behutsam streift Sven den Ring von meinem Zeh und setzt die Massage fort. Ich beschließe, dass ich ihn sobald wie möglich Jenny vorstellen und es irgendwie einfädeln muss, dass er ihr Nachhilfe im Füße Massieren gibt. Als ich nach einer Weile die Augen wieder öffne, sind Tino und Miri noch immer mit Schmusen beschäftigt, während Merle weiterhin romantische Lieder zum Besten gibt („Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist und sichergehen, ob du denn dasselbe für mich fühlst- für mich fühlst“) und der liebe Stefan fleißig meine Quanten knetet. Ein Blick auf die Uhr an der Wand gegenüber verrät mir, dass wir alle die letzte halbe Stunde so verbracht haben, wobei die Zeit wie im Flug vergangen ist. „Hey, voll nett, dass du mir so lange die Füße massierst. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie angenehm das ist. So eine Fußmassage könnte ich jeden Tag gebrauchen, haha. Bei meinen Riesenfüßen hast du da ja eine Menge Arbeit. Ich spendiere dir demnächst gerne wieder ein paar Bier, wenn du magst“. Auch Sven wirkt völlig entspannt und ausgeglichen, wobei ihn mein Lob für seine Massagekünste leicht erröten lässt. „Warum habe ich von dir eigentlich noch keine Fußmassage bekommen?“ wirft Merle ein, die gerade den Sportfreunde-Stiller-Hit beendet hat. „Und was ist mir? Ich will auch!“ meldet sich Miri zu Wort, die sich langsam aufsetzt, aber vom ganzen Schmusen noch etwas mitgenommen wirkt. Nun bricht auch Sven sein Schweigen: „Also Merle, du schuldest mir noch drei Nackenmassagen für die Putzdienste, die ich für dich übernommen habe. Danach können wir weiterreden und Miri: Du kannst ja von Tino einfordern, dass er sich mal für deine Fußmassage revanchiert“. Mit einem Mal werden die Mädels rot und es entsteht ein kurzes peinliches Schweigen, das erst durch mein Lachen unterbrochen wird. „Na dann habe ich ja richtig Glück gehabt. Übrigens kann ich Sven nur empfehlen. Meine Freundin massiert mir auch öfter die Füße, aber was Sven macht, grenzt an Zauberei“! Für einen Moment kommt es mir so vor, als würde mich die ganze Runde schockiert ansehen, aber das ist vermutlich nur eine Einbildung.

Kapitel 24 (Tino)

Sehr gerne hätte ich heute bei Miri übernachtet. Dass wir uns heute noch ein ganzes Stück nähergekommen sind, hat mich sehr glücklich gemacht. Aber ich habe gespürt, dass der Abend schon so wunderschön war und wir unsere Eindrücke erst einmal verarbeiten möchten. Daher biete ich Henrike an, sie noch nach Hause zu begleiten (dieses liegt eh auf meinem Weg). Daher verabschieden wir uns irgendwann im Laufe der Nacht von den Bewohnerinnen und Bewohnern der WG und treten unseren Heimweg an. Henrike hat ihre mittlerweile getrockneten Schuhe wieder angezogen, während ich wieder einmal den Kontrast zwischen dem noch immer lauwarmen Asphalt und der mittlerweile abgekühlten Luft spüren darf. Erneut hat Sven Herike für den Heimweg eines seiner Kleidungsstücke geliehen, denn ihr hübsches, weißes Kleid ist auch nicht wärmer als das bauchfreie Top von gestern. Allerdings sieht das Kleid in Kombination mit Svens blau-schwarzer Trainingsjacke noch lustiger aus als die aus ihrem Rock und Svens T-Shirt. Ich denke, dass es irgendwie gut zu ihr passen würde, diese Kombinationen auch tagsüber zu tragen. Natürlich möchte ich auch für Sven etwas über Henrikes Freundin herausfinden. Ich habe meinem besten Freund angesehen, wie schockiert er war, als Henrike sie erwähnt hat, auch wenn er versucht hat, sich nichts anmerken zu lassen. Die Dichterin scheint ihrerseits tatsächlich gar nicht bemerkt zu haben, dass Svens Gefühle für sie tiefer reichen. Armer Sven: Vor anderthalb Jahren hat er sich nach zwei Jahren von Josy getrennt, die seine große Liebe gewesen ist. Die beiden sind noch während ihrer Schulzeit zusammengekommen und Sven hatte geplant, sie eines Tages zu heiraten. Dann ist Josy für ein halbes Jahr nach Australien gegangen und hat anschließend ihr Psychologiestudium in Österreich begonnen. Anfangs hat es noch so ausgesehen, als würden sie eine erfolgreiche Fernbeziehung führen, aber dann hat Josy beschlossen, ein Erasmussemester in Spanien zu absolvieren. Einmal hat Sven sie dort besucht, aber Josy ist zu diesem Zeitpunkt bereits klar gewesen, dass ihre Beziehung keine Zukunft hatte. Die Beziehung hat sie kurze Zeit später per E-Mail beendet. Für Sven ist damals eine Welt zusammengebrochen. Er hatte Josy vergöttert und sie auf Händen getragen. Er ist eine treue Seele und sehnt sich zutiefst nach Sicherheit und Geborgenheit. Er hat nie Interesse daran gezeigt, sich auf einen Flirt oder ein Abenteuer einzulassen. Heute denke ich, dass auch das bei Josys Entscheidung eine Rolle gespielt hat, da sie immer einen starken Freiheitsdrang und das Bedürfnis verspürt hat, das Leben in all seinen Facetten zu genießen. Einem Außenstehenden muss die Trennung daher nur folgerichtig vorgekommen sein. Auch wenn wir Henrike gestern erst kennengelernt haben, hat Sven sich wahrscheinlich schon längst eine gemeinsame Zukunft ausgemalt.

