Januar 6, 2026

Miri und Tino

Miri und Tino

Kapitel 1 (Miri)

Yes! Auf den Zentimeter genau passt der schöne, alte Sekretär, den ich auf dem Flohmarkt gefunden habe, in die Ecke neben dem Fenster in meinem neuen WG-Zimmer. Ich liebe alte Möbel und Sekretäre haben es mir schon länger angetan. Natürlich wäre es bei meinen Eltern nie in Frage gekommen, so ein „nutzloses altes Ding“ anzuschleppen. Nun, nutzlos ist er sicher nicht, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass mein neues Möbel nicht gerade besonders handlich ist. Gut, dass Sven mir beim Tragen geholfen hat. Allein hätte ich den Sekretär nie in unsere Altbauwohnung im dritten Stock (natürlich ohne Aufzug) bekommen. Überhaupt habe ich viel Glück, diese tolle WG gefunden zu haben und so ein günstiges Zimmer ist auch eine Seltenheit. Die meisten ausgeschriebenen Zimmer waren in langweiligen Neubauten, oder für mich unerschwinglich. Zufrieden begutachte ich mein neues Zuhause. Mein erstes eigenes Zuhause. Unglaublich. Vor ein paar Monaten habe ich mich noch durchs Abi gekämpft, vor einem Jahr dachte ich, dass ich es vergeigt hätte, vor zwei Jahren habe ich mit dem Schwänzen angefangen und vor drei Jahren habe ich meine Eltern damit geärgert, dass ich mich für die Oberstufe angemeldet habe. Zu der Zeit bin ich auch mit Manu zusammengekommen…

Heute Abend werde ich, wie ich schon bei der Besichtigung versprochen habe, für alle kochen. Dafür muss ich noch zum Markt. Liebenswerterweise hat Lisa mir erlaubt, dafür ihr Fahrrad zu nehmen, das auch so einen praktischen Korb am Lenker hat. Bevor ich mit Manu zusammengekommen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es beim Kochen auch eine Welt gibt, die über Nudeln mit Sugo oder Kartoffeln mit Würstchen und Spiegelei hinausgeht. Aber dank Manu und seiner Mutter weiß ich jetzt unter anderem, dass man Gemüse am besten frisch auf dem Markt kauft und nicht in Konserven. Die wichtigste Lektion war aber, dass Kochen mehr als eine notwendige Arbeit ist, sondern richtig Spaß machen kann. Heute Abend soll es Ofengemüse mit Sauerrahmdipp und eine Linsensuppe geben. Ich bin mir sicher, meine „Mitbewohnis“ werden begeistert sein. Vor allem Sven hat es sich mit seiner heutigen Hilfe auch wirklich verdient. Ich freue mich schon auf das Leben in der WG und bin gespannt, wie das Zusammenleben mit diesen netten Leuten wird. Ich habe schon gehört, dass meistens jede und jeder für sich selbst kocht, manchmal aber auch gemeinsame Kochsessions stattfinden. Abends sitzt die WG gerne bei einem Bier oder Wein zusammen oder organisiert Spieleabende. Merle und Stefan gehen außerdem gerne in den Irish Pub, den ich unbedingt auch einmal besuchen soll.

Es ist ein richtig schöner, heißer Hochsommertag, so wie ich es liebe. Gemütlich radle ich am Kanal entlang Richtung Innenstadt und genieße es, mir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Allerdings wird meine Freude abrupt unterbrochen, denn plötzlich steht ein Polizist vor mir, der mich auffordert, anzuhalten. Mist! Natürlich bin ich freihändig gefahren und das scheint den Ordnungshütern nicht gefallen zu haben. Auch dass ich meine Kopfhörer aufhatte, macht sicher keinen guten Eindruck. Während mich der Polizist, der mich angehalten hat, unfreundlich dazu auffordert, meinen Ausweis vorzuzeigen und mich über mein Fehlverhalten belehrt, begutachtet sein Kollege das Fahrrad, an dem er zum Glück keine relevanten Mängel feststellen kann. Er knurrt mich nur an, dass ich gefälligst mal den Luftdruck prüfen sollte. Sein Kollege geht mit meinem Ausweis zum Streifenwagen und gibt wahrscheinlich meine Personalien durch, um sicherzugehen, dass er nicht zufällig eine Schwerverbrecherin, gegen die ein internationaler Haftbefehl vorliegt, beim freihändigen Fahrradfahren erwischt hat. Allerdings scheint sich heute keine Miriam Bauer unter den gesuchten Bösewichten zu befinden. Scheinbar hat mir meine alte Schule das regelmäßige Quatschen im Unterricht und die geschwänzten Tage in der Oberstufe mittlerweile ebenso verziehen, wie meine Eltern das nächtliche Herausschleichen trotz Hausarrest. Oder zumindest hielt es niemand für nötig, mir die Polizei hinterherzujagen. Schade eigentlich. Damit hätte ich jedenfalls mal wieder viel zu erzählen gehabt. Letzten Endes tausche ich einen Geldschein gegen einen Strafzettel und setze meinen Weg fort.

Die Auswahl auf dem Markt ist überraschend groß. Überall riecht es nach frischem Gemüse, nach Käse und nach gebackenen Champignons, die an einem der Stände angeboten werden. Der Markt befindet sich in der Altstadt und die Gebäude, die den Marktplatz umgeben, spenden dringend benötigten Schatten. Mir fällt ein, dass ich in den nächsten Tagen noch unbedingt die Innenstadt mit all ihren kleinen Geschäften und Fachwerkhäusern erkunden muss. Aber heute bin ich ja auf einer Mission. Bei Ofengemüse dürfen niemals Süßkartoffeln fehlen, von denen ich mir gleich zwei Kilo geben lasse. Dazu kommen noch rote Zwiebeln, Karotten, Fenchel, Champignons (die ich noch mit Schafskäse füllen werde), Paprika und zwei Auberginen. Außerdem besorge ich noch frischen Thymian, Rosmarin, Petersilie und Knoblauch. In der WG gibt es Olivenöl, das Sven von seinem Bruder bekommen hat, der in Griechenland im Urlaub war. Ich freue mich schon sehr auf das Schnippeln. Die Zutaten für die Linsensuppe habe ich Gestern schon besorgt. Zufrieden fahre ich nach Hause und lasse diesmal die Hände brav am Lenker.

Kapitel 2 (Tino)

Noch ein letztes Mal überprüfe ich mein Literaturverzeichnis und da ich keinen Fehler finden kann, schicke ich die Seminararbeit ab. Es ist ein schöner Sommertag und da ich zu Mittag fertig geworden bin, habe ich jetzt noch fast einen ganzen Tag, den ich draußen verbringen kann. Zufrieden, da ich mit der Seminararbeit heute ein wochenlanges Projekt abgeschlossen habe, bringe ich die Bücher zu den Rückgabefächern in den entsprechenden Regalen. Die Bibliothek an der Uni ist einer der wenigen geschlossenen Räume, in denen ich mich auch im Hochsommer gerne aufhalte. Es ist angenehm kühl und natürlich gibt es Unmengen an Büchern. Dank des 24-Stunden Zugangs habe ich hier auch schon die ein oder andere Nacht verbracht und die Schriften von Platon und Aristoteles studiert, oder mich in religionswissenschaftliche Themen eingelesen. Aber jetzt ist es an der Zeit, die Natur zu genießen. Ich verlasse die Bibliothek und schlendere über das Unigelände. Der Steinboden ist angenehm warm und nicht so heiß, wie die geteerte Brücke, die über den Kanal führt. Ich denke daran, dass die meisten Leute durch ihre Schuhe überhaupt nicht mitbekommen, über welche Untergründe sie laufen. Ich dagegen kann mich genau an alle Böden erinnern, die ich heute gespürt habe. Mein Schlafzimmerboden besteht aus Laminat, das, wenn man genau hin spürt, ein wenig rau ist. Der Gemeinschaftsraum meiner WG ist mit Steinfliesen ausgekleidet, die jetzt im Sommer immer schön kühl sind. In der Küche haben wir einen Linoleumboden, der, wohl auch weil zu selten geputzt wird, oft ein bisschen klebt. Vor dem Haus haben wir Asphalt. Bis zur Uni sitze ich auf dem Fahrrad und fahre über einen gepflasterten Weg und eine asphaltierte Straße bis zur Uni. Im Foyer sind Steinfliesen verlegt und der Boden in der Bibliothek besteht aus Vinyl, das immer ein wenig nachgibt und lustige Geräusche macht, wenn man einen (nackten) Fuß vom Boden löst. Erst vor ein paar Jahren habe ich die Vorteile des Barfußgehens für mich entdeckt. Bei meinen Eltern war daran gar nicht zu denken. Meine Mutter und meine Schwestern durften im Sommer zumindest Sandalen tragen, aber uns Jungs wurde beigebracht, gleich beim Aufstehen in die Hausschuhe zu schlüpfen und auch bei über 30°C immer „anständige“ Schuhe zu tragen. Aber natürlich beneide ich meine Schwestern nicht im Geringsten und es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass Angelina noch immer beigebracht wird, dass es eine Sünde ist, wenn Frauen Hosen tragen und unsere Eltern ihr weiterhin eintrichtern, dass sie sich ihrem künftigen Mann unterordnen muss. Ich hoffe, dass Angelina es irgendwann auch schafft, aus der Familie zu fliehen, so wie ich es gemacht habe. Vielleicht trifft auch sie einen Menschen wie Elena, durch die ich so viel über die Freiheit lernen durfte und die mir beigebracht hat, wie schön es ist, den Boden unter den nackten Füßen zu spüren. Sie meinte immer, es wäre wie eine kostenlose Fußmassage, allerdings weiß ich bis heute nicht, wie sich eine Fußmassage anfühlt.