„Wohnt deine Freundin eigentlich auch hier, oder ist sie noch in Hamburg?“ frage ich schließlich. Die Antwort erfolgt nach einem längeren Zögern. „Nee, Jenny wohnt in Hamburg und wird auch nicht herziehen. Sie ist Tischlerin und hat eine richtig gute Arbeit, bei der sie gut verdient und im Winter immer frei hat. Außerdem arbeitet sie noch viel schwarz und hat ihren ganzen Freundeskreis da oben. Aber am Wochenende kommt sie mich wieder besuchen. Vielleicht habt ihr, also Sven und du ja Lust, sie kennenzulernen“. Also gut. Henrike führt offenbar eine Fernbeziehung. Ich hoffe nur, dass Henrike nicht auf die Idee kommt, Sven selbst zu frage, ob er Jenny kennenlernen möchte. Das ist natürlich ein heikles Thema und ich nehme mir vor, ihn selbst ganz behutsam auf diese Möglichkeit vorzubereiten. „Ah, eine Tischlerin. Das ist interessant. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“ Ich hoffe, dass mein Ablenkungsmanöver nicht zu offensichtlich ist. „Joah, wir kennen uns aus der Schule. Ab der elften Klasse hat sie ein Auge auf mich geworfen, mir ständig Komplimente gemacht und immer wieder versucht, mich einzuladen. Sie war wirklich hartnäckig und ich habe mich erst nach über einem Jahr überreden lassen. Aber ich bin froh, dass sie nicht aufgegeben hat, Haha. Ohne sie wäre mein Leben wahrscheinlich richtig langweilig geworden und ich hätte auch nie mit dem Dichten angefangen, Hehe. Nach dem Abi hab ich die Ausbildung zur Buchhändlerin angefangen und sie ist halt Tischlerin geworden. Tja, und jetzt fange ich ein Studium an und sie arbeitet. Joah, so ist das“. Ich überlege. Natürlich wäre es fies, Henrike etwas Schlechtes zu wünschen, aber so wie ich die Sache sehe, kann Sven sich durchaus Hoffnung machen, dass die Beziehung früher oder später ein Ende finden wird. Meiner Erfahrung nach funktionieren Fernbeziehungen immer nur für eine gewisse Zeit und wenn Menschen auch noch so unterschiedlich sind, kommen viele weitere Probleme dazu. Allerdings bleibt noch immer die Frage, ob Henrike überhaupt an Jungs oder Männern interessiert ist, aber das kann ich sie natürlich nicht einfach so fragen. „Aha und was meinst du damit, dass du ohne sie nie mit dem Dichten angefangen hättest?“ Vielleicht erzählt sie ja noch etwas, das einen Hinweis geben könnte. Grinsend schaut Henrike zu Boden. „Haha, das ist etwas peinlich, aber „peinlich“ ist praktisch mein zweiter Vorname. Also, es war so: In der Schule war ich immer die brave Musterschülerin und Jenny… naja, Jenny war so ziemlich das Gegenteil. Sie hat immer irgendwelchen Blödsinn gemacht und musste dafür dauernd nachsitzen und Strafarbeiten machen. Jedenfalls wollte sie im Unterricht dauernd mit mir reden und mich zum Lachen bringen. Ich habe das Lachen natürlich immer unterdrückt, weil ich keinen Ärger kriegen wollte. Einmal hat sie mir aber die ganze Stunde Witze erzählt und ich musste dauernd kichern. Der Lehrer dachte, dass wir beide Blödsinn machen und hat uns verwarnt. Kurz vor dem Ende der Stunde hat Jenny dann den letzten Witz rausgehauen und ich konnte einfach nicht mehr und hab richtig laut losgelacht. Dafür haben wir beide dann als Strafarbeit aufbekommen, die Schulordnung abzuschreiben. Nun ja, Jenny kannte das schon, weil ihr das fast jede Woche passiert ist, aber für mich war es die erste Strafarbeit überhaupt. Natürlich wollte ich es perfekt machen, aber die verdammte Schulordnung war der langweiligste Text, den ich je gelesen habe. Also habe ich mir den Spaß erlaubt und aus der Schulordnung ein Gedicht gemacht. Der Lehrer fand das so lustig, dass er es der Direktorin gezeigt hat und nun ja, eine Woche später hing meine Strafarbeit überall in der Schule aus“. Na, diese Geschichte passt doch mal perfekt zu unserer hanseatischen Dichterin. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie sie über die Schulordnung gebeugt an ihrem Schreibtisch hockt, während ihr schon der Schelm im Nacken sitzt. Je mehr ich über sie erfahre, desto sympathischer wird sie mir. Mittlerweile sind wir wieder vor ihrer Wohnung angekommen, wo wir uns wie schon letzte Nacht mit einer Umarmung verabschieden.

Kapitel 25 (Miri)