Wenn ich schwimmen gehe, frage ich meistens Lisa, Merle oder Sven, ob sie mitkommen möchten. Aber heute möchte ich zu dem Baggersee im Wald außerhalb der Stadt. Eigentlich darf man dort gar nicht baden, aber ich habe einen Bereich gefunden, der so schön abgelegen ist, dass man nie gestört wird. Und weil eh niemand in der Nähe ist, nutze ich die Gelegenheit zum Nacktbaden. Ja, ich war auch schon mit Freundinnen und Freunden aus der Uni Nacktbaden und bin in der Hinsicht nicht gehemmt, aber ganz frei fühle ich mich nur, wenn ich allein bin. Mit dem Rad bin ich ungefähr eine halbe Stunde unterwegs. Eigentlich ein ziemlich weiter Weg, wenn man bedenkt, dass es von der Uni mit dem Rad nur zehn Minuten zum See sind, in dem man sogar offiziell baden darf. Aber die Strecke lohnt sich. Nachdem ich an meinem Lieblingsplatz angekommen bin, lausche ich. Das Einzige, was zu hören ist, sind Vögel, raschelnde Blätter und irgendwo, weit entfernt, leider noch immer die Autos. Aber die Straßengeräusche klingen so weit weg, dass sie eher beruhigend wirken als nerven. Ich lege meine Kleidung ab und gehe langsam in das kühle Wasser. Der Boden ist schlammig und es gibt viele Baumwurzeln. Das Wasser hat eine erfrischende Wirkung, aber ich muss trotzdem etwas warten, um mich an die Kälte zu gewöhnen. Endlich lasse ich mich hineingleiten und spüre, wie mich das Wasser umspült. Zunächst lasse ich mich ein wenig treiben, dann schwimme ich weiter raus und beobachte die Umgebung. In einiger Entfernung geht gerade ein Pärchen ins Wasser und noch ein Stück weiter hält eine Gruppe Mädels oder junger Frauen die Füße ins Wasser. Wieder lasse ich mich treiben und genieße den Moment. Ich denke an nichts, außer dieses schöne Gefühl, nackt im Wasser zu treiben. Irgendwann beschließe ich, aus dem Wasser zu steigen und mich in der Sonne trocknen zu lassen. Natürlich habe ich auch ein Buch dabei und so vertiefe ich mich in die „Geschichten aus Tel Ilan“ von Amos Oz, während die Sonne meinen Körper trocknet und ein sanfter Wind über meinen hüllenlosen Körper streift.

Kapitel 3 (Miri)

Mittlerweile habe ich die Einkäufe heile in die WG-Küche verfrachtet, den Ofen zum Vorheizen eingeschaltet und beginne nun, meine Beute zu waschen, bzw. zu schälen. Ich liebe es ja, für eine große Runde aufzukochen. Grinsend stelle ich mir vor, was meine Mama wohl sagen würde, wenn sie mich jetzt sehen könnte. Ich stelle mir bildlich vor, wie sie die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und mich anfährt: „Ach Mädel, was tust du dir da an? Was für eine Arbeit! Und saubermachen musst du dann auch noch. Wenn du schon für so Viele kochst, warum machst du dann nicht einfach einen großen Topf Kartoffeln und dazu Würstchen und Spiegeleier? Dann hättest du viel weniger Arbeit!“ Natürlich verstehe ich sie. Meine Mama ist in einer sehr altmodischen Familie aufgewachsen, in der die Erziehung der Mädchen auf eine Zukunft als Hausfrau ausgerichtet war. Das Zeitsparen beim Kochen und generell im Haushalt hat es ihr überhaupt ermöglicht, mit Ende 30 noch eine Ausbildung zu machen, ohne die sie ihren Bürojob nicht hätte, den sie so sehr liebt. Dass Kochen auch Spaß machen und man sich dabei sogar kreativ ausleben kann, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Leider hatte sie in ihrem Leben sehr wenig, worüber sie sich freuen und was sie genießen durfte. So streng sie auch bei meiner Erziehung war, freue ich mich, dass sie jetzt zumindest ihre Arbeit hat, in der sie aufgeht. Wieder einmal denke ich an Manu und seine Familie, an unsere gemeinsamen Kochabende mit Wein und Musik. An selbstgemachte Pizza, an Tsatsiki, an Kürbissuppen und natürlich an Ofengemüse. Lachend erinnere ich mich an den Abend, als Manu seine Mama ins Bett geschickt hat, damit wir das Wohnzimmer für uns hatten…

Mittlerweile sieht die Küche so aus, wie eine Küche meiner Meinung nach aussehen muss: Auf der Arbeitsplatte häufen sich zwei Stapel: Ein Stapel mit Gemüse und einer mit Abfällen. Auf dem Herd köchelt mittlerweile die Linsensuppe und ich verrühre gerade den Sauerrahmdip. Von der WG habe ich die Erlaubnis bekommen, so viel zu kochen, wie ich möchte. Morgen feiern wir Svens Geburtstag und Lisa hatte die Idee, dass wir das, was heute übrigbleibt, in den Kühlschrank geben und bei der Party als Snacks servieren könnten. Tja, nun wird die WG lernen, dass es immer Essen für eine ganze Woche gibt, wenn man mir in der Küche freie Hand lässt. Zwei Bleche habe ich bereits mit Gemüse belegt und dieses mit Olivenöl beträufelt und in den Ofen geschoben. Auch meinen Wecker habe ich gestellt, damit ich es später noch einmal herausnehmen und mit den Kräutern bestreuen kann, die nur ein paar Minuten im Ofen bleiben dürfen. Während das Gemüse im Ofen schmort, kümmere ich mich um das Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen noch ein paar Teller und Gläser, die ich in die Kühe bringe und abwasche. Nachdem ich den Tisch abgeputzt habe, decke ich auf und kündige vorher noch in der WG-Gruppe an, dass es gleich Essen gibt. Dabei sehe ich, dass Sven gefragt hat, ob er einen Freund mitbringen darf, was ich irgendwie süß finde, denn bei der Menge, die ich gekocht habe, könnte jeder und jede noch drei Freundinnen oder Freunde mitbringen. Tatsächlich sind Sven und sein Freund Tino auch die ersten, die in der Küche eintreffen. Die beiden sehen nebeneinander wirklich lustig aus. Sven ist ein enorm großer und äußerst kräftiger Kerl mit kurzen dunklen Haaren, einem rundlichen Gesicht und einer Brille, der übrigens trotz seiner Figur äußerst freundlich, ruhig und zuvorkommend wirkt. Tino hingegen ist höchstens so groß wie ich, also vielleicht 1,70m, sehr, sehr schlank und hat lange, blonde Haare und einen Bart. Sein Gesicht erinnert mich irgendwie an Jesus. Oder an John Lennon. Ich entscheide mich für die zweite Variante. Während Sven wie immer kurze Hosen und ein schwarzes, ärmelfreies T-Shirt anhat, trägt sein Freund ein weites, langärmliges Hemd und eine lange Leinenhose (was ihn wiederum eher wie Jesus aussehen lässt). Sven fragt mich, ob sie mir helfen könnten und ich sage lachend: „Klar Jungs, schnappt euch ein Bier und macht es euch bequem“. Natürlich gehorchen sie mir aufs Wort. Zum Glück ist die erste Portion Ofengemüse fertig und als ich diese serviere, sitzt Sven auf der Sitzbank auf dem Platz unter dem Fenster, während sich sein Freund daneben auf die lange Fläche gelegt und die Füße auf der Rückenlehne abgelegt hat, wodurch er aussieht, als würde er gerade Siesta halten. Da er schon so lustig seine bloßen (und übrigens auch etwas schmutzigen) Füße präsentiert, kitzle ich, frech wie ich bin, mit meinem Zeigefingernagel seine nackte Fußsohle und frage ihn grinsend, ob er es eh bequem hat, aber zu meiner Enttäuschung zuckt er nicht einmal ein kleines bisschen zusammen. Offenbar hat er es sehr bequem, was mich natürlich auch freut und wie ich die beiden beinahe aneinander gekuschelt auf der Sitzbank sehe, frage ich mich, ob sie „nur“ Freunde sind.

Kapitel 4 (Tino)

Ich war so in mein Buch vertieft, dass ich die Mädels, die jetzt kichernd an mir vorbeigehen, gar nicht habe kommen hören. „Pass auf, dass du dir keinen Sonnenbrand auf deinem weißen Po holst. Du bist ja blass wie ein Schneemann!“ wird mir zugerufen und das Kichern der anderen Mädels wird zu einem Lachen. „Lieben Dank für den Hinweis. Da muss ich wirklich aufpassen“ antworte ich freundlich und die Gruppe zieht weiter. Ich setze mich auf und schaue auf mein Handy. Mein bester Freund Sven hat mir geschrieben, dass seine neue Mitbewohnerin heute für die WG kocht und fragt, ob ich zum Essen kommen möchte. Wir könnten uns in einer Dreiviertelstunde an der Uni treffen und gemeinsam zu ihm fahren. Das trifft sich gut. Ich müsste sonst noch einkaufen, weil ich fast nichts mehr zum Kochen zuhause habe und da ich sowieso jeden zweiten Tag in der WG bin, interessiert mich natürlich auch, wer die neue Mitbewohnerin ist. Sven meinte, sie wäre ein sehr, sehr nettes und sympathisches Mädel mit viel Energie, das auch nicht auf den Mund gefallen wäre. Außerdem fängt sie im Herbst auch mit Philo an. Da unser Institut recht klein ist, werden wir wahrscheinlich auch gemeinsame Kurse haben. Vielleicht kommt sie ja sogar in mein Tutorium. Jedenfalls nehme ich mir vor, ihr ein paar Tipps für das erste Semester zu geben.