In der Nacht bin ich noch lange wach im Bett gelegen und habe über Tino und mich nachgedacht. Der gestrige Abend ist bisher einer der schönsten meines Lebens gewesen, auch wenn Tino abends noch mit Henrike nach Hause gegangen ist. Endlich haben wir uns geküsst und uns gegenseitig unsere Zuneigung gezeigt. Auch der Schlafmangel und mein Kater können meine Stimmung nicht trüben. Allerdings fällt mir ein, dass sich Gestern niemand mehr um den Abwasch gekümmert hat und Lisa heute zurückkommt. Daher schlüpfe ich aus meinem Bett und tapse müde und verkatert in die Küche. Zu meiner Überraschung ist das Geschirr bereits abgewaschen und die Küche glänzt. Auch im Wohnzimmer wurde bereits aufgeräumt und geputzt. Ich frage mich, ob Sven, Merle, oder beide gemeinsam saubergemacht haben. Ich beschließe, mir über diese Frage erst nach dem Kaffee Gedanken zu machen. Während ich mein Heißgetränk genieße, bekomme ich Lust, mal wieder zu zeichnen. Das habe ich jetzt schon lange nicht mehr gemacht, aber jetzt, wo ich an dem Platz sitze, an dem ich Gestern mit dem Kopf auf Tinos Schoß lag, spüre ich das Bedürfnis, meine Eindrücke von Gestern Abend auf Papier festzuhalten. Da es kein Meisterwerk werden muss und ich gerade keinen Zeichenblock habe, nehme ich normales Druckerpapier und einen angespitzten Bleistift. Zunächst fällt mir Merle ein, wie sie auf der Gitarre gespielt hat. Merles Gesicht zu Papier zu bringen, fällt mir relativ leicht. Die Gitarre und vor allem ihre Finger sind schon eine größere Herausforderung, die mir einiges an Konzentration abverlangt. Am Ende bin ich mit dem Ergebnis auch nicht ganz zufrieden. Als nächstes zeichne ich Henrikes Gesicht. Ihre große, lustige Nase ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Ich zeichne sie lachend und finde, dass ich sie recht gut getroffen habe. Nun ist Sven an der Reihe, von dem ich ebenfalls das Gesicht festhalte (dass er Henrikes Füße massiert hat, muss ja nicht unbedingt auch noch auf einer Zeichnung dargestellt werden). Was man am Ende aber bei genauer Betrachtung erkennen kann, ist sein verliebter Gesichtsausdruck. Zu guter Letzt zeichne ich Tino und mich, wie ich mit meinem Kopf auf seinem Schoß liege und er sich über mich beugt und mich zärtlich streichelt. Auch wenn die Proportionen und die Perspektive nicht ganz stimmen, liebe ich dieses Bild und beschließe, es Tino zu schenken. Nun öffnet sich eine Zimmertür und ein verschlafener Sven trottet ins Wohnzimmer. „Guten Morgen, na, wie geht es dir?“ frage ich besorgt, da ich mir gut vorstellen kann, dass Sven die Nachricht von Henrikes Freundin getroffen hat. „Morgen. Geht so. War ’n bisschen viel Alkohol und ’n bisschen wenig Schlaf die letzten Tage…“. Seine Stimmung kann ich nicht ganz deuten, verspüre aber das Bedürfnis, ihn ein wenig aufzumuntern. „Komm, setz dich her. Ich mache dir einen Kaffee“. Müde lächelnd nimmt mein Mitbewohner auf der Couch Platz, genau dort, wo vor einigen Stunden noch Henrike gesessen ist. „Und ein großes Glas Wasser, bitte“ seufzt Sven, während ich in die Küche gehe. Ein paar Minuten später, nachdem Sven sein Wasser fast in einem Zug geleert hat, schlürfen wir gemeinsam unseren Kaffee. „Ach ja, hast du Gestern noch das Wohnzimmer und die Küche auf Vordermann gebracht?“ Der verschlafene Riese lächelt müde und nickt. „Oh, Danke, voll lieb von dir“. Ich unterstreiche meinen Dank mit einer Umarmung. Nun betritt auch Merle die Gemeinschaftsräume, begrüßt uns mit einem herzlichen „Guten Morgen“, obwohl es schon elf Uhr ist, holt sich ebenfalls einen Kaffee und setzt sich zu uns, offenbar ohne die aufgeräumten und geputzten Räumlichkeiten zu bemerken. „Sven hat Gestern noch für uns aufgeräumt und geputzt“, stelle ich fest, während ich Merle ansehe. „Oh, ja, voll! Oh mein Gott! Sven, Danke dir!“ stammelt unsere Schlafmütze vor sich hin. Sven lächelt weiterhin schweigend. „Und Miri, du hast Gestern so gut für uns alle gekocht! Danke auch dafür“. Als Sven, der meine Kochaktion anscheinend vergessen hatte, in Merles Dankesrede und ihr Lob für meine Klopse einsteigt, lächle ich zufrieden und freue mich, dass meine Kochkünste auch hier geschätzt werden. Merles Angebot, mich auf ihrem Weg zur Arbeit bei Tino abzusetzen, nehme ich dankend an. So beeile ich mich mit dem Anziehen, schlüpfe in meine Sandalen und steige zu ihr ins Auto. Auch Sven begleitet uns und wir lassen ihn bei der Uni aussteigen, wo er einen Kommilitonen treffen möchte, um sich mit ihm über dessen Projekt für die Bachelorarbeit auszutauschen. Kurz darauf stehe ich freudestrahlend vor Tinos Tür und zum ersten Mal begrüßen wir uns mit einem richtigen Kuss. Wir halten uns allerdings nicht lange bei ihm auf, sondern machen uns schon kurze Zeit später auf den Weg zu einem Spaziergang im Wald. „Sag mal, hast du Sven heute zufällig schon gesehen? Ich würde gerne wissen, wie es ihm geht. Bei mir hat er sich heute noch nicht gemeldet…“ Tino wirkt etwas besorgt, während wir die Brücke über den Kanal überqueren. „Meinst du wegen Henrikes Freundin? Ja, ich habe ihn heute Morgen gesehen. Er hat eigentlich ganz normal gewirkt und meinte nur, dass er verkatert wäre. Er hat in der Nacht noch die ganze Wohnung aufgeräumt und geputzt“. Tino sieht mich vielsagend an. „Hm, das macht er oft, um besser denken zu können. Wahrscheinlich hat es ihm die Nacht über keine Ruhe gelassen“. Ich nicke. „Und hast du mit Henrike über ihre Freundin gesprochen?“ Mittlerweile sind wir auf der anderen Seite der Brücke angelangt und biegen nun in die Straße ein, die uns aus der letzten Siedlung heraus Richtung Wald führt. „Ja. Sie scheint auch sehr nett und lustig zu sein. Die beiden sind schon seit der Schule zusammen. Aber Jenny wohnt in Hamburg, also führen sie eine Fernbeziehung“. Was Tino mir über Jenny und Henrike berichtet, klingt wirklich ziemlich lustig, besonders die Geschichte mit der Strafarbeit. Inzwischen haben wir die letzten Häuser hinter uns gelassen und gehen über einen geschotterten Weg und ich bin froh, dass ich heute meine Sandalen trage. Tino hält sich mit seinen bloßen Füßen am Rand, wo mehr Gras wächst, oder sucht sich mit erfahrenem Blick die richtigen Stellen zum Auftreten, an denen sich keine Steine in seine Fußsohlen bohren. Ein wenig bewundere ich ihn dafür, dass er auch auf so unebenen Strecken scheinbar mühelos barfuß gehen kann, aber er hat darin ja auch schon jahrelange Übung. Endlich betreten wir den Wald, wo wir vom Schatten der Bäume empfangen werden und die Geräusche der Stadt langsam verstummen.