Als ich auf dem Rad die Mädels von vorhin überhole, beginnen sie wieder zu kichern und rufen mir zu: „Schönen Abend noch, Nackedei!“ Lachend rufe ich zurück: „Ebenfalls noch einen schönen Abend, die Damen!“ und winke ihnen im Vorbeifahren zu. Als ich an der Uni ankomme, erkenne ich Sven schon aus der Entfernung. Er steht mit ein paar seiner Kommilitonen zusammen, die er um mindestens einen Kopf überragt. Kurz überlege ich, ob ich dazukommen, oder hier an der Straße warten soll, da ich ein paar seiner Informatik-Mitstudenten ziemlich unsympathisch finde, weil sie mich sehr an meinen Vater und meinen großen Bruder Martin erinnern. Aber Sven hat mich schon gesehen, verabschiedet sich von seinen Freunden und kommt mir entgegen. Wie immer begrüßen wir uns mit einer herzlichen Umarmung und beschließen, gleich in die WG zu fahren und die Neue zu fragen, ob sie Hilfe beim Kochen braucht. Als wir eintreffen, ist diese gerade dabei, den Tisch zu decken und auf Svens Frage, ob wir ihr helfen können, meint sie lachend, dass wir uns ein Bier nehmen und es uns bequem machen sollen. Da ich keinen Alkohol trinke, lasse ich mich ohne Getränk auf die Bank neben Sven sinken und lege die Füße auf die Rückenlehne. Diese Bank ist für kleine Leute wie mich ideal, da wir uns hier gemütlich ausstrecken können, wobei meine Füße noch ein Stück über das Ende hinausragen würden, weshalb ich sie gerne auf der Rückenlehne ablege. Trotzdem habe ich hier auf der Bank sogar schon zweimal übernachtet, was zwar nicht besonders bequem, aber definitiv noch okay war. Neugierig beobachte ich Miri, die neue Mitbewohnerin, wie sie zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her eilt. Sie ist ein klein wenig größer als ich, also vielleicht 1,70 oder 1,71, hat dunkelblonde Haare und ein wunderschönes Lächeln. Sie trägt einen bunten Rock mit Blumenmuster, ein bauch- und ärmelfreies Top und Sandalen mit bunten Fransen. Ich muss Sven recht geben. Sie scheint wirklich sehr viel Energie zu haben. Als sie wieder ins Wohnzimmer kommt, versucht sie sogar, meinen Fuß zu kitzeln und fragt mich grinsend, ob ich es eh bequem hätte. Ich finde es lustig, dass alle Mädels aus Svens WG erst einmal testen müssen, ob ich an den Füßen kitzlig bin und dann enttäuscht feststellen, dass das nicht der Fall ist. Ich finde es aber sehr sympathisch, dass Miri das gleich am ersten Tag versucht. Das zeigt, dass sie sehr selbstbewusst und wahrscheinlich für so ziemlich jeden Spaß zu haben ist. Da die anderen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner noch nicht da sind, schließe ich die Augen und lasse mich innerlich fallen. In Gedanken bin ich wieder im See und genieße das kühle Wasser und die warme Sonne auf meiner Haut. Auch die wunderbare Ruhe kann ich noch ganz genau fühlen, obwohl Miri neben uns voll am Arbeiten ist. Wieder spüre ich eine Berührung- ein versuchtes Kitzeln an meinen Füßen und öffne die Augen. Diesmal sind es Lisa und Merle, die jetzt bestimmt zum zehnten oder zwanzigsten Mal testen, ob sie mich kitzeln können. Allerdings wird jetzt auch der Platz etwas knapp, sodass ich meine Beine herunternehmen und mich hinsetzen muss. Mittlerweile hat auch Stefan neben Sven auf der Bank platzgenommen und außer mir hat jede und jeder ein Bier in der Hand. Netterweise bringt Lisa mir ein Glas von ihrer selbstgemachten Limonade und wir stoßen auf Miri und ihren Einzug an.

Das Ofengemüse schmeckt großartig und der Sauerrahmdip ist ein Traum. Auch die Linsensuppe kann sich durchaus sehen- oder besser gesagt schmecken lassen. Nachdem jeder und jede einen Nachschlag bekommen hat, fordert Stefan von Merle die Nackenmassage ein, die sie ihm dafür versprochen hat, dass er diese Woche ihren Küchendienst übernimmt. Gespielt entrüstet versucht diese, sich vor ihrer Aufgabe zu „drücken“, indem sie darauf hinweist, dass die Woche noch nicht vorbei wäre und verweist auch auf ihren Zeigefinger, auf dem sie gerade ein Pflaster trägt, weil sie sich Gestern geschnitten hat. Nachdem Stefan sie daran erinnert hat, dass sie ihm eigentlich auch noch eine Massage vom letzten Monat schuldet und Sven sie darauf aufmerksam macht, dass sie ihm auch noch eine schulde, gibt sie sich geschlagen und nimmt auf der Fensterbank hinter Stefan Platz, um ihm die Schultern zu massieren.

Kapitel 5 (Miri)

Das Kochen war ein voller Erfolg. Wie beabsichtigt, sind meine Mitbewohnerinnen, Mitbewohner und auch Tino von meinen Kochkünsten sehr angetan. Neugierig beobachte ich, wie die Jungs und Mädels miteinander umgehen. Stefan und Merle necken sich bspw. die ganze Zeit freundschaftlich. Wenn ich nicht wüsste, dass Merle einen Freund hat, wäre ich jetzt wahrscheinlich davon überzeugt, dass die beiden zusammen wären, vor allem nachdem er sie dazu überredet hat, ihn zu massieren. Allerdings scheint sie auch Sven eine Massage zu schulden, der ein wenig enttäuscht zu sein scheint, dass er jetzt leer ausgeht. Tino strahlt jetzt eine unglaubliche Präsenz aus, obwohl er sehr ruhig und zurückhaltend ist. Aber immer, wenn er etwas sagt, hören ihm alle aufmerksam zu. Außerdem hat er einen äußerst trockenen Humor und schafft es mit wenigen Worten, die ganze Truppe zum Lachen zu bringen. Nachdem Merle begonnen hat, Stefan zu massieren, fragt Sven in die Runde, ob jemand Lust hätte, ihn zu massieren. Nachdem erst einmal niemand reagiert, melde ich mich freiwillig. Erstens kann ich mich so gut in die Gruppe integrieren und zweitens kann ich mich so für seine Mithilfe beim Transport meines Sekretärs revanchieren. Um die Bank nicht schmutzig zu machen, ziehe ich meine Sandalen aus und klettere über die Sitzbank und setze mich neben Merle auf die Fensterbank, die wie dafür gemacht ist, auf ihr Platz zu nehmen und die Person vor einem zu massieren. Von Manus Schwester habe ich ein paar Massagegriffe gelernt, die ich jetzt versuche, bei Sven anzuwenden. Allerdings ist er so kräftig und muskulös, dass ich ordentlich zupacken muss. Zu meiner freudigen Überraschung ist er von meinen Massagekünsten aber dennoch hellauf begeistert, was mich stolz macht. Vielleicht von meinem Beispiel inspiriert, bietet sich Lisa an, Tino zu massieren, obwohl dieser ohnehin tiefenentspannt wirkt.

Während wir Mädels die Jungs durchkneten, werde ich von der WG gründlich ausgefragt und so erzähle ich von meinem spießigen Elternhaus, meiner langweiligen Kindheit und Jugend, aber auch von der aufregenden Zeit mit Manu, meiner Rebellion in der Oberstufe, meinen Streichen und den damit verbundenen Besuchen im Trainingsraum, von den Tagen, die ich gemeinsam mit Manu geschwänzt habe, sowie dem daraus folgenden Nachsitzen und wochenlangem Hausarrest, der mich nicht davon abgehalten hat, mich heimlich mit Manu zu treffen. Natürlich möchten die anderen auch wissen, ob wir noch zusammen sind, oder wie wir uns getrennt haben, was für mich ein schwieriges Thema ist, weshalb ich um eine klare Antwort herumrede. Andersherum erfahre ich allerhand Interessantes über die WG und über Tino. Unsere „Chefchaotin“ Merle stammt aus einem kleinen Dorf im Niemandsland. Sie hat starkes ADHS, darf aber dagegen keine Medikamente nehmen. Wenn irgendwo in der WG ein Paar Socken herumliegt, oder, was sogar noch häufiger vorkommt, eine einzelne, kann man davon ausgehen, dass diese Merle gehört. Ordnung zu halten und sich zu organisieren, fällt ihr extrem schwer. Ihr Lebensmotto lautet „always late but worth the wait“. Sie musste in der Schule sogar ein Jahr wiederholen, weil sie zu oft verschlafen hatte oder zu spät gekommen ist. Andererseits ist sie eine große Abenteurerin, und klettert liebend gerne in den Bergen herum, übernachtet im Wald, oder geht im Winter Ski fahren. Sie besitzt als einzige in der WG ein eigenes Auto, bei dem man allerdings immer damit rechnen muss, dass es jeden Moment auseinanderfällt. Sie studiert seit über fünf Jahren Kulturwissenschaft und müsste eigentlich nur noch zwei Seminare abschließen und ihre Bachelorarbeit schreiben, was sie aber nicht auf die Reihe bekommt. Nebenbei arbeitet sie zwanzig Stunden pro Woche in einem Schuhgeschäft und ist ehrenamtlich in der Behindertenbetreuung tätig. Hausarbeiten mag sie weniger und tauscht ihre Aufgaben gerne gegen Nackenmassagen, worauf besonders die Jungs gerne zurückkommen. Der Wechselkurs lautet eine halbe Stunde Massage für eine Woche Putzdienst. Ich denke mir, dass das auch eine faire Entschädigung für Svens Hilfe beim Tragen meines Sekretärs ist, sodass ich jetzt nicht mehr das Gefühl habe, ihm etwas zu schulden.

Lisa ist in gewisser Weise das genaue Gegenteil von Merle. Sie ist sehr ordentlich und liebt es, Veranstaltungen zu organisieren. Sie schreibt unter Anderem den Putzplan und führt sogar eine Liste, wem Merle noch wie viele Massagen schuldet (nach der laufenden schuldet sie Stefan und Lisa noch jeweils eine und Sven zwei Massagen). Lisa studiert die seltsame Kombination aus Pädagogik und BWL. Ihre Eltern leiten in ihrer Heimat einen Verein, der mehrere Kindergärten betreibt und Lisa soll später zunächst einen der Kindergärten leiten und irgendwann von ihren Eltern die Geschäftsführung des Vereins übernehmen. Entgegen dem Vorurteil, das ich gegenüber BWL-Studierenden habe, ist Lisa eine sehr warme und herzliche Person, die sich gerne um Andere kümmert und der es wichtig ist, dass es allen gut geht.

Stefan ist der Sunnyboy der WG. Er studiert Pädagogik und Anglistik, allerdings sind ihm Partys und hübsche Mädels wichtiger als ein schneller Studienerfolg. Er liebt das gute Leben, verbringt die Tage gerne am See und die Nächte im Irish Pub oder in der beliebten Cocktailbar neben der Uni. Nebenbei jobbt er als Kellner in einem Club und ist dementsprechend meistens erst ab 12:00 oder 13:00 Uhr ansprechbar. Ich muss zugeben, dass er wirklich extrem gut aussieht und eine sehr charmante Art hat, bei der es mich nicht wundert, dass ihm die Mädels zu Füßen liegen. Stefan ist aber auch sehr freundlich und hilfsbereit, auch wenn ihn Lisa gelegentlich an seinen Putzdienst erinnern muss.

Sven studiert auch Psychologie. Er ist ein echter Riese und hat einen enormen Körperumfang, der allerdings auch zu einem großen Teil aus Muskeln besteht. Er fällt in jeder Gruppe auf, da er meistens noch einen Kopf größer ist als die anderen Jungs. Auch er ist sehr freundlich und, wie ich ja schon bemerkt habe, sehr hilfsbereit. Svens Eltern hatten früher einen Bauernhof, den sie aber aufgegeben haben, als er noch ein Kind war. Vor dem Studium hat er in einem Restaurant Koch gelernt, was natürlich in der WG und in seinem Freundeskreis auf große Begeisterung stößt. Ich bin auch ein wenig stolz, dass ein richtiger Koch von meinem Ofengemüse so begeistert ist. Wenn Sven nicht ohnehin schon diesen auffälligen Körperbau hätte, würde man ihn noch daran erkennen, dass er im Sommer fast immer barfuß unterwegs ist und selbst im Winter meistens kurze Hosen trägt.

Sein bester Freund Tino hält von Schuhen und Socken offenbar genauso wenig wie er. Allerdings ist Tino zwei Köpfe kleiner und sehr dünn. Obwohl man nicht sagen kann, dass er übermäßig hübsch wäre, hat er sehr interessante Gesichtszüge und durch seine selbstbewusste Gelassenheit eine beeindruckende Ausstrahlung. Offensichtlich sind auch seine Reflektiertheit und seine besondere Menschenkenntnis. Ich finde es spannend, dass er mit 18 den Kontakt zu seiner streng religiösen Familie abgebrochen hat, die in einer Freikirche aktiv ist und sehr konservative Werte vertritt. Genau genommen wurde Tino aus seiner Familie verstoßen. Er musste zusagen, von sich aus nie wieder Kontakt zu der Familie aufzunehmen und auf sein künftiges Erbe vollständig zu verzichten. Dafür wurde ihm das Haus seines Opas überschrieben, das er verkauft und sich von einem Teil des Geldes viele Reisen finanziert hat. Als Anhalter ist er quer durch Europa gereist, später mit dem Bus durch Südamerika und zu Fuß für ein paar Wochen durch Indien. Jahrelang hat er sich mit Religion und Philosophie beschäftigt und ist letztlich hier in unserer Stadt gelandet, wo er Philosophie studiert. Er interessiert sich besonders für die alten griechischen Philosophen und die Stoiker. Wir verabreden uns auch gleich für Morgen, damit er mir die Uni zeigen kann, worauf ich mich schon sehr freue.

Ich bitte Sven darum, seinen Arm auf den Rücken zu legen, ungefähr so, wie das Polizisten bei einem Verbrecher machen, den sie festnehmen. Mit der einen Hand greife ich sein Schultergelenk und mit den Fingern der anderen Hand fahre ich unter sein Schulterblatt. Das ist eine spezielle Massagetechnik von Manus Schwester Luisa, die sie mir vor einem Jahr beigebracht hat. Wieder bin ich ein bisschen stolz auf mich, da ich es geschafft habe, mich erfolgreich durch seine Muskelberge hindurchzuarbeiten. Seine Schultern sind jetzt schon viel lockerer als vorhin. Die gleiche Technik wende ich noch auf der anderen Seite an und streiche zum Abschluss seinen Nacken aus. Sven verkündet, dass ich magische Hände hätte und Stefan bettelt mich an, ihm auch noch eine Kostprobe meiner Massagekünste zu geben, worauf ich mich am Ende sogar einlasse, obwohl meine Finger mittlerweile schmerzen.

Nachdem die Jungs gründlich massiert wurden, verabschiedet sich Tino, da er immer früh schlafen geht und Stefan zieht sich in sein Zimmer zurück, da er sich vor seiner Schicht noch einmal hinlegen möchte. Sven bleibt noch etwa eine halbe Stunde bei uns, bis er sich auch schlafen legt. Nun haben wir Mädels das Wohnzimmer für uns und Lisa holt eine Flasche Sekt aus ihrem Zimmer, von der sie nicht wollte, dass die Jungs, also Sven und Stefan sie uns wegtrinken. Bis drei Uhr sitzen wir zusammen, lachen und erzählen uns lustige und peinliche Geschichten. Bevor wir schlafen gehen, kümmern Lisa und ich uns um den Abwasch und bringen die Küche und das Wohnzimmer wieder zum Glänzen. Erschöpft lasse ich mich in mein Bett fallen und schlafe sofort ein.

Kapitel 6 (Tino)

Obwohl ich nichts getrunken habe, entscheide ich mich dafür, das Fahrrad auf dem Heimweg zu schieben und den Tag mit einem achtsamen Abendspaziergang zu beenden. So bin ich eine gute halbe Stunde unterwegs, in der ich den warmen Asphaltboden unter meinen Füßen spüre, während die Luft schon abgekühlt ist und am Himmel bereits die ersten Sterne auftauchen. Ein weiteres Erlebnis, das den meisten Menschen ihr Leben lang versagt bleibt, da sie nie auf die Idee kommen würden, an einem schönen, lauen Sommerabend mit bloßen Füßen durch die Straßen zu gehen. Viele Menschen spüren ihr Leben lang kaum einen anderen Untergrund unter den Füßen als den Teppich in ihrem Schlafzimmer und den Boden ihrer Dusche. Während ich gehe, verarbeite ich die Eindrücke des Tages. Der gelungene Abschluss meiner Seminararbeit, das Nacktbaden, die verunsicherten Mädels, die mir hinterhergerufen haben (bei der Erinnerung muss ich grinsen) und natürlich das Zusammensitzen in der WG mit Miri, der neuen Mitbewohnerin. Ich fühle, dass zwischen uns eine tiefe Verbindung entstehen kann. Sie ist ein großes Energiebündel, das offensichtlich einen Ruhepol im Leben benötigt und ich freue mich, wenn ich diese Rolle einnehmen darf, auch wenn es wahrscheinlich etwas dauern wird, bis sie sich selbst darüber klar wird, was sie eigentlich möchte. Sie war sehr neugierig auf alles, was das Philosophiestudium betrifft und hat mir gespannt zugehört, als ich ihr Empfehlungen zu den ersten Veranstaltungen gegeben habe. Wir haben uns für Morgen verabredet, damit ich ihr die Uni zeigen kann.

Zuhause führt mich mein Weg als erstes unter die Dusche, wo ich meine Füße gründlich wasche. Trotz des Duschpeelings bleibt meistens noch eine leichte dunkle Färbung an den Fußsohlen, die mich aber nicht weiter stört. Vor dem Schlafengehen creme ich mir die Füße noch mit meiner Pflegecreme ein, sodass sie nicht rissig werden. Im Laufe der letzten Jahre habe ich bemerkt, dass ich nicht gut einschlafen kann, wenn ich den Tag über Schuhe getragen habe. Was mir dann fehlt, nennen manche Erdung, für mich sind es die körperlichen Eindrücke. Was ich sehe, höre und rieche, nehme ich vor allem im Kopf wahr, aber am Ertasten ist der ganze Körper beteiligt und der möchte genauso stimuliert werden wie das Gehirn. Heute kann ich jedenfalls zufrieden einschlafen und wache tatsächlich erst um neun Uhr auf, was bei mir selten vorkommt und ein Zeichen dafür ist, dass ich tief geschlafen und dabei viel verarbeitet habe.

Ich habe mir angewöhnt, vor dem Frühstück spazieren oder baden zu gehen. Da ich schon um elf Uhr mit Miri an der Uni verabredet bin, ziehe ich heute einen Spaziergang am Kanal in Betracht und entscheide mich dann dafür, mein Frühstück einfach mitzunehmen und später auf der Wiese vor der Uni zu picknicken. Ich koche mir einen Tee für die Thermosflasche und packe etwas Brot, Humus, Tomaten und Gurken ein, dann mache ich mich auf den Weg. Heute sind ein paar Wolken am Himmel zu sehen, im Ganzen ist es aber weiterhin angenehm warm und sonnig, während sich der Boden unter meinen Füßen noch frisch und kühl anfühlt. So kann ich sogar die geteerte Brücke über den Kanal, die nachmittags glühend heiß wird, problemlos mit meinen bloßen Füßen überqueren.  Nach meinem Spaziergang mache ich es mir auf der Wiese hinter dem Westgebäude der Uni, auf der in ein paar Wochen das neue Semester mit einer Grillparty eröffnet werden wird, bequem und genieße mein Frühstück. In den Semesterferien herrscht um diese Zeit an der Uni nur sehr wenig Betrieb und so bleibe ich während des Frühstücks ungestört. Anschließend setze ich mich mit meinem Tee vor den Haupteingang, wo ich mit Miri verabredet bin, und lese nebenbei weiter in den „Geschichten aus Tel Ilan“.