Kapitel 26 (Henrike)

Schon auf dem Heimweg habe ich mir gedacht, dass irgendetwas nicht stimmt, bin aber nicht darauf gekommen, was. Erst unter der Dusche ist mir aufgefallen, dass etwas fehlt. Und damit meine ich nicht den Dreck, der sich ansonsten unter dem Wasserstrahl von meinen Fußsohlen löst und seinen Weg in den Abfluss antritt. Tatsächlich habe ich es auch seltsam gefunden, dass meine Clownsfüße schon vor dem Duschen beinahe sauber ausgesehen haben. Nein. Irritiert hat mich, dass sie nackt gewesen sind. Nun sind nackte Füße unter der Dusche nichts Ungewöhnliches und gerade jemand, der seit der Schulzeit die Sommer ohne Schuhe verbringt, sollte an den Anblick der eigenen nackten Zehen gewöhnt sein. Aber ich muss betonen: Meine Zehen sind beim Duschen völlig nackt gewesen. Und das ist in der Tat ungewöhnlich, da ich an meinem rechten „Zeigezeh“ gewöhnlich einen Ring trage. Nicht irgendeinen Ring, sondern den Ring, den Jenny von dem Geld, das sie durch den Verkauf eines gestohlenen Fahrrads erwirtschaftet hat, gekauft und mir zu unserem Einjährigen geschenkt hat, und den ich in den letzten vier Jahren nur dreimal abgenommen habe. Dieser Ring hat meinen Zeh geschmückt, als Jenny und ich auf dem Abiball getanzt und uns geküsst haben, ich habe ihn auf der Hochzeit meiner Cousine Leonie getragen, und auch während meiner Lehrzeit ist er mein ständiger Begleiter gewesen. Und ebendieser Ring hat nun gefehlt. Die Sache ist klar: Sofern ihn kein pelzfüßiger Auenlandbewohner mit einem gewissen Zauberring verwechselt und sich so versehentlich mit meinem Ring auf den Weg nach Mordor gemacht hat, um ihn in den Flammen des Schicksalsbergs zu vernichten (lachend stelle ich mir Sauron mit einem Zehenring vor und verpasse ihm in Gedanken noch ein schnuckeliges Fußkettchen), liegt er noch bei meinem lustigen Teddybären, der ihn mir Gestern Abend vom Zeh gezogen hat, um mir die Füße zu massieren. Das Bild des „Herrn der Zehenringe“ merke ich mir und nehme mir vor, dessen Geschichte irgendwann einem Gedicht auszuarbeiten. Ich werde mich also heute darum kümmern müssen, den Ring wieder in meinem Besitz zu bekommen (hoffentlich ohne dabei von den Nazgul verfolgt zu werden). Allerdings muss ich diese Mission vorerst verschieben, da mein erster Arbeitstag in der Buchhandlung ansteht. Und so schlüpfe ich nach dem Frühstück in meine schicken, neuen Ballerinas und verlasse die Wohnung zum ersten Mal überhaupt mit bekleideten Füßen. Frau Bontjes, meine Chefin, ist sichtlich erfreut, mich zu sehen. Ein Jahr lang hat sie die kleine Buchhandlung jetzt ganz allein führen müssen und hatte seitdem keinen einzigen Tag Urlaub und ist von montags bis samstags jeden Tag vor Ort gewesen. Nur für das Weihnachtsgeschäft hat sie für wenige Wochen eine Aushilfe beschäftigen können. Da ich zum Vorstellungsgespräch vor ein paar Wochen noch barfuß erschienen bin, schmunzelt sie beim Anblick meiner nun bekleideten Füße. „Ja sag einmal, du hast ja Schuhe an. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Bist du etwa erkältet? Jetzt habe ich den Kunden schon erzählt, dass die neue Verkäuferin im Sommer keine Schuhe trägt. Wie stehe ich denn jetzt da?“ Grinsend verneine ich die Frage nach der Erkältung und erkläre ihr, dass ich gerne wieder eine Abwechselung vom ständigen Barfußgehen haben möchte, woraufhin sie irritiert den Kopf schüttelt. Frau Bontjes möchte, dass ich mich heute nur auf die Kundinnen und Kunden konzentriere und versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, damit sie mich kennenlernen. „Ohne freundliche Bedienung fahren die Kunden zum Bücherkaufen gleich in den Amazonas“ lautet ihr Motto. So lerne ich eine halbe Stunde später Frau Klusmeier kennen, eine rundliche Lehrerin in ihren Fünfzigern, die jede Woche vorbeikommt, um sich umzusehen und mindestens ein Buch im Monat kauft. Sie mag Romane und Erzählungen, interessiert sich aber auch für Sachbücher über Politik und Wirtschaft. Auf mich wirkt Frau Klusmeier sehr freundlich, aber sie macht auch den Eindruck, als könne sie sich gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern sehr gut durchsetzen. Es folgen einige Kundinnen und Kunden, die keinen Bedarf an einem Plausch zu haben scheinen, bis ein älterer Herr hereinkommt, den ich für mich selbst als „der zerstreute Professor“ tituliere. Er trägt ein kariertes Sakko über einem dunkelblauen Hemd, eine Jeans und schwarze Sandalen mit Socken. Seine restlichen grauen Haare sehen aus, als könnten sie sich untereinander nicht einigen, in welche Richtung sie sich legen wollen und seine Brille scheint ihre besten Zeiten hinter sich zu haben, wenn man die zahlreichen Kratzer an den Bügeln betrachtet. „Guten Morgen, der Herr. Ich bin Henrike. Kann ich Ihnen helfen?“ Der zerstreute Professor mustert mich über den Rand seiner Brille hinweg vom Kopf bis zu meinen ausnahmsweise beschuhten Füßen, wobei seine Brille so weit am Ende der Nasenspitze sitzt, dass ich fürchte, sie wird jeden Moment herunterfallen. Langsam werden sein Blick und sein Schweigen unangenehm. Doch endlich scheint er zu dem Entschluss zu sein, dass ich wirklich ein menschliches Wesen bin, mit dem man eine Konversation führen kann. „Danke, junges Fräulein. Also ich suche ein Buch für meine Tochter. Die ist ungefähr in ihrem Alter. Ich weiß nur überhaupt nicht, was die jungen Leute heutzutage lesen, oder ob sie das überhaupt noch machen“. Der zerstreute Professor scheint wirklich ein lustiger Mensch zu sein. „Oh ja, viele junge Menschen lesen noch. Ich zum Beispiel interessiere mich für alle möglichen Arten von Literatur. Ich mag die antiken Philosophen, klassische Romane, aber auch unterhaltsame Gedichte, zum Beispiel von Heinz Erhardt“. Nun passiert es doch. Die Brille des zerstreuten Professors rutscht von seiner Nase und landet vor meinen Füßen. Natürlich möchte ich ihm behilflich sein und sie aufheben. Allerdings beugen wir uns beide gleichzeitig vor und stoßen mit den Köpfen aneinander. „Oh nein. Das tut mir sehr leid. Ich hoffe, Sie haben sich nicht wehgetan“. Entschuldigend lege ich meine Hand auf seinen Oberarm. Der Professor hat mittlerweile seine Brille aufgehoben und wieder auf seiner Nase platziert. „Schon gut. Das war meine Schuld. Was haben Sie vorher gesagt? Sie kennen Heinz Erhardt?“ Ich nicke enthusiastisch und rezitiere spontan das Gedicht über die polyglotte Katze. Der Professor ist sichtlich beeindruckt. „Das ist ja was. Ich war als junger Mann noch bei einem seiner letzten Auftritte kurz vor seinem Schlaganfall“. Begeistert erzähle ich ihm, dass ich mich selbst als Dichterin betätige und mich „Henrike Erhardt, Heinz Erhardts missratene Enkelin“ nenne. Selbstverständlich bekommt der verwirrte Kunde auch sogleich eine Kostprobe:

Das Dichten ist nicht gott-gegeben –

man muss es selbst, durch Übung, pflegen.

Versmaß, die Struktur und auch der Reim

Sollten schön und passend sein.

Die Alten hatten Iambus, Distichon und auch Päan,

Wir setzen mehr auf Reime – wie schon Goethe, unser Ahn.

Diese Verse aber schrieb Henrike Erhardt, weißt es schon,

Und die sagt dir: vor allem aber braucht’s: Inspiration!


Original Gedicht von:

Henrike Erhardt, aka J.R.H. (Anm. d. Autors)


Der zerstreute Professor wirkt nun noch zerstreuter und ich kann beim besten Willen nicht beurteilen, ob ihm mein Werk wirklich gefallen hat. Doch letztlich beginnt er zu klatschen und gratuliert mir zu meinem Talent. Ich bedanke mich mit einer Verbeugung. Auch Frau Bontjes hat meinen Auftritt verfolgt und steigt in den Applaus des Professors ein. Nachdem ich unter Frau Bontjes Aufsicht unserem Kunden das leider einzige Werk meines geistigen Großvaters verkauft haben, sieht sie mich an und ich merke, dass ihr etwas auf dem Herzen liegt. Letztlich fasst sie Mut und stellt mir die Frage, über die sie anscheinend gerade nachgedacht hat. „Sag mal, Henrike, dass du dichtest, hattest du ja beim Vorstellungsgespräch erwähnt. Aber du hast ja gar nicht gesagt, wie gut du bist. Was hieltest du davon, deine Werke einmal hier in der Buchhandlung vorzutragen?“ Bei diesem Lob werde ich mal wieder rot und freue mich über das Angebot, das ich natürlich dankend annehme.