Kapitel 7 (Miri)

Beim Aufwachen spüre ich noch die Nachwirkungen von Gestern Abend. Am Ende war der Sekt wohl doch etwas zu viel. So schlurfe ich in die Küche, die Lisa und ich Gestern noch auf Vorderfrau gebracht haben und mache mir einen Kaffee, mit dem ich mich an meinen Schreibtisch unter dem Fenster setze und mich von der Morgensonne anscheinen lasse. Von hier habe ich eine wunderschöne Aussicht auf den See und ich beschließe, den Tag mit einem Bad in selbigem zu beginnen. Ich ziehe mir meinen Bikini an und mein Lieblingskleid darüber, schlüpfe in meine Sandalen und spaziere verkatert zu der inoffiziellen Badestelle in der Nähe unseres Hauses. Das kühle Wasser wirkt äußerst erfrischend und als ich herauskomme, um mich in der Sonne trocknen zu lassen, fühle ich mich wieder fast normal. Allerdings fällt mir jetzt ein, dass ich um elf Uhr mit Tino an der Uni verabredet bin. Da mir keine Zeit mehr bleibt, mich wieder umzuziehen, ziehe ich mir wieder das Kleid über und mache mich auf den Weg. Vor dem Haupteingang sitzt Tino mit seinem weißen Leinenhemd, der Leinenhose und natürlich barfuß. Offenbar ist er in sein Buch vertieft, doch als er mich sieht, kommt er mir entgegen und wir begrüßen uns mit einer Umarmung. Er erzählt mir von dem schönen Spaziergang, den er Gestern Abend noch hatte und von seinem Frühstückspicknick auf der Wiese nebenan. Zunächst zeigt er mir das Gelände. Der Campus hat mehrere Gebäude, wobei sich die meisten Hörsäle im Hauptgebäude befinden. Dort gibt es auch die Cafeteria, die Bibliothek, die Information, an der sich immer ein Portier befindet, sowie einzelne Seminarräume. Über einen Gang kommt man in das Westgebäude, neben dem sich auch die Wiese befindet, auf der Tino gefrühstückt hat. Hier gibt es zwei weitere Hörsäle, mehrere Seminarräume und die Büros von einigen Lehrbeauftragten. In diesem Gebäude sind in erster Linie die Institute für Informatik und BWL angesiedelt. Wir verlassen das Gebäude auf der Nordseite und gehen um das Hauptgebäude herum zum Osttrakt, in welchem sich die Institute für Sprachwissenschaften, Pädagogik und Psychologie befinden. Das Philosophieinstitut teilt sich ein kleineres Vorgebäude mit dem Institut für Geschichte und dem für Sozialwissenschaften. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Philosophie gelten als besonders freundlich und die Lehrenden laden Studierende bei Besprechungen gerne auf einen Kaffee ein. Es gibt noch ein weiteres Gebäude, in dem sich das Servicecenter, sowie die Studierendenvertretungen befinden. Hier kann man sich über alle organisatorischen Fragen des Studiums beraten lassen, die nicht die konkreten Inhalte betreffen. Am interessantesten finde ich aber die Bibliothek, zu der man mit seinem elektronischen Studienausweis 24 Stunden am Tag Zugang hat. Nach der Führung bedanke ich mich und frage Tino, ob ich ihn auf einen Kaffee einladen darf. Er mag zwar keinen Tee, fragt mich aber, ob ich noch etwas vorhätte, was nicht der Fall ist. Also bietet er mir an, dass er mir noch die Innenstadt zeigen kann, die ich ohnehin gerne erkundet hätte. Während wir am Kanal entlang spazieren, frage ich ihn, ob es einen bestimmten Grund gibt, weshalb er praktisch immer und überall barfuß unterwegs ist.

So erzählt er mir von seiner ersten Freundin, Elena, die er auf seinen Reisen kennengelernt hat. Sie ist jahrelang durch Europa (vor allem Südeuropa) gereist, hat auf verschiedenen Bauernhöfen gegen Kost und Logis gearbeitet und irgendwann begonnen, dauerhaft auf jede Art von Fußbekleidung zu verzichten. Sie haben sich in Südfrankreich getroffen und sind gemeinsam zu Fuß und per Anhalter quer durch Spanien bis nach Portugal gereist. In dieser Zeit hat sie ihn davon überzeugt, sich gelegentlich auch einmal die verschwitzten Schuhe und Socken auszuziehen und seinen Füßen ein wenig Freiheit und wohltuenden Kontakt mit der Erde zu gönnen. Auf seine Frage, wie es sich für mich anfühlt, barfuß zu gehen, muss ich erst einmal überlegen. Gut, in der Schule habe ich beim Sportunterricht öfter barfuß mitgemacht, wenn ich meine Sportsachen vergessen hatte, um keine sechs zu bekommen. Das war mir aber eher unangenehm. Da meine Eltern keinen Garten hatten, war ich ansonsten fast nur in der Wohnung barfuß. Nur mit 14 war ich einige Tage mit Jenny auf dem Campingplatz und hatte nur ein Paar Flipflops dabei, das mir am zweiten Tag kaputt gegangen ist. Anschließend war ich drei Tage lang barfuß, aber eben nur auf dem Campingplatz und dort meistens auf Wiesen, gepflasterten Fußwegen und ein paar Mal im Supermarkt, was ich anfangs ziemlich eklig fand. Damals habe ich mich eher darüber geärgert, dass ich abends meine Füße nie richtig sauber bekommen habe, wobei das eigentlich egal war. Wenn ich später an diese Tage zurückgedacht habe, ging es meistens um die Hitze und wenn schon die Kleidung eine Rolle gespielt hat, war das eher die Tatsache, dass wir damals fast die ganze Zeit im Bikini waren. Über die bloßen Füße habe ich mir keine Gedanken mehr gemacht. Die nächste Erinnerung, bei der ich barfuß war, war der Abiball diesen Sommer. Wie bei den meisten Mädels aus meinem Jahrgang, waren auch meine Schuhe nicht gerade zum Tanzen geeignet, weshalb wir sie ausgezogen und einfach barfuß getanzt haben. Ich erinnere mich noch dunkel an die Diskussion mit Luisa, ob wir uns die Schuhe wieder anziehen sollten, wenn wir aufs Klo gehen. Ich fand die Vorstellung, mit nackten Füßen das WC des Vereinshauses aufzusuchen ziemlich eklig, aber am Ende hat Luisa mich praktisch gezwungen, weil ihre Blase schon so gedrückt hatte und meine Schuhe recht umständlich anzuziehen waren. Dann war da noch der eine Abend, als ich letztes Jahr nach einer Party barfuß nach Hause gegangen bin, weil meine Füße in den zu engen Schuhen (übrigens dieselben, die ich auch beim Abiball getragen habe) geschmerzt hatten. Tatsächlich habe ich diesen „Spaziergang“ eigentlich als ganz angenehm in Erinnerung. Allerdings wurde diese kurz darauf davon überschattet, dass meine Eltern sich furchtbar darüber aufgeregt hatten, dass ich unter der Woche so lange draußen war und mir gleich zwei Wochen Hausarrest gegeben haben, obwohl ich schon 17 war. Vielleicht wird es Zeit, neue Erinnerungen mit bloßen Füßen zu sammeln…

Kapitel 8 (Tino)