Kapitel 27  (Tino)

Von der Straße aus nehmen wir einen kleinen, grasbewachsenen Trampelpfad, der in den Wald hineinführt. Von hier aus gelangen wir nach einigen Schritten zum Hauptweg, der mitten durch den Wald geht.  Diesem folgen wir einige Minuten lang bis zu einer Abzweigung, von der aus der rechte Weg in die Nähe meines Lieblingsplatzes führt. Der Waldboden ist mit trockenen Blättern bedeckt, die unter unseren Füßen rascheln. Während Miri nur darauf achten muss, dass kein Dreck und keine Steine in ihre Sandalen gelangen, passe ich mit meinen bloßen Füßen gut auf, wo ich hintrete, denn es gibt auch spitze Äste und Steine, die nur darauf warten, sich in die Sohlen eines unachtsamen Barfußgängers zu bohren. Dennoch genieße ich es, jede Veränderung des Bodens hautnah zu spüren. Wenn ich als Kind mit beschuhten Füßen im Wald getobt habe, konnte es mir egal sein, ob ich auf irgendetwas Spitzes steige. Was unter meine Füße geriet, wurde einfach überrannt. Mit nackten Füßen durch den Wald zu gehen, erfordert hingegen nicht nur Achtsamkeit, sondern auch ständige Anpassung und so wird auch das Gehirn gefordert. Auch das ist eine Lektion, die ich damals von Elena gelernt habe. Nach ungefähr hundert Metern verlassen wir den Weg nach links, gehen an einer Gruppe junger Buchen vorbei und besteigen einen Hügel. Hier gibt es eine kleine ebene Fläche, auf der man es sich gemütlich machen kann und dabei einen guten Blick über die nähere Umgebung hat. Hier wird man so gut wie nie von anderen Menschen gestört. Die Spaziergängerinnen und Spaziergänger bleiben meist auf dem Hauptweg oder den Nebenwegen und auch einem Jäger oder Förster bin ich hier noch nicht begegnet. Die Straße und die Siedlungen sind so weit entfernt, dass man nur gelegentlich das weit entfernte Geräusch eines Autos hört. Entdeckt habe ich diesen Platz vor zwei Jahren und seitdem komme ich regelmäßig her, um die Ruhe der Natur zu genießen und den Kopf freizubekommen. Damit wir es uns etwas bequemer machen können, habe ich eine alte Decke mitgenommen, die ich nun vor uns ausbreite. Schweigend setzen wir uns auf die Decke und beobachten eine Weile die Umgebung. Ich habe uns ein wenig Proviant mitgebracht, das wir nun anstelle eines Mittagessens verzehren. Schließlich zieht sich Miri die Sandalen aus, legt ihren Kopf auf meinen Schoß und schließt die Augen. Es freut mich, dass sie mir dieses Vertrauen schenkt und genieße die körperliche Nähe. Vorsichtig kraule ich wieder ihren Kopf, worauf sie mit einem zufriedenen Lächeln reagiert. Die einzigen Geräusche, die wir gerade hören, sind Vögel und gelegentlich das Rascheln eines kleinen Waldbewohners. Ich denke an den gestrigen Abend und erinnere mich an unsere leidenschaftlichen Küsse und wie sehr sie es genossen hat, mit dem Kopf auf meinem Schoß zu liegen. Nachdem ich Miri eine Weile gestreichelt habe, setzt sie sich freundlich lächelnd auf und deutet mir mit einem sanften Druck gegen die Schultern an, dass ich mich auf die Decke legen soll. Natürlich gehorche ich. Sie legt ihren Kopf auf meiner Brust ab und kuschelt sich an mich. Nun schließe auch ich die Augen, lege meinen Arm um sie, streichle ihren Rücken und küsse ihre Stirn, während sie meine Brust streichelt. In diesem Moment gibt es nur uns beide und ich wünsche mir, dass ich nie wieder aufstehen muss. Miri öffnet die obersten Knöpfe meines Hemds und fährt mit ihrer Hand sanft über meine Haut. Still liege ich da und genieße ihre Berührungen. Als ich die Augen öffne, lächelt sie mich liebevoll an.

Als wir wieder aufstehen, kündigt sich am Horizont bereits der Sonnenuntergang an. Miri schlüpft wieder in ihre Sandalen, während ich mein Hemd zuknöpfe und die Decke einrolle. Ihre Haare sind wieder zerzaust und ihre Wangen gerötet. Hand in Hand gehen wir den Weg zurück und natürlich beschäftigt uns beide die unausgesprochene Frage. Mehrmals hole ich Luft, um sie zu stellen, doch jedes Mal verlässt mich der Mut. So ist es Miri, die am Ende die Worte ausspricht, die ich selbst so gerne gesagt hätte: „Möchtest du noch mit zu mir kommen?“ Erleichtert lächle ich und so machen wir uns auf den Weg in die WG.

Als wir am See vorbeikommen, bleiben wir stehen und sehen uns vielsagend an. Mittlerweile ist es dunkel geworden und der Mond und die ersten Sterne sind am Himmel zu sehen. Miri befreit sich aus ihrer Kleidung und auch ich lasse meine Hüllen fallen. Diesmal werfe ich Miri nicht in den See, sondern genieße den wunderschönen Anblick, wie sie in der Dämmerung unbekleidet langsam über die Treppe am Ende des Stegs ins Wasser steigt. Sie ist unbeschreiblich schön. Ich lasse mich von der Stegkante ins Wasser gleiten. Wir schwimmen ein Stück in den See hinaus, küssen uns und kehren an die Stelle zurück, an der ich sie gestern in meinen Armen gehalten habe. Wieder lässt sie sich treiben, während ich sie halte und küsse. Anschließend gehen schwimmen wir ans Ufer und verlassen hintereinander das Wasser. Wir ziehen uns wieder an und setzen unseren Weg zur WG fort. Auch wenn ich die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sehr mag, bin ich froh, dass wir beim Durchqueren der Wohnung niemandem begegnen. Sanft bugsiert Miri mich lächelnd auf ihr Bett und legt sich neben mich.

Kapitel 28 (Miri)

Stimmen aus dem Wohnzimmer und der Geruch von frischem Kaffee wecken mich sanft aus meinem Schlaf. Eine Weile genieße ich es, auf Tinos Brust zu liegen, dann küsse ich zärtlich seine Stirn, ziehe mir mein Nachthemd über und betrete den Gemeinschaftsraum, um mir meinen morgendlichen Kaffee zu holen. Lisa ist vom Besuch bei ihren Eltern zurück und sitzt mit Sven bei einem Kaffee am Tisch. „Guten Morgen“ begrüße ich die beiden. „Hey, du strahlts ja richtig. Hast du gut geschlafen?“ fragt mich Lisa. Grinsend nicke ich und hole mir einen Kaffeebecher. „Wie war es bei deinen Eltern?“ erkundige ich mich. „Ganz nett. Ich habe ein paar Freundinnen aus der Schule getroffen und mein kleiner Bruder Max will mich bald einmal besuchen und ein paar Tage bei mir übernachten. Darauf freue ich mich schon“. Sven sieht sie interessiert an. „Ist das der kleine, schüchterne Junge, der so wenig spricht?“. Lisa nickt. „Ja, voll. Max ist wirklich extrem schüchtern. Aber wenn ich dabei bin, hat er viel weniger Angst vor Menschen. Er ist auch total lieb und hilfsbereit, er hat nur oft zu viel Angst, das zu zeigen“. Nun bin ich auch neugierig. „Und, wie alt ist er?“ Lisa grinst. „13. Aber er ist schon größer als ich. Aber das ist ja auch nicht schwer“. Nun wechselt sie das Thema. „Sag mal Sven, wie läuft es denn mit der hübschen Dichterin?“ Mitleidig sehe ich Sven an, der leicht errötet. Offenbar ahnt Lisa aufgrund unseres Schweigens, dass sie gerade in ein Fettnäpfchen getreten ist. Glücklicherweise gesellt sich in diesem Moment Merle zu uns. Nachdem auch sie sich einen Kaffee genommen und Lisa sie über den bevorstehenden Besuch ihres Bruders informiert hat, wird Lisas Ton etwas strenger. „Du Merle, wir müssen noch einmal über deine Putzdienste reden. Ich weiß, dass Sven die jetzt öfter übernommen hat und er macht das auch ganz gut, aber beim letzten Mal, als du geputzt hast, sind mir wieder ein paar Sachen aufgefallen. Das Waschbecken war zum Beispiel nur von innen geputzt, die Flächen in der Küche waren zum Teil noch schmutzig und am Boden waren noch überall Krümel. So geht es nicht weiter. Du musst dir überlegen, wie das besser werden kann“. Man sieht Merle an, dass ihr das Gespräch sehr unangenehm ist und sie tut mir ein bisschen leid, auch wenn ich Lisa Recht gebe, dass Merle leider wirklich nur oberflächlich putzt und meistens etwas übersieht. Kurz rechne ich damit, dass Merle sich verteidigen und es daraufhin Streit geben könnte. Stattdessen bleibt sie ruhig und macht eine überraschende Ankündigung. „Ich weiß, Lisa. Es tut mir auch leid, dass ich das nicht richtig hinbekomme, und es ist mir auch peinlich. Aber ich habe schon eine Idee. Bei uns im Schuhgeschäft haben wir einen netten Putzmann, der meistens kommt, wenn ich Feierabend mache. Er putzt auch privat und ich habe ihn gefragt, was er nehmen würde und wenn es für euch okay ist, würde ich ihn dafür bezahlen, dass er meine Putzdienste übernimmt. Er macht das schon länger und arbeitet gründlich“. Das ist interessant, zugleich bin ich mir aber noch nicht sicher, was ich davon halten soll, dass ein fremder Mann bei uns in der WG herumläuft und putzt. Sven merkt an, dass er das „Geschäft“ mit den Putzdiensten gegen Massagen eigentlich ganz gut findet, sofern Merle mal dazu kommt, ihre „Schulden“ bei ihm „abzuarbeiten“. Unsere Unterhaltung wird unterbrochen, als der verschlafene Tino aus meinem Zimmer kommt. Nachdem Tino mit einem überraschten und beinahe einstimmigen „Guten Morgen!???“ begrüßt worden ist, richten sich alle Blicke auf mich. Na toll! Natürlich wissen jetzt alle, was Tino und ich letzte Nacht gemacht haben. Aber damit hatte ich rechnen müssen und so stehe ich einfach auf und begrüße meinen Schatz mit einem Kuss und bringe ihm einen Kaffee. Kurz darauf macht sich Merle auf den Weg zur Arbeit, Lisa muss etwas für die Firma ihrer Eltern erledigen und Sven wartet noch auf eine Antwort von Henrike, da er ihr ihren Ring zurückgeben möchte, den sie nach ihrer Fußmassage bei uns liegenlassen hat. Tino schlägt vor, dass wir mit Sven heute Abend für die WG kochen könnten und so machen wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zum Markt, um ein paar frische Zutaten einzukaufen.

Kapitel 29 (Henrike)