Während unseres Spaziergangs interessiert sich Miri sehr für das Barfußgehen und die Gründe, aus denen ich das mache. Ich erzähle ihr von meinen Reisen und von Elena, wobei ich mir Mühe gebe, nicht zu sehr von ihr zu schwärmen und lasse erst einmal ein paar Details aus, bspw. dass sie das erste Mädchen war, das ich geküsst habe, oder besser gesagt, sie mich und von unserer romantischen Nacht am Strand… Sie selbst ist bisher offenbar noch nicht viel barfuß unterwegs gewesen, obwohl ich finde, dass es sehr gut zu ihr passen würde und ich frage mich, ob sie es wohl einmal ausprobieren wird. Die Uni ist eigentlich ideal, um sich an das Gehen auf nackten Sohlen zu gewöhnen. Die Böden sind abwechslungsreich und größtenteils auch für Anfängerinnen und Anfänger unproblematisch. Nur bei der geteerten Brücke über den Kanal muss man aufpassen. Dort habe sogar ich als trainierter Barfußläufer mir in meinem ersten Jahr an der Uni eine Brandblase am Fuß geholt. Mir fällt auf, dass Mirii sehr schöne und gepflegte Füße mit geraden Zehen hat, wenn auch etwas größer als meine Eigenen. Aber das ist nichts Besonders. Ich bin klein und habe sogar für meine 1.68 ziemlich kleine Füße. Eines meiner „dunklen Geheimnisse“ ist, dass ich, wenn ich überhaupt Schuhe trage, oft auf Kinder- oder Frauenschuhe in den Größen 38 oder 39 zurückgreifen muss. Gemeinsam gehen wir durch die Altstadt, deren Boden aus Kopfsteinpflaster besteht. Dieses ist einerseits sehr hart, fühlt sich aber gerade im sommerlichen Schatten unter den Füßen erfrischend kühl an. Allerdings werden die Fußsohlen hier auch besonders schnell kohlrabenschwarz, was mir immer etwas unangenehm ist, wenn ich ein Geschäft betrete, obwohl die Menschen mit Schuhen natürlich mindestens genauso viel Schmutz hereintragen. Ich zeige Miri die zwei kleinen Buchhandlungen, das Teegeschäft, meinen Lieblingsbäcker, ein kleines Käsegeschäft und am Ende durchstöbern wir noch den Second Hand Laden und das Antiquariat, von dem Miri besonders begeistert ist. Wir beide teilen unsere Vorliebe für alte Möbel. Scheinbar hat Miri auf dem Flohmarkt bereits einen alten Sekretär ergattert und ich freue mich, dass sie mir diesen heute Abend zeigen möchte, wenn ich zu Svens Geburtstag komme. In einer kleinen Nebengasse gibt es einen Spielplatz mit einem angrenzenden, winzig kleinen Park, der eigentlich aus drei Baumgruppen und ein paar schattigen Bänken besteht. Hier sitze ich gerne an heißen Sommertagen, um zu lesen und Tee zu trinken. Gemeinsam setzen wir uns auf eine der Bänke. Miri stellt mir Fragen zu meinen Reisen und betrachtet, während ich erzähle, nachdenklich meine nackten Füße. Gerne würde ich wissen, was gerade in ihrem Kopf vorgeht. Vielleicht überlegt sie ja, sich auch die Sandalen auszuziehen und mit mir gemeinsam barfuß die Stadt zu erkunden. Natürlich bin ich in meinem Freundeskreis und an der Uni nicht der einzige Barfußfan. Sven ist mindestens genauso oft auf nackten Sohlen unterwegs wie ich und auch Merle verzichtet nur zu gerne auf Fußbekleidung und ist ein bisschen traurig, dass sie im Schuhgeschäft nicht barfuß arbeiten darf, was natürlich irgendwie paradox wirken würde. Ich selbst arbeite ein paar Stunden pro Woche an einem Obst- und Gemüsestand, wo ich problemlos barfuß sein kann, da die Kundinnen und Kunden meine Füße nicht sehen. Alibihalber habe ich ein Paar Latschen dabei, in das ich schlüpfen kann, wenn doch einmal meine Chefin vorbeikommen sollte, was dieses Jahr zum Glück noch nicht vorgekommen ist. Vorsichtig versuche ich in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem Manu auf sich hat, von dem Miri Gestern so viel erzählt hat. Offenbar waren die beiden zusammen und er hatte auf ihr Leben einen ähnlichen Einfluss wie Elena auf meines. Nur hat sie nicht erzählt, ob sie noch zusammen sind. Ich hatte das Gefühl, dass ihr diese Frage unangenehm war und sie versucht hat, auszuweichen. Auch jetzt gibt sie keine klaren Antworten und ich vermute, dass sie auseinandergegangen sind, ohne sich „offiziell“ zu trennen. Sie verrät nur, dass Manu sich verändert habe, nachdem er das Abi abgebrochen und eine Ausbildung als Tischler begonnen hatte. Zuletzt habe er mehr Zeit mit oberflächlichen und groben Freunden verbracht und immer wieder Anzeichen von Minderwertigkeitskomplexen gezeigt. Vor zwei Monaten haben sie sich zuletzt gesehen und seit einigen Wochen ignoriert er all ihre Nachrichten. Während Miri dies erzählt, wirkt sie ein wenig traurig, aber vor allem abwesend und starrt weiterhin auf meine Füße. Ich lege vorsichtig meine Hand auf ihre Schulter und als sie sich entspannt vorlehnt, beginne ich, ihren Rücken zu streicheln.

Kapitel 9 (Miri)

Nachdem Tino mich schon Gestern mit seiner sympathischen Ruhe und Gelassenheit beeindruckt hat, spüre ich bei unserem Spaziergang immer deutlicher, wie sehr ich ihn mag. Er führt mich durch die Uni und durch die Stadt, fragt mich nach meinen Wünschen und Bedürfnissen, sagt aber auch klar, was er selbst möchte und steht zu sich selbst. Zum ersten Mal öffne ich mich einem Menschen so weit, dass ich offen über meine Probleme und die ungelöste Situation mit Manu spreche. Ohne mich unter Druck zu setzen, stellt Tino genau die richtigen Fragen, die mich zum Nachdenken bringen und so werde ich mir mehr und mehr darüber klar, was sich in den letzten Wochen und Monaten verändert hat. Einerseits bemitleide ich Manu dafür, dass er sich gerade so verhärtet und so stark an sich selbst zweifelt. Andererseits ist er auch äußerst grob zu mir gewesen und hat mich mehrfach verletzt. Als wir uns zuletzt gesehen haben, sagte ich ihm, dass ich ihn liebhabe und wollte ihn umarmen. Er hat mich aber zurückgewiesen und meinte nur „Ja, ja“ bevor er ging. Schon bevor die Situation zwischen uns so schwierig wurde, hat er begonnen, immer wieder von einem „hübschen Mädel“ aus der Berufsschulklasse zu erzählen. Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht und erst im Nachhinein hat es mich verletzt, dass er beinahe bei jedem unserer Treffen erwähnt hat, wie gut sie aussieht. Ich denke, dass er sich schon damals innerlich von mir getrennt hat, aber nie den Mut hatte, das auszusprechen, vielleicht sogar wollte, dass ich das übernehme. Während ich erzähle, denke ich darüber nach, wie empathisch und verständnisvoll Tino ist. Ja, auch Manu hat mich damals sehr beeindruckt, mit seinem Wissen über Geschichte und Politik, mit seiner Art, Dinge kritisch zu hinterfragen und natürlich mit seinem alternativen Lebensstil. Aber in Wirklichkeit war er doch ein unerfahrener, blauäugiger Junge, der noch keine Ahnung vom Leben hatte. Genauso wie ich ein naives, verliebtes Mädchen aus einem spießigen und beklemmenden Elternhaus war, das in Manu so etwas wie einen Helden gesehen hat, der sie aus ihrem Gefängnis befreit und ihr eine neue Welt eröffnet hat. Ich schaue auf Tinos Füße und denke daran, wohin ihn diese schon getragen haben. Er ist tatsächlich viel gereist, hat fremde Länder gesehen, musste sich oft unter schwierigen Umständen eine Unterkunft für die Nacht und etwas zu Essen organisieren. Er hat Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt, ihren Geschichten zugehört und von ihnen gelernt. Dabei haben ihn seine meistens nackten Füße von einem Ort zum Nächsten getragen, durch Wälder und Felder, durch Großstädte und über unbefestigte Straßen. Auch heute war er den ganzen Tag über barfuß, während er mir die Uni gezeigt hat und während wir durch die Stadt spaziert sind. Ich überlege, wie sich all das für ihn anfühlt und mit welchen Problemen er schon konfrontiert gewesen ist, bloß weil er keine Schuhe getragen hat. Da seine Füße den ganzen Tag an der frischen Luft waren, sind sie einerseits wahrscheinlich ziemlich schmutzig, andererseits dürften sie nicht ansatzweise so stinken wie die Füße von Manu, der jeden Tag dieselben Chucks und bei der Arbeit Sicherheitsschuhe getragen hat. Ich frage mich auch, wie sich Tinos Fußsohlen anfühlen. Eigentlich stelle ich sie mir sie hart und rau vor, da sie so viel aushalten müssen, andererseits würde das überhaupt nicht zu Tino passen, der überhaupt nichts Hartes und Raues an sich hat. Aber können seine Fußsohlen so weich sein, wie ich sie mir vorstelle? Genau in dem Moment, in dem ich mir vorstelle, seine Füße zu streicheln, legt er seine Hand auf meinen Rücken und beobachtet, wie ich reagiere. Ja, ich wünsche mir diese Berührung und gebe mich ihr hin. Während er meinen Rücken krault, beruhigt sich mein Geist und meine Gedanken werden klar und ich bemerke, dass ich mich verliebt habe.

Nachdem Tino im Park eine ganze Zeit lang meinen Rücken gestreichelt hat, gehen wir in sein Lieblingscafé, wo ich ihn auf einen Tee einladen möchte. Es ist ein sehr gemütlicher Ort mit alten, aber noch äußerst bequemen Sesseln und einer antiken Ledercouch. Auch die restliche Einrichtung scheint teilweise aus den 50er Jahren zu stammen und es gibt sogar einen Kamin, der allerdings nicht mehr genutzt wird, vermutlich aus Brandschutzgründen. Dabei stelle ich es mir sehr gemütlich vor, im Winter hier in diesem Café vor einem prasselnden Feuer zu sitzen und eine heiße Schokolade zu genießen. Die freundliche Kellnerin ist auch eine Philosophiestudentin und Tino war letztes Semester ihr Tutor und so gehen unsere Getränke sogar aufs Haus.

Langsam begeben wir uns auf den Weg in meine WG. Während wir am Kanal entlanggehen, überlege ich mir, ob ich nicht auch meine Sandalen ausziehen und wie Tino barfuß gehen sollte. Aber noch traue ich mich nicht. So spazieren wir nebeneinanderher, ich mit und Tino ohne Fußbekleidung. In der WG herrscht bereits Hochbetrieb. Die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner haben all ihre Sessel, Stühle und sogar zwei weitere Sofas ins Wohnzimmer gestellt, damit es genügend Sitzplätze gibt. Tino und ich nehmen auf der kleinen Couch aus Lisas Zimmer Platz und ich organisiere uns etwas zu Essen und zu trinken. Von meinem Ofengemüse wurden bereits erste Portionen aufgewärmt und ich schnappe mir gleich zwei Teller. Außerdem bringe ich für mich ein Bier und für Tino ein Glas von Lisas „Hauslimonade“ mit. Nach und nach treffen weitere Gäste ein, aber meine ganze Aufmerksamkeit gilt Tino. Als wir wieder auf das Thema Barfußlaufen kommen, frage ich ihn, ob ich einmal seine Füße anfassen dürfte, da es mich interessiert, wie sie sich anfühlen. Lachend lehnt Tino sich zurück und legt seine Füße auf meinem Schoß ab. Ich ziehe meine Sandalen aus, setze mich im Schneidersitz auf die Couch und lehne mich mit dem Rücken an die Armlehne. Neugierig betrachte ich Tinos Füße, die noch ein Stück kleiner sind als meine eigenen. Seine Sohlen sind zwar etwas gefärbt, aber bei weitem nicht so schmutzig, wie ich es nach einem ganzen Tag Barfußlaufen erwartet hätte. Vorsichtig streichle ich mit meinen Fingerspitzen über seine Sohlen. Tatsächlich sind diese kein bisschen rau, aber an manchen Stellen fühlt sich die Haut deutlich dicker und fester an, vor allem an den Ballen und Fersen. Mit beiden Händen greife ich seinen rechten Fuß und beginne, ihn zärtlich zu streicheln. Tino schließt die Augen und lehnt sich entspannt zurück. Offenbar genießt er meine Berührung. Mit den Daumen wandere ich kreisend von der Ferse zu den Ballen und wieder zurück. Anschließend lege ich beide Daumen parallel auf die Mitte der Fußsohle, übe etwas Druck aus und streiche von innen nach außen. Sein entspanntes Seufzen verrät mir, dass ich gerne weitermachen darf und so beginne ich, Tinos Füße zu massieren. Während der Massage stelle ich mir vor, wie seine Füße ihn heute bereits durch die ganze Stadt getragen haben und schon früher an all die Orte, an denen er den Boden unter den nackten Fußsohlen spüren durfte, aber auch an all die Hindernisse und Gefahren, die er bereits barfuß überwunden hat. Mittlerweile bekomme ich kaum noch mit, was um uns herum passiert und bin ganz und gar auf Tino und seine Füße fixiert. Gerade gibt es für mich nichts Wichtigeres, als Tino glücklich zu machen. Während ich seine Füße knete, beginnen diese, ganz leicht zu schwitzen, was ich keineswegs eklig, sondern sogar hilfreich finde, da meine Hände so besser über seine Haut gleiten können. Plötzlich werde ich an der Schulter berührt. Stefan grinst mich an und fragt mich, ob meine Hände mittlerweile nach Käse riechen. Zuerst bin ich von dieser Frechheit genervt, aber schon kommt meine eigene freche Seite hervor. Also beuge ich mich vor und rieche an Tinos Füßen, wobei ich aber nur einen ganz leichten Geruch von Gras und Erde feststellen kann. „Jepp“ antworte ich, „aber ich liebe Mozzarella“ und tue so, als würde ich in Tinos Zeh beißen. „Bei dir tippe ich mal auf Cheddar oder Höhlenkäse“. Dabei setze ich ein möglichst freches Grinsen auf. Plötzlich habe ich Stefans nackten Fuß vor der Nase. Entsetzt drehe ich meinen Kopf zur Seite. Überzeugt, dass ich mit meiner Vermutung richtig liege, rieche ich dann doch an Stefans Fuß, kann dabei allerdings überhaupt keinen Geruch feststellen. Natürlich tue ich so, als hätte ich gerade an einem Glas saurer Milch gerochen und mache Geräusche, als würde ich mich übergeben, was für allgemeines Gelächter, besonders von Stefan selbst, sorgt. Anschließend setze ich Tinos Fußmassage fort und widme mich jetzt seinem anderen Fuß und blende das Geschehen in der WG wieder aus. Dabei bemerke ich, dass Tino am linken Fuß eine winzig kleine Narbe hat, während der zweite Zeh an seinem rechten Fuß etwas krumm ist. Ich denke mir, dass jeder Mensch ganz einzigartige Füße hat und es keinen Fuß zweimal auf der Welt gibt. Vorsichtig fahre ich mit meinen Fingern zwischen seine Zehen, wo die Haut besonders weich und empfindlich ist. Ich nehme jeden Zeh einzeln in die Hand und drehe ihn ganz vorsichtig nach links und rechts. Schließlich beende ich die Massage, indem ich beide Füße gleichzeitig mit meinen Handflächen und Handrücken ausstreiche. Kurz zögere ich und überlege, ob ich das, was mir durch den Kopf geht, wirklich machen soll. Mir ist klar, dass spätestens danach jeder und jedem im Raum klar sein sollte, dass ich mich in Tino verliebt habe und dass wir dabei sind, uns näherzukommen. Obwohl ich merke, dass ich rot werde, beuge ich mich vor und drücke Tino ein zärtliches Küsschen auf beide Fußballen.

Kapitel 10 (Tino)

Offenbar lag ich mit meinem Gefühl bei Miri richtig und am Ende ging es doch schneller als ich es erwartet hätte. Im Park hat sie es bereits genossen, sich von mir den Rücken streicheln zu lassen, aber in der WG wollte sie sogar meine Füße berühren, weil sie neugierig war, wie sich diese anfühlen. Aus dieser kurzen Berührung wurde am Ende eine einstündige Fußmassage. Jetzt habe ich also endlich den Vergleich, von dem Elena damals gesprochen hat, als sie mir das Barfußgehen nähergebracht hat. Tatsächlich ist das Gefühl bei einer Fußmassage dem beim Barfußgehen in mancher Hinsicht sehr ähnlich. Allerdings gibt es auch große Unterschiede: Beim Barfußgehen berühren in der Regel immer dieselben Bereiche der Fußsohlen den Boden, meistens Ballen, Fersen und Zehen. Aufgrund der Fußwölbung bleibt die Mitte der Fußsohle meistens in der Luft, oder streift den Boden, wenn dieser uneben ist und liegt nur selten ganz auf. Auch der Fußrücken und die Zehenzwischenräume bekommen keine Sinneseindrücke zum Verarbeiten. Die Intensität wechselt beim Barfußgehen ständig, während sie bei einer Fußmassage meistens relativ gleichbleibt. Natürlich sind die Hände der Person, von der man massiert wird, verhältnismäßig glatt und weich, wobei ich zugeben muss, dass Miri zwischendurch ordentlich zugepackt und die Daumen kräftig in meine Fußsohle gedrückt hat. Der größte Unterschied liegt aber natürlich darin, dass man bei einer Massage von einem anderen Menschen berührt wird und Miris Berührungen waren unvergleichlich und wunderbar. Wenn man mich jetzt fragen würde, ob eine Fußmassage oder Barfußgehen angenehmer ist, könnte ich mich kaum entscheiden. Das Barfußgehen verbinde ich selbst auch sehr mit Freiheit und der Verbindung zur Natur, während Miris Fußmassage natürlich eine sehr schöne zwischenmenschliche Berührung war. Nach der Massage haben Miri und ich noch eine Zeit lang gekuschelt, bis ich dann mit einem warmen Gefühl ums Herz und auf äußerst entspannten Füßen nach Hause gegangen bin. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass sich der Boden auf dem Heimweg ganz anders angefühlt hat als sonst. Ausnahmsweise bin ich auch mit nicht gewaschenen Füßen schlafen gegangen, da ich Miris Berührung nicht „wegwischen“ wollte. Bevor ich gegangen bin, haben wir noch unsere Nummern ausgetauscht und heute Morgen hatte ich eine ungelesene Nachricht von ihr auf dem Handy, die nur aus einem rosafarbenen Herzen bestand. Die schönste Nachricht, die ich seit Langem bekommen habe. Allerdings wurde diese Nachricht um drei Uhr nachts verschickt, als ich schon längst geschlafen habe. Miri war also noch länger wach und hat mit den anderen gefeiert. Das heißt, dass sie wohl noch länger schlafen wird. Dennoch schicke ich ihr ein Herz zurück und zu meiner Verwunderung sehe ich, dass sie die Nachricht sofort gelesen hat und gleich beginnt, eine Antwort zu tippen. Offenbar braucht die Gute selbst nach einer langen Nacht nicht viel Schlaf. Immerhin ist es erst acht Uhr. Wir verabreden uns für heute Nachmittag bei mir, damit sie auch einmal sieht, wo und wie ich wohne. Miri verspricht, etwas Gebäck und Kuchen mitzubringen und ich überlege mir, ihr später noch den Baggersee zu zeigen. Ich hätte sogar noch ein zweites Fahrrad da, sodass wir gemeinsam fahren könnten. Vorher unternehme ich aber noch meinen morgendlichen Spaziergang, der mich heute in den nahegelegenen Wald führt, was auch für meine Füße eine schöne Abwechselung bedeutet. Auf dem Weg in dem Wald setze ich mich für ein paar Minuten auf eine Bank am Kanal und betrachte das Wasser. Eine ältere Dame setzt sich neben mich und wir unterhalten uns. Als ihr Blick auf meine Füße fällt, fragt sie mich, ob ich keine Schuhe dabeihätte. Sie erzählt, dass sie früher gerne barfuß gegangen sei und findet es schön, dass es noch junge Menschen gibt, die das Leben so genießen. Bevor sie ihren Spaziergang fortsetzt, schenkt sie mir einen Apfel. Heute geht zur Abwechselung ein leichter Wind und ich bin froh, meine leichte Strickweste dabeizuhaben. Im Wald gehe ich einen meiner üblichen Wege. Ein paar Mal verfängt sich eine Buchecker mit ihren Stacheln in meiner Fußsohle, was unangenehm ist, aber nicht besonders wehtut, da ich diese immer frühzeitig bemerke und entfernen kann, bevor ich auftrete. Ein weiteres Hindernis stellen die mit teils sehr spitzen Steinen geschotterten Wege da, aber dank meines geschulten Blicks erkenne ich die Stellen, wo ich problemlos hintreten kann. An einer Lichtung mit einem wunderschönen Blick über die Stadt setze ich mich auf einen Baumstumpf und packe meine Thermoskanne aus. Während ich meinen Tee genieße, denke ich sowohl an Miri wie auch an Elena und stelle fest, dass in meinem Leben gerade ein neues Kapitel beginnt.