Für heute Abend hat sich Jenny angekündigt, die übers Wochenende bleiben möchte und ich freue mich sehr darauf, sie zu sehen. Ich will ihr auch unbedingt die Stadt zeigen und würde mich sehr freuen, wenn ich ihr Tino, Sven, Merle und die WG vorstellen könnte, habe aber meine Zweifel, ob das Wochenende dafür ausreichen wird. Zunächst muss ich heute aber noch einiges erledigen, denn ich habe mich dazu entschieden, mich zusätzlich zu meinem Studium der Bibliothekswissenschaft auch noch für den Bachelor in Philosophie an der Uni einzuschreiben. Natürlich frage ich mich, ob ich beide Studien mit meiner Arbeit unter einen Hut bekomme, aber am Ende habe ich dem Reiz nicht widerstehen können. Das Institut für Philosophie ist klein, familiär und gemütlich. Die Professorinnen und Professoren gelten als entspannt und das Studium als relativ einfach, aber dennoch interessant. Es gibt eine junge Dozentin, die sich auf die griechischen Philosophen spezialisiert hat, einen älteren Dozenten, der zum Thema Konstruktivismus forscht und zugleich promovierter Informatiker ist. Nun muss ich noch einige Unterlagen nachreichen, unter anderem eine Kopie meines Abiturzeugnisses und eine Bestätigung über mein Latinum. Der Bequemlichkeit halber entscheide ich mich spontan, heute mal wieder barfuß zu gehen und lasse meine neuen Ballerinas in der Wohnung. Da ich noch kein Fahrrad habe, mache ich mich zu Fuß auf den Weg und bemerke, dass ich bereits durch einen Tag mit Schuhen wieder bewusster barfuß gehe, zumindest anfangs. Allerdings fühlen sich meine Füße heute besonders nackt an, da mein Zehenring noch immer irgendwo in der WG liegt. Das Institut für Philosophie befindet sich in einem schönen, kleinen Nebengebäude. Beim Sekretariat erkunde ich mich nach dem Büro von Herrn Schmidt. Tatsächlich ist das Institut so klein, dass sich sein Büro zwei Türen weiter befindet. Einige Minuten muss ich noch im Gang auf einer gemütlichen Couch platznehmen. An den Wänden hängen einige Zeichnungen deren Stil mich ein wenig an „Le Cheval“ von Picasso erinnert, allerdings sagen mir die Namen der Künstler:innen nichts. Neben der Tür des Sekretariats hängt ein Comic, auf dem sich ein Gehirn in einem Tank vorstellt, ein Mensch mit zwei Beinen zu sein. Weiterhin entdecke ich einen schlichten Zettel, auf den die Worte „τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι.“ Gedruckt sind: To gar auto noein estin te kai einai: Denn dasselbe ist, was gedacht werde kann und was ist. Doch bevor ich dazu komme, näher über die Bedeutung dieser Worte nachzudenken, öffnet sich die Tür und Herr Schmidt bittet mich herein. „Guten Morgen. Haben Sie gut hergefunden? Bitte kommen Sie herein. Ah, wie ich sehe, sind Sie barfuß. Sehr schön. Wir haben am Institut auch einen Studenten, der im Sommer immer barfuß geht. Tino. Wahrscheinlich lernen Sie ihn bald kennen. Er leitet für Lena, also Frau Hofmüller das Tutorium zur Geschichte der Philosophie. Oh, ich rede zu viel. Nehmen Sie doch erst einmal Platz“. Herr Schmidt ist ein sehr sympathischer, aber auch etwas zerstreut wirkender Mann Mitte 40, mit mittellangen, braunen Haaren, Dreitagebart und einer Brille. In meinen Augen wirkt er auch etwas verschlafen. Er trägt ein kariertes Sakko mit Ellenbogen-Patches, darunter ein weißes T-Shirt, sowie eine braune Cordhose und ausgelatschte braune Slipper. Er nimmt hinter einem alten, wuchtigen Schreibtisch Platz. Die Einrichtung seine Büros ist dunkel, wirkt aber sehr gemütlich. An der Wand gegenüber vom Schreibtisch steht eine Ledercouch, auf der Herr Schmidt, den ich ungefähr auf 1,74m schätzen würde, sicher bequem liegen kann. Zudem gibt es in seinem Büro drei stehende, gutgefüllte Bücherregale und auch an der Wand hinter seinem Schreibtisch sind oberhalb seines Kopfes einfache Regalbretter an die Wand montiert, auf denen weitere Welzer stehen. Auf seinem Schreibtisch liegt neben zahlreichen losen Blättern allerdings lediglich eine ältere Ausgabe der Phänomenologie des Geistes von Hegel, in die er vor meinem Eintreten scheinbar vertieft gewesen ist. Gemeinsam gehen wir meine Unterlagen durch und sind schon nach ein paar Minuten per du. Carsten versichert mir, dass von Seiten des Instituts alles geregelt ist und freut sich über die neue Studentin. Nach dieser schönen Begrüßung am Institut erkunde ich das Gelände und sehe mir als angehende Bibliothekarin natürlich auch die Uni-Bibliothek an.  Die Atmosphäre gefällt mir und es gibt neben zahlreichen Arbeitsplätzen auch ein paar gemütliche Ecken, falls man beim Lernen mal eine Pause einlegen möchte. Es stehen weiterhin einige PCs bereit, an denen man mit einem veralteten, aber durchaus noch brauchbaren Programm den digitalen Katalog der Bibliothek durchstöbern kann. Allerdings erweist sich die Ausstattung als eher dürftig. So stelle ich schnell fest, dass die Uni einige wichtige Zeitschriften nicht abonniert hat und bei anderen Zeitschriften nur ältere Ausgaben vorhanden sind. Besonders abenteuerlich wird es bei meinem Interesse für klassische griechische Literatur. Von der Ilias gibt es lediglich eine uralte Ausgabe in Frakturschrift, die Odyssee fehlt ganz. Die griechischen Philosophen stehen größtenteils in einem Handapparat, sodass man sie nicht ausleihen kann. Lediglich eine Reclam-Ausgabe der Nikomachischen Ethik von Aristoteles befindet sich an ihrem regulären Platz. Auf meinem Handy sehe ich, dass Sven, den ich als „Balu“ eingespeichert habe, versucht hat, mich anzurufen und mir später zwei Nachrichten hinterlassen hat. „Hallo Henrike, wie geht es dir? Dein Ring liegt noch bei uns. Wenn du möchtest, bringe ich ihn dir später vorbei. Ganz liebe Grüße, Sven“. Eine Stunde später hat er noch eine Nachricht geschrieben: „Übrigens: Tino, Miri und ich kochen heute für die WG. Wenn du möchtest, komm gerne vorbei 😊“. Ich freue mich über das Angebot und frage, ob ich Jenny mitbringen darf.

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