Kapitel 11 (Miri)

Diese Nacht konnte ich nur wenig und sehr schlecht schlafen. Einerseits lag dies an dem Alkohol, den ich Gestern getrunken habe, andererseits musste ich ununterbrochen an Tino denken. Bis zwei Uhr haben wir Svens Geburtstag gefeiert und anschließend habe ich Lisa, Sven und Stefan beim Aufräumen geholfen. Allerdings war ich mit meinen Gedanken überhaupt nicht bei der Sache. Niemand hat mich auf Tino angesprochen, aber über meine Gefühle für ihn weiß nun die ganze WG Bescheid, spätestens nachdem ich seine Füße geküsst habe und wir anschließend Arm in Arm auf der Couch lagen. Diesmal fühlt sich das Verliebtsein anders an als früher. In der Schule war ich zweimal in einen Jungen verliebt, was ich damals aber noch gar nicht verstanden habe. Ich bin in ihrer Gegenwart nur rot geworden und hatte ein Gefühl, mit dem ich damals noch nichts anfangen konnte. Bei Manu war es anders. Es war mehr eine Begeisterung und Bewunderung. Ich wollte alles von ihm wissen und vor allem seine Aufmerksamkeit. Die habe ich bekommen, indem ich frech zu ihm war und ihn bei jeder Gelegenheit aufgezogen habe. Zu meinem Glück hat er erkannt, was eigentlich in mir vorging und mich einfach an einem Freitagabend in eine Bar eingeladen. Aber das Gefühl bei Tino ist ein ganz Anderes. Auch für ihn empfinde ich Bewunderung, aber nicht nur für seine charismatische Art, oder sein Aussehen, sondern für seine innere Ruhe, sein Wissen und das Gefühl von Geborgenheit, das er mir gibt, obwohl wir uns erst seit wenigen Tagen kennen.

Durch die geschlossene Tür kann ich hören, dass die anderen Mädels bereits auf sind und im Wohnzimmer frühstücken. Noch zögere ich, mein Zimmer zu verlassen. Der gestrige Abend ist mir auch ein wenig peinlich. Ich hoffe, meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner denken jetzt nicht, dass ich mich jeden zweiten Abend an irgendeinen Typen heranschmeiße. Andererseits haben sie sich Gestern beim Aufräumen ganz normal verhalten und ewig kann ich mich auch nicht in meinem Zimmer verstecken. Also nehme ich meinen Mut zusammen und betrete den Gemeinschaftsraum.

Tatsächlich sitzen Lisa und Merle am Wohnzimmertisch und frühstücken. Als ich aus meinem Zimmer komme, begrüßen sie mich freundlich und bieten mir an, mir einen Kaffee zu nehmen und mich zu ihnen zu setzen, worauf ich gerne eingehe. Die arme Merle ist ziemlich fertig, da sie zu wenig Schlaf hatte, aber gleich zur Arbeit muss. Lisa ist es gewohnt, mit wenig Schlaf auszukommen und möchte heute mit einer Freundin wandern gehen. Bei der Frage, was ich heute vorhabe, werde ich rot, da ich am Nachmittag mit Tino verabredet bin. Dankenswerterweise wechseln die beide verständnisvoll lächelnd das Thema.

Nach dem Frühstück gehe ich wieder zum See, um mich abzukühlen und für den Tag aufzufrischen und lege mich anschließend wieder für eine ganze Stunde in die Sonne. Ich beschließe, auf das Mittagessen zu verzichten und mir auf dem Weg zu Tino eine Kleinigkeit zu besorgen. Bevor ich aufbreche, denke ich kurz darüber nach, die Sandalen nicht wieder anzuziehen und in meine Tasche zu stecken. Gerne würde ich selbst einmal die Erfahrung machen, eine längere Strecke barfuß zu gehen, aber wieder fehlt mir der Mut und so ziehe ich sie mir nach ein paar Schritten auf bloßen Sohlen doch wieder an.

Zum Glück hat Tino mir Gestern bei meiner Stadtführung auch seine Lieblingsbäckerei gezeigt. Dort besorge ich ein paar Stück Kuchen für das Zusammensitzen mit Tino und ein belegtes Brötchen für mich als Ersatz für das Mittagessen. Da ich noch etwas Zeit habe, sehe ich mich noch in einem der Büchergeschäfte um, die Tino mir gezeigt hat. Dort finde ich eine antiquarische Einführung in die Philosophie, die ich mir sofort kaufe. Ich setze mich auf die Bank, auf der Tino Gestern meinen Rücken gestreichelt hat und lese, bis es an der Zeit ist, mich auf den Weg zu machen.

Obwohl Tino durch die Auszahlung seiner Familie ein eigenes Haus besitzt, wohnt er nicht in diesem, sondern vermietet es und wohnt selbst in einem WG-Zimmer am gegenüberliegenden Stadtrand. Die WG befindet sich ebenfalls in einem Altbau, aber im Gegensatz zu meiner WG nicht in einem großen Wohnhaus, sondern in einem ehemaligen Mehrfamilienhaus, das vor einigen Jahren WG-freundlich umgebaut wurde, wahrscheinlich weil sich mit der Vermietung von einzelnen WG-Zimmern mehr Geld einnehmen lässt als mit der Vermietung ganzer Wohnungen. Auch Tino hat eine Vorliebe für antike Möbel. In einer Ecke seines Zimmers steht ein schöner, handgefertigter Schreibtisch, sein Bett hat geschnitzte Verzierungen und auch die beiden rustikalen Stühle wirken sehr altmodisch. Die Antike Couch, vermutlich aus den 50ern, entpuppt sich als deutlich bequemer, als ihr Aussehen vermuten ließe. Tino setzt mir einen Kaffee und sich selbst einen Tee auf. Da ich vorerst nicht auf Gestern Abend zu sprechen kommen möchte, zeige ich Tino das Buch, das ich gerade in einer „seiner“ Buchhandlungen erstanden habe. Er sieht es sich an und so reden wir über Philosophie und das Studium. Er zeigt mir auch seine Seminararbeit, die er gerade abgeschlossen hat. Er hat einen Altgriechisch Kurs belegt und als Thema für seine Arbeit den Begriff “ Ἀλήθεια“, also Alḗtheia gewählt. Tino erklärt mir, dass er in seiner Arbeit sowohl auf den mythologischen Ursprung als Göttin der Wahrheit als auch die Verwendung bei Platon eingegangen ist.

Später schlägt Tino vor, dass wir gemeinsam zu einem abgelegenen Baggersee fahren könnten, wo man in Ruhe baden kann. Da ich heute schon ausgiebig gebadet habe, schlage ich stattdessen einen Spaziergang vor, womit Tino natürlich auch einverstanden ist. Meine Sandalen habe ich beim Betreten seines Zimmers ausgezogen und überlege nun, ob ich jetzt den Mut aufbringen und sie hierlassen kann, oder ob ich sie doch zumindest mitnehmen, oder sogar gleich anziehen sollte. Tino schreitet selbstverständlich barfuß aus dem Haus und so atme ich tief durch und tue es ihm gleich.

Natürlich hat Tino meine Barfüßigkeit gleich bemerkt, aber er ist so freundlich, diese nicht anzusprechen. Der gepflasterte Straßenboden fühlt sich unter meinen nackten Fußsohlen anfangs sehr ungewohnt an und ich tapse eher vor mich hin, als dass ich normal spazieren gehe. Aber nach ein paar Schritten habe ich mich an das Gehen auf ungeschützten Sohlen gewöhnt und gehe gelassen neben Tino her, wobei ich noch häufiger auf den Boden schaue. Tino scheint zu ahnen, dass ich mich mit dem Barfußgehen noch etwas schwertue und wählt für unseren Spaziergang Wege, die uns häufig über Gras und andere weiche Böden führen. Mittlerweile habe ich mich an meine nackten Füße gewöhnt und beginne, die Eindrücke, die ich über meine Fußsohlen erhalte, zu genießen. Tatsächlich bin ich so auf meine bloßen Füße fokussiert, dass ich gar nicht mitbekomme, wo wir eigentlich hingehen, bis wir auf einmal auf der Wiese vor dem Westgebäude der Uni stehen. Wir machen es uns im Schatten unter einem Baum bequem und legen uns in das trockene Gras. Neugierig betrachte ich jetzt meine eigenen Fußsohlen, die noch immer beinahe sauber sind. Tino scheint meine Gedanken zu lesen und hält seine Füße neben meine, sodass ich sie vergleichen kann. Tatsächlich sind Tinos Füße ein paar Zentimeter kleiner als meine und zudem deutlich schmaler. Auch hat er viel kürzere Zehen als ich. Von Gestern weiß ich noch, dass die Haut an seinem Fußballen und an der Ferse deutlich fester ist als bei mir, eine Folge des jahrelangen Barfußgehens auf allen möglichen Untergründen. Lachend drücken wir unsere Fußsohlen aneinander und lassen uns ins Gras fallen. Ich lege meinen Kopf auf Tinos Brust und er beginnt, mich sanft zu kraulen. Stundenlang liegen wir so schweigend und verliebt unter dem Baum, bis die Luft beginnt, deutlich kühler zu werden. Wir beschließen, dass wir unseren gemeinsamen Tag damit erst einmal beenden werden und verabreden uns für Morgen. Wir verabschieden uns mit einer langen und innigen Umarmung und machen uns getrennt auf den Heimweg. Erst auf der Hälfte der Strecke bemerke ich, dass ich noch immer barfuß bin und meine Sandalen noch bei Tino liegen. Lachend denke ich mir, dass ich ihn also wiedersehen muss.

